Die Silhouette von Paris, orange-rot umschleiert, in der Mitte der Eiffelturm, an dessen Flanke die schwarze Flagge des "Islamischen Staates" (IS) flattert. Diese Fotomontage zirkuliert wie viele andere Bilder in sozialen Medien im Internet. Sie ist von einem Mann entworfen worden, der sich Omer Awari nennt und auf Twitter häufig solche Szenarien entwirft.

Ein anderes Bild, deutlich harmloser, zeigt auf einer palästinensische Facebookseite eine Karikatur: Am Krankenbett eines Leichtverletzten, um dessen Zeigefinger ein Mullverband gewickelt ist, hockt ein besorgter, trauriger Mensch, der als "die Welt" bezeichnet wird. Hinter seinem Rücken, im Nachbarbett, liegt von Kopf bis Fuß bandagiert der schwerverletzte Patient namens "Syrien". Keiner kümmert sich um ihn, denn das leichtverletzte Europa geht vor.

Dies sind  zwei Beispiele für polemische Darstellungen, die nach den Anschlägen vom 13. November in Paris, häufig zu finden sind.  

Ahmad Mansour ist arabischer Israeli. Der Psychologe lebt in Berlin und arbeitet für Projekte gegen Extremismus. Gerade ist sein Buch "Generation Allah" erschienen. © S. Fischer Verlage

Beim Browsen durch arabische Websites zeigt sich, dass die Mehrzahl der Muslime in der arabisch-sunnitischen Welt sich mit dem ersten Bild nicht identifiziert und die Anschläge in Paris ablehnt und verurteilt. Viele Muslime bezeichnen den IS als teuflisch. Sie haben offensichtlich große Angst vor dieser Verzerrung ihres Glaubens, vor den Ungeheuern in Irak und Syrien. Sogar die palästinensische Hamas, die nicht gerade für ihre Zimperlichkeit bekannt ist, sondern Selbstmordattentate in Israel gutheißt, hat die Massaker in Paris klar als "unislamisch" bezeichnet. In den schiitisch geprägten Netzwerken schlägt man, schon allein wegen der Rivalität mit den Sunniten, einen noch schärferen Ton an.

Muslime müssen Verantwortung übernehmen

Aber. Fast immer folgt auf die Ablehnung und Verurteilung sogleich ein Aber. Es gibt zwei Ebenen, die in den Kommentaren nebeneinander existieren. Auf den Grundtenor: Das in Paris ist schon schlimm, folgt sogleich: Doch was Muslimen widerfährt, ist ungleich schlimmer! Veranschaulicht wird diese zweite Ebene in dem Bild mit den beiden Patienten. Sie wirft unangenehme Fragen nach der Bereitschaft der Muslime auf, Verantwortung zu übernehmen. 

Wie, so muss man als Demokrat zuallererst fragen, konnte so ein Ungeheuer wie der IS vor aller Augen entstehen und wachsen? Eine Antwort muss lauten: Die Ideen mancher Eliten, vieler Imame und normaler Bürger in der arabischen Welt weisen Ähnlichkeiten mit der Ideologie des IS auf. Arabische Demokraten, die gerade für ihr Web-Profil die französische Flagge als Hintergrundsbild wählen, werden rasch als Heuchler denunziert, als nicht loyal, keine guten Araber oder keine guten Muslime. Ob sie denn gar nicht sehen, dass sich der Westen nur um sich selber kümmert? Da heißt es: "Dem Westen sind wir egal, in Palästina sterben Menschen, doch das interessiert keinen. Ob denn das 'europäische Blut' mehr wert sei, als das libanesische oder palästinensische?"

So entschieden sich einige Facebook-User gleich nach den Anschlägen, Fotos aus der Kolonialzeit der Franzosen in Algerien hochzuladen – tote, misshandelte Menschen. So sollte die Solidarität mit den Menschen in Paris entweder schnell im Keim erstickt oder wenigstens abgeschwächt werden. Außerdem werden auch sofort wieder die üblichen Verschwörungstheorien verbreitet. Eine der beliebtesten lautet, der IS sei eine Erfindung der amerikanischen oder israelischen Geheimdienste, mit dem Ziel, dem Ruf des Islam zu schaden.

