Die aktuellen Ereignisse zu den Terror-Anschlägen in Paris lesen Sie in unserem Liveblog.

Beirut ist erschreckend leise. Der "Jetzt-erst-recht-Party"-Trotz, mit dem die Stadt früheren Terrorangriffen begegnete, ist verflogen. Die Nachricht von den Terroranschlägen in meiner derzeitigen Heimatstadt erreichte mich während eines Kurzbesuchs in Berlin. Einen Tag später flog ich zurück. Schon an den Gesichtern der Menschen in der Ankunftshalle am Beiruter Flughafen konnte man sehen, dass etwas passiert war. Kein Begrüßungsjubel, keine Blumen, stattdessen waren einige in Tränen aufgelöst. Sie hatten am Donnerstag, als zwei Selbstmordattentäter im schiitischen Viertel von Bourj al Barajneh über 40 Menschen ermordeten, Angehörige verloren ­ – und empfingen nun den Trauerbesuch aus Berlin. Das war am Freitagabend.

Der "Islamische Staat", in Syrien Kriegsgegner des Assad-Regimes und der mit ihm verbündeten libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah, hatte sich gerade zur der Tat bekannt. Wenige Stunden später begannen die Anschläge in Paris ­– offenbar als Rache für französischen Luftschläge gegen den IS in Syrien und im Irak. Heute Morgen zogen viele Beirutis von den Mahnwachen für die Opfer von Bourj al Barajneh gleich weiter, um Blumen vor der französischen Botschaft niederzulegen. 

Fünf Flugstunden liegen zwischen Paris und Beirut, aber emotional ist vielen Libanesen die französische Hauptstadt so nah wie keine andere in Europa. Viele sprechen Französisch, viele haben einen französischen Pass, viele sind in den vergangenen Jahren nach Paris geflohen, wenn die Sicherheitslage im Libanon außer Kontrolle geriet. Nun ist die französische Hauptstadt selbst Tatort von Terroranschlägen einer Dimension, die man aus Bagdad kennt – oder eben aus dem Beirut des Bürgerkriegs.   

We are all Paris – der Slogan kursiert nun weltweit in den sozialen Medien. Auch hier im Libanon, wie zuvor schon die Parole Je suis Charlie, unter der sich viele Libanesen in Trauer um die von IS-nahen Attentätern getöteten Karikaturisten versammelt hatten.

Angefangen von 9/11 über die Attentate von Madrid und London bis zu Charlie Hebdo fand ich die globale Solidarität mit den westlichen Opfern von Terroranschlägen immer selbstverständlich.

Jetzt versetzt sie mir zum ersten Mal einen Stich.

We are all Paris – absolut.  

Warum sind wir dann nicht auch alle Beirut? 

Oder Bagdad, wo solche Anschläge mit 50, 80 oder über 100 Toten immer wieder passieren?

Einseitige Solidarität

Mir geht es nicht um rituelle Trauerbekundungen für die Opfer von Gewalttaten in aller Welt. Aber erst seit ich in Beirut lebe, registriere ich die Bereitschaft von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten, mit uns zu fühlen und zu trauern, wenn Terroristen auch in Europa zuschlagen. Wir hingegen halten den Terror in ihren Ländern für "normal".

Ich durchforste jeden Morgen die Facebook-Seiten syrischer Aktivisten, darunter jene in Kafranbel.

Kafranbel ist eine selbstverwaltete Stadt in Syrien, die sich erfolgreich sowohl gegen das Assad-Regime wie auch gegen den IS zur Wehr gesetzt hat. Deswegen wird sie seit rund vier Jahren regelmäßig von der syrischen Luftwaffe mit Fassbomben bombardiert – und seit Kurzem auch von russischen Kampfflugzeugen in deren vermeintlichen "Krieg gegen den Terror" angegriffen. Kaum ein Tag vergeht, in dem die Aktivisten von Kafranbel nicht neue Namen von getöteten Zivilisten bekannt geben. Der Eintrag am Samstagmorgen auf der Facebook-Seite lautet:  "Wir beten für Frankreich, denn wir sind solidarisch mit dem französischen Volk und drücken den Familien jener, die bei den Anschlägen in Paris ermordet wurden, unser tiefstes Beileid aus."

Keine Hierarchie von Toten

Mich hat das erst ungemein berührt und dann beschämt. Warum? Weil es bislang keinen Hashtag #WeAreAllKafranbel gibt; und weil ich nicht weiß, woher Menschen, die jeden Tag durch staatlichen Terrorismus sterben können, die Kraft nehmen, den Opfern von nicht staatlichem Terrorismus in einem anderen Land zu kondolieren. Und zwar aus tiefstem Herzen und ohne die leiseste Andeutung eines "Jetzt-seht-ihr-mal-wie-das-ist".

Gleichzeitig hat mich dieser Eintrag aus Kafranbel ermutigt. Denn seine Autoren erinnern mit dieser so selbstverständlichen Geste der Empathie daran, dass es eine Hierarchie der Toten nicht geben kann. Dass Terror sowohl von apokalyptischen Dschihadisten ausgeübt wird, wie auch von so einigen, die vorgeben, diese zu bekämpfen. Baschar al-Assad hat in der Tat sofort versucht, die Anschläge von Paris propagandistisch zu nutzen, sich dabei aber selbst ein Bein gestellt. Frankreich, so erklärte er in einem Fernsehinterview, habe gestern das erlebt, was Syrien "seit fünf Jahren erlebt." Stimmt. Die Welt ist Paris, sie ist Beirut, sie ist Bagdad, und sie ist Kafranbel.