Was beschäftigt Sie gerade? Warum tun Sie das, was Sie tun? Was ist der Sinn des Lebens? Das fragen wir regelmäßig einen von 80 Millionen Menschen in Deutschland. Hier antwortet Klaus Seilwinder, 58.

"Als Obdachloser gibt es verschiedene Strategien, um zu überleben: dealen, klauen, andere illegale Sachen. Oder die legale Schiene: Straßenmusik, Zeitungen verkaufen, betteln. Gib mir mal nen Euro – das konnte ich nie. Ich schnorr mir nicht mal ne Zigarette von Fremden. Musikalisch bin ich nicht und das Zeitungsverkaufen war auch nicht so mein Ding. Also habe ich Flaschen gesammelt.

Auf der Straße gelandet bin ich aus eigener Dummheit. Ich bin vor Problemen immer weggelaufen. Ich habe bei einem Tabakbauern in Brandenburg gearbeitet und dort auch gewohnt. Bis wir uns zerstritten haben. Anstatt das auszudiskutieren, habe ich mir die Hucke vollgesoffen, den Schlüssel in den Briefkasten geschmissen und bin abgehauen. Das war vor 13 Jahren. Eigentlich wollte ich nach Baden-Württemberg und dort arbeiten. Aber ich bin in Berlin gestrandet.

Am Anfang war das ganz lustig. Ich hatte noch ein bisschen Geld, es war ein warmes Frühjahr. Ich bin zur Bahnhofsmission am Zoo gegangen und habe sofort Leute kennengelernt, andere Suffköppe. Ich war 40 Jahre Alkoholiker. Wir waren zu siebt, einer ist tagsüber immer an unserem Platz geblieben und hat auf die Sachen aufgepasst, die anderen haben ihre Tour gemacht. Abends kamen alle wieder zusammen.

Bei den Suffköppen ist alles so lange schön und gut, bis der letzte Tropfen weg ist, dann geht das Gezanke los. Das war nicht meine Art, also habe ich mir bald alleine einen Platz gesucht, im Tiergarten. Von da an war ich Einzelgänger, ich brauchte mir nur noch einen Kopf um mich selber machen. Im Herbst brach oft die Welt über mir zusammen: Warum sind die Leute alle so glücklich und ich nicht? Aber als Alkoholiker hat man immer einen schnellen Trost.

Meine Überlebensregel war: Erst kommt der Magen dran, dann die Leber, und wenn was übrig ist, auch die Lunge. Manche achten gar nicht darauf, dass sie genug essen. Dann hätte ich das wahrscheinlich nicht so lange durchgehalten auf der Straße.   

Im Tiergarten wurde ich von Neonazis überfallen

Ich habe mir Strukturen aufgebaut. Bei einer Disko hatte ich das Exklusivrecht zum Flaschensammeln. Ich war ein paar Mal da und die Security-Leute haben gesagt: Wenn du hier nicht nur die Pfandflaschen wegräumst, sondern alle, dann lassen wir keinen anderen rein. Wenn die Jugendlichen in Feierlaune waren, haben sie mir oft ein paar Euro gegeben. Einmal kam ein Großkotz mit nem Porsche, holt nen Fuffziger raus und sagt: Mach dir mal nen schönen Abend. Der wollte vor seiner Freundin angeben, ich hab natürlich trotzdem nicht Nein gesagt. Aber meine Flaschen habe ich auch an dem Abend gesammelt, ich habe mir sogar Vertretungen organisiert, wenn ich nicht konnte. Es war klar, wenn ich zweimal nicht komme, bin ich da weg vom Fenster.

Vom Leben auf der Straße erzähle ich immer lieber die schönen Sachen. Die 450 Euro Finderlohn für das Handy, das ich beim Grabschen im Mülleimer gefunden habe. Der Mann, der mich ins Café eingeladen hat. Blöde Bemerkungen von Leuten habe ich kaum gehört. Ich hatte meist ein kleines Radio in der Tasche, Kopfhörer rein, so bin ich durch die Straßen gegangen. Ich hab Deutschlandfunk gehört, damit ich nicht verblöde. Man wird auch öfter mal geschubst. Solche Leute erkennt man dann schnell von Weitem und geht einen anderen Weg.

Aber es gab auch Schlimmeres. Im Tiergarten wurde ich von Neonazis überfallen. Es gibt richtig Truppen, die suchen Obdachlose und die wissen auch, wo welche sind. Die waren zum Glück so besoffen, dass ich abhauen konnte.

Ein anderes Mal hatte ich weniger Glück. Ein Typ mit Glatze und Springerstiefeln hatte auf der Straße eine Vietnamesin mit Kinderwagen angepöbelt. Ich bin dazwischengegangen und dachte, ich kann ja flinke Füße machen. Ich hatte nicht gesehen, dass um die Ecke noch zwei standen. Die haben mich zusammengetreten, Rippen gebrochen, Nase gebrochen, Zähne raus. Ein Taxifahrer kam mit einem Baseballschläger angerannt, der hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet.

Danach bin ich vorsichtig geworden. Auf den offenen Plätzen, an den touristischen Orten, ist es am sichersten. Seit dem Überfall im Tiergarten hatte ich allerdings keine Papiere mehr, und die Hemmschwelle, auf ein Amt zu gehen, war riesengroß. Wenn einer zu mir Penner gesagt hat, konnte ich damit leben. Aber wenn einer Asozialer gesagt hat, dann bin ich ausgeflippt. Als asozial habe ich mich nie empfunden.