Schwarz-Weiß-Bilder vom schlimmen Westen

Hier vermisse ich eine offene Auseinandersetzung mit dieser fehlgeleiteten arabischen Loyalität. Aus jedem arabischen Land reisen Jugendlichen in den Dschihad, nicht nur aus Europa. In arabischen, türkischen Moscheen sowohl im Inland wie im Ausland zeichnen Imame gern Schwarz-Weiß-Bilder vom schlimmen Westen, von dekadenten und verleumderischen Europäern, Amerikanern, Juden, Israelis. Das ist die Standard-Folklore der aktuellen arabischen Welt – so bekannt wie still toleriert.

Muslime stellen sich selbst oft als Opfer des Westens dar, sowohl historisch als auch aktuell. Kein Wort jedoch zur Verantwortung für die eigene Lage. Diese Haltung hängt mit den vielen Tabus in den weitgehend traditionellen, patriarchalischen Gesellschaften zusammen, die von Vätern, Onkeln und großen Brüdern dominiert werden. Sie geht Hand in Hand mit einer Angstpädagogik, mit Gewalt in der Erziehung, Gewalt gegen Frauen und mit einem so anrührend rückständigen wie gefährlichen Buchstabenglauben bei der Lektüre des Koran. Allzu oft werden dabei auch Selbstmordattentäter als Helden für die Sache aller Muslime verherrlicht.

Muslime müssen ihr Recht auf Freiheit einfordern

Die Spaltung des Denkens in Feinde und Opfer hat auch zum Entstehen des IS beigetragen. Es ist riskant und naiv, diese Haltung unter dem Label Tradition einfach hinzunehmen. So fällt man den mutig für Demokratie streitenden Muslimen in den Rücken, die in ihren Herkunftsländern wie in den Ländern der Diaspora, in Europa und anderswo auf dem Globus, für Reformen und demokratischen Wandel eintreten. Und diese Haltung schadet den freien Gesellschaften selbst, wenn sie sich mit dem Widerspruch einrichten.

Wollen moderne Muslime ihre Communitys oder ihre Länder verändern, muss ihnen klar werden, dass sie auch das Gewohnte kritisch sehen lernen müssen, sowohl die Hamas, Al-Kaida, die Hisbollah, das Regime von Saudi Arabien als auch den Imam an der Ecke, der pauschal gegen den Westen wettert. Wir Muslime müssen uns kritische Fragen stellen, die Modelle unserer Väter überdenken, unsere Erziehungsmethoden, die Tabuisierung der Sexualität. Wir sollten auch damit beginnen, unsere Religion, unseren Koran historisch-kritisch zu betrachten und auszulegen und im Zuge dessen aufhören, die Welt in Muslime und Nicht-Muslime einzuteilen, sondern in humane Menschen und Fanatiker.

Auch wenn es groß klingt: Erst dann wird die Sonne der Aufklärung auch für uns aufgehen. Und damit wird sich eines Tages die Frage nach Integration erübrigen. Denn dann sind auch Muslime demokratische Weltbürger. Keiner von uns ist ein Jota weniger klug und fähig, als ein Mensch im Westen. Wir haben jedes Recht auf Freiheit und Demokratie. Wir müssen aber selbst dieses Recht Wirklichkeit werden lassen, wo immer wir leben. In Europa sollten die Mehrheitsgesellschaften, die Demokraten unter den Muslimen mit aller Kraft unterstützen.

Vor zwei, drei Generationen galt das Frauenwahlrecht fast überall in Europa als utopisch. Die Zeiten können sich ändern, sie tun es sogar immer. Es kommt auf uns alle an, Muslime und Nichtmuslime, wie lange Gewalt und Terror bleiben, nicht allein in Syrien und im Irak. Enden wird der Terror ohnehin irgendwann. Keine Gewaltherrschaft hat Bestand. Es liegt an jedem verantwortlichen Demokraten, wie lange sie dauert.