Der folgende Text ist das Manuskript einer Rede, die ZEIT-Redakteur Yassin Musharbash bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes am 19. November 2015 in Mainz gehalten hat.

Im Februar dieses Jahres veröffentlichte der "Islamische Staat" ein Video, in dem die Dschihadisten dokumentierten, wie sie einen jordanischen Piloten bei lebendigem Leibe verbrannten. Jedes Detail dieses Films war aufwändig inszeniert. Muaz al-Kasasbeh musste einen orangefarbenen Overall tragen und war in einen Käfig eingesperrt, was auf Guantanamo anspielen sollte. Die hochauflösende Kamera, die seinen Todeskampf aufzeichnete, war Teil einer offenkundig teuren Ausrüstung. Die eindringlichsten Szenen des Mordes wurden in verschiedenen Kameraeinstellungen eingefangen und in Super-Zeitlupe wiederholt, sogar der Sound war professionell nachbearbeitet worden. Und die Verbreitung der Links, die zu dem Video führten, erfolgte konzertiert: Der "Islamische Staat" flutete das dschihadistische Internet geradezu mit dem Film und kreierte so ein Event – nicht zuletzt mit dem Kalkül, dass die internationalen Medien darüber nicht hinwegsehen würden.

Wie gehen Journalisten mit solch einer Veröffentlichung um? Wie sollten sie damit umgehen?

An jenem Tag veröffentlichten Journalistinnen und Journalisten in der ganzen Welt innerhalb von Stunden Hunderte, vermutlich Tausende Berichte über diesen Mord. Mir sind dabei insbesondere zwei Dinge aufgefallen: In vielen arabischen Medien stand die durch das Video transportierte Nachricht im Vordergrund, dass ein jordanischer Pilot getötet worden sei.

In vielen westlichen Medien wurden – darüber hinausgehend – zwei weitere Aspekte festgehalten: Dass es sich bei dem Film erstens um Propaganda handle, was eine Art Warnhinweis für die Konsumenten darstellen sollte; und dass zweitens der Mord an Al-Kasasbeh eine Eskalation, einen neuerlichen Höhepunkt der Grausamkeit im Vorgehen des "Islamischen Staates" markiere – was einer ersten Einordnung oder Bewertung gleichkam. CNN etwa nannte es "das bislang brutalste" Video des "Islamischen Staates".

In kaum einem Bericht wurde derweil wiedergegeben, wie der "Islamische Staat" seine spezifische Mordmethode eigentlich begründet hatte: Damit nämlich, dass al-Kasasbeh als Kampfpilot, der Bomben abwirft, auf genau dieselbe Art und Weise Menschen getötet habe – auch er habe Menschen, die eingesperrt gewesen seien, dem Feuertod anheim gegeben. Seine Hinrichtung durch Verbrennung stelle mithin eine angemessene Form der Vergeltung dar.

Wäre es sinnvoll gewesen, diese Information mitzuteilen, in die Artikel aufzunehmen? Gewiss war die Begründung des "Islamischen Staates" doch auch Teil der Propaganda?! Und wenn ja: Warum sollte man dem "Islamischen Staat" zugestehen, auch noch seine Rechtfertigung für solch einen abscheulichen Mord weiterzuverbreiten? So haben offenbar viele Journalisten gedacht – und sich entschieden, an dieser Stelle eine Grenze zu ziehen.

Nur hätte man dann nicht auch fragen müssen: Wieso berichten wir überhaupt über das Video? Und wieso nutzen einige Redaktionen Screenshots aus diesem Propagandafilm und stellen sie auf ihre Websites?

Und worauf, so könnte man weiter fragen, stützte sich eigentlich der Befund, dass der Mord an Al-Kasasbeh eine Eskalation darstellte? Auf ein Gefühl, das den zuschauenden Journalisten ergreift, wenn er das Video anschaut? Schließlich hatte der "Islamische Staat" zuvor schon Menschen enthauptet, Menschen von Dächern in den Tod geworfen, Menschen als Verräter gekreuzigt, Menschen gesteinigt – und all das ebenfalls dokumentiert. Ist Verbrennen wirklich schlimmer? Und wer will das eigentlich beurteilen?

Terroristen planen Medien bei Anschlägen mit ein

Einmal angenommen, der "Islamische Staat" hätte Steven Sotloff und die anderen westlichen Geiseln, von deren Tötung wir in den Wochen und Monaten zuvor erfahren hatten, nicht enthauptet, sondern stattdessen bei lebendigem Leibe verbrannt – den jordanischen Piloten hingegen enthauptet: Wäre dann vielleicht trotzdem in den Artikeln von einer Eskalation die Rede gewesen? Sind wir also am Ende dem "Islamischen Staat" auf den Leim gegangen, der in dem Video zwar alles getan hat, um den Mord an Muaz al-Kasasbeh als Eskalation erscheinen zu lassen, damit wir es als eine solche beschreiben, ihn aber in Wahrheit selbst nicht einmal für eine Eskalation hält?

Es geht nicht um Medienschelte. Ich möchte einige der Herausforderungen, manchmal auch Dilemmata beschreiben, mit denen wir Journalisten konfrontiert sind, wenn wir über Terrorismus und Terroristen berichten.

Die inszenierte Ermordung Al-Kasasbehs ist dafür nur ein Beispiel. Terrorgruppen planen Journalisten und ihre Reaktionen längst mit ein; vermutlich haben sie das immer schon getan, Terrorismus wird schließlich nicht grundlos mitunter als Akt politischer Kommunikation gedeutet. Der Terrorist will nicht nur jene schrecken, die er unmittelbar zu Opfern macht, sondern allgemein Angst verbreiten und das Gefühl vermitteln, jeder könne jederzeit das nächste Opfer werden. Das funktioniert am besten über Bilder.    

"Ein Radiosender ist für uns wichtiger als eine Atombombe": So lautet ein Zitat, das dem Al-Kaida-Gründer Osama bin Laden zugeschrieben wird. In der Tat sind Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit der Sauerstoff des Terrorismus. Und mehr als jede andere Gruppe entscheiden Journalisten über die Verteilung dieser beiden Ressourcen. Jede Journalistin und jeder Journalist, die oder der regelmäßig über Terrorismus berichtet, ist wohl schon gefragt worden: "Wieso macht ihr das? Wäre es nicht die größte denkbare Niederlage für Al-Kaida, IS und Co., wenn niemand über ihre Anschläge berichten würde? Je mehr ihr schreibt und sendet, desto größer ist doch der Gefallen, den ihr den Terroristen tut!"