Die Verteilung von Flüchtlingen aus Griechenland nach Westeuropa hat begonnen. 30 Menschen flogen am Mittwochmorgen aus Athen an Bord eines kommerziellen Fluges nach Brüssel ab. Von dort werden sie nach Luxemburg fahren, wo sie aufgenommen werden sollen. Bei den Schutzsuchenden handelt es sich um vier Familien aus Syrien und zwei aus dem Irak. Sie waren aus der Türkei zur griechischen Insel Lesbos gekommen, wurden dort registriert und stellten einen Asylantrag. Sie sind die ersten Flüchtlinge in Griechenland, die nicht die Reise über den Balkan auf sich nehmen müssen, um nach Westeuropa zu gelangen.

Verabschiedet wurden sie bei einer Feier am Athener Flughafen von dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras, dem Präsidenten des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, EU-Integrationskommissar Dimitris Avramopoulos und Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. Im Anschluss finden Gespräche zwischen Schulz und Tsipras über die Flüchtlingskrise statt. Am Donnerstag wollen sie die Insel Lesbos besuchen, auf der viele Flüchtlinge landen.

Das Umsiedlungsprogramm war im September von von einer Mehrheit der EU-Länder beschlossen worden. Es sieht die Verteilung von knapp 160.000 Flüchtlingen aus Italien und Griechenland nach Nord- und Westeuropa vor, etwa 66.000 Flüchtlinge werden Griechenland verlassen. Den Anfang machten vor einem Monat 19 Eritreer, die von Rom nach Schweden geflogen wurden. Bisher wurden laut EU-Kommission 86 Flüchtlinge verteilt.

Bei Asylablehnung Abschiebung

Ein Sonderflug brachte am Dienstagabend außerdem etwa 70 Menschen von Athen zurück nach Pakistan. Diese Menschen hätten keinen Anspruch auf Asyl in der Europäischen Union, hieß es. Wie die griechische Presse unter Berufung auf die Polizei berichtete, wird die Rückführung der Migranten von der EU finanziert. Aus Sicherheitsgründen würden an Bord des Sonderfluges auch 120 Polizisten sein, berichtete die Zeitung Kathimerini. Insgesamt wurden nach Angaben der Polizeidirektion von Athen seit Juni 2014 etwa 6.500 Migranten ohne Asylrecht in ihre Heimat zurückgebracht.

Tausende Menschen erreichen Griechenland täglich, Mitte Oktober überschritt die Zahl der Mittelmeer-Flüchtlinge auf griechischen Inseln nach UN-Angaben erstmals die Marke von einer halben Million. Besonders dramatisch bleibt die Lage auf Lesbos. Wegen eines seit Montag andauernden Streiks der Seeleute fielen dort den dritten Tag in Folge alle Fährüberfahrten aus. Aus diesem Grund können keine Flüchtlinge von den Inseln zum Festland gebracht werden. Lokale Medien schätzen, dass allein im Hafen von Mytilini auf Lesbos mehr als 6.000 Menschen auf die Überfahrt warten.

Gefährliche Flucht

Auch kam es am Dienstag zu einem weiteren Bootsunglück in der Ägäis, bei dem mindestens fünf Menschen starben, darunter zwei Kinder. Wie die griechische Küstenwache mitteilte, war ihr Boot bei der Überfahrt von der türkischen Küste nach Lesbos in Seenot geraten. Von den 42 Menschen an Bord seien zunächst acht vermisst worden. Von ihnen hätten vier Menschen lebend geborgen werden können.

Einige griechische Inseln liegen nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt, doch es kommt bei der Überfahrt oft zu tödlichen Unglücken. In der vergangenen Woche waren mehr als 80 Menschen ums Leben gekommen. Seit Jahresanfang kamen bereits 560.000 Flüchtlinge, darunter viele Syrer, über das Meer nach Griechenland.

Vor der Küste von Zypern sind nach einem Notruf eines Flüchtlingsbootes 26 Menschen gerettet worden. Ein kleines Kind ist unterkühlt und dehydriert. Ein deutscher Zerstörer suchte das Gebiet anschließend ab, entdeckte jedoch keine weiteren Menschen im Wasser. Vermutet wird, dass das Boot am 30. Oktober in Tripoli im Libanon in See gestochen sei.

Flüchtlingskommissar fordert mehr Hilfe

Der Mangel an Geld ist nach Ansicht von UN-Flüchtlingskommissar António Guterres der Auslöser für die Massenankunft von Syrern, Irakern, Afghanen und Eritreern im östlichen Mittelmeerraum. Nach Jahren im Exil hätten die meisten der vier Millionen syrischen Flüchtlinge in Nachbarstaaten des Bürgerkriegslandes ihre Ersparnisse aufgebraucht und die Hoffnung auf eine politische Lösung verloren, sagte Guterres vor dem Menschenrechtsausschuss der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. 

Die Ressourcen der UN, des Roten Kreuzes und von Hilfsorganisationen reichten nicht, um die 60 Millionen Vertriebenen in aller Welt zu versorgen, sagte Guterres. Regierungen, Privatpersonen, Unternehmen und Stiftungen hätten dem Büro des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge 2014 zwar die Rekordsumme von 3,3 Milliarden Dollar bereitgestellt, doch das sei nicht genug, "um selbst das bloße Minimum abzudecken, und wir beginnen zu sehen, was daraus resultiert". 

Der Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex Fabrice Leggeri fordert die EU-Staaten auf, irreguläre Zuwanderer ohne Anspruch auf Asyl "notfalls zu inhaftieren", um ihre Rückführung in die Heimatländer zu gewährleisten. Seine Agentur habe in diesem Jahr mehr als 800.000 irreguläre Grenzübertritte an den EU-Grenzen registriert, sagte Leggeri der Bild-Zeitung. Zuwanderer ohne Anspruch auf Asyl sollten schnell abgeschoben werden: "Wer irregulär eingereist ist und kein Recht auf Asyl hat, muss schnell in seine Heimat zurückgeführt werden." Nach EU-Recht sei es möglich, irreguläre Zuwanderer für bis zu 18 Monate in Haft zu nehmen, um die Rückführung zu organisieren.