Ich bin längst Opa

Ich habe eine Tochter, die ist 40, ich bin längst Opa. Mit der habe ich Kontakt. Ihre Mutter war 19 und ich 18, als sie geboren wurde, das war in der DDR normal. Nach sieben Jahren haben wir uns getrennt. Meine Partnerschaften danach dauerten immer nur drei oder vier Jahre. Aber es ist nie im Schlechten auseinandergegangen.

Der Winter 2009/2010 war ein saukalter. Ich bin die ganze Nacht in Bewegung geblieben. Wenn um vier die erste S-Bahn fuhr, bin ich hin- und hergefahren, bis um acht die Kontrolettis kamen. Ein Kumpel von mir hat damals Obdachlosenzeitungen verkauft und es in eine eigene Wohnung geschafft. Der machte mir ein Angebot: Du kannst jetzt im Winter zu mir kommen, aber wir kümmern uns um deine Papiere, Anmeldung und Geld. Der hat mich zu meinem Glück gezwungen und ich bin ihm heute noch sehr dankbar. Er hatte eine Einraumwohnung und eine Abstellkammer. Dort habe ich ein Vierteljahr gewohnt.

Ich musste mir eingestehen, dass ich ein richtiger Loser war. Dass ich nichts mehr hatte. Und dann auf der Behörde die dummen Fragen. Die Überwindung. Ich bin auch nicht immer nüchtern hingegangen. Ein paar Mal bin ich wieder umgedreht. Dieses Betteln. Zuzugeben, ich hab mein Leben nicht im Griff, helft mir bitte, das war das Schlimmste für mich.

Da hat sie mich zum Kaffee eingeladen

Inzwischen habe ich gelernt: Das ist gar kein Betteln, das steht mir ja zu. Weil ich bei meinem Freund gemeldet war, konnte ich auch wieder zum Jobcenter und ich habe eine Zuweisung für eine Obdachlosenpension bekommen. Aber da habe ich es nicht lange ausgehalten, ich war mit drei Junkies in einem Zimmer, da ist das Blut schon am frühen Morgen durch die Gegend gespritzt. Sowie der Frost vorbei war, bin ich da wieder raus.

Mit dem Alkohol habe ich erst später aufgehört. 2011 habe ich einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft bekommen, da gehörte es dazu, die Bewohner einmal im Jahr zur Entgiftung zu schicken. Aber das hat keinem geholfen, nach ein paar Wochen haben die alle wieder gesoffen. Ich dachte, was soll's, mal gucken.

Als ich in der Entgiftung ankam, wurden auch drei Frauen eingeliefert, eine vom Notarzt und zwei von der Polizei. Die sind wirklich ausgeflippt wegen dem Alkohol. Sie wurden fixiert und lagen da im Flur in ihrem Erbrochenen. Das war der Moment für mich, in dem ich gesagt habe: Nee, Klaus, so willst du hier mal nicht landen.

"Sag nicht, dass du jetzt auch einer von den Trockenen bist!"

Alle, die freiwillig da waren, hatten ein Armband. Wer eingeliefert wurde, hatte keins. Nur mit dem Armband konnte man sich frei auf dem Gelände bewegen. Ich habe alle Therapieangebote angenommen, die es in der Entzugsklinik gab. Zurück in Berlin habe ich mir eine Selbsthilfegruppe gesucht und auch einen Therapieplatz bekommen.

Am Anfang war es schwer. Ich habe noch in der WG mit den anderen gewohnt, die alle gesoffen haben. Aber ich konnte dann zu meinen Leuten aus der Gruppe gehen und sagen: Du, ich bin kurz davor.

Wenn mal einer in der Gruppe einen Rückfall hatte, habe ich das immer analysiert, geguckt: Wo sind meine Stolpersteine? Bisher habe ich sie alle umgangen. Auch als mein Freund, der mich von der Straße geholt hatte, gestorben ist. Das ist mir sehr nahegegangen. Nach der Beerdigung sind wir alle in seine frühere Stammkneipe am Moritzplatz. Die Chefin kam gleich und hat mir einen Schnaps und ein Bier hingestellt. Ich sage: Mädel, ein Wasser wär mir lieber. Sie guckte mich nur groß an: "Sag nicht, dass du jetzt auch einer von den Trockenen bist!" Dann hat sie das Bier mitgenommen und niemand hat mehr was gesagt. Da dachte ich: Klaus, das hast du jetzt wohl auch geschafft.

Nun führe ich Touristen durch die Stadt

Das Armband aus der Entzugsklinik habe ich noch eine ganze Weile getragen, damit es mich daran erinnert, wo ich herkomme. Geheilt ist man nie, aber ich bin seit dreieinhalb Jahren trocken und sehr stolz darauf.

Inzwischen wohne ich alleine in einer Einraumwohnung, ich bekomme Hartz IV. Wo ich früher meine Flaschen gesammelt habe, führe ich nun Touristen durch die Stadt, für Querstadtein. Die Leute wollen wissen, wie es ist, als Obdachloser in Berlin. Das Erzählen macht mir Spaß. Unter Alkohol habe ich dicht gemacht, jetzt kann ich auf Leute zugehen und auch zuhören.

Einmal in der Woche leite ich nun eine Selbsthilfegruppe. Ich helfe den Leuten auch, wenn sie sich nicht trauen, zu Behörden zu gehen. Ich sage ihnen: Du brauchst dich nicht schämen, die machen das für dich.

Seit zwei Jahren habe ich wieder eine Beziehung. Sie ist Verkäuferin im Supermarkt, hat immer mitbekommen, was ich so kaufe. Und irgendwann gemerkt, dass kein Alkohol mehr dabei ist. Da hat sie mich zum Kaffee eingeladen."