Die aktuellen Ereignisse zu den Terror-Anschlägen in Paris lesen Sie in unserem Liveblog.

Wenn es einen Ort in Paris gibt, der die Geschichte dieses Tags danach erzählt, dann ist es die Stelle, wo die Rue Bichat auf die Rue Alibert trifft. Hier, im wahrscheinlich angesagtesten Viertel von Paris, mischt sich Trauer mit Hoffnung, Furcht wird zum Trotz. Vor einem Restaurant und einer Bar legen die etwa hundert Leute, die hergekommen sind, Blumen nieder. Sie zünden Windlichter an, stellen sie auf die Türschwellen. Auf dem Weg dorthin müssen sie über Holzspäne laufen, die von der Polizei gestreut wurden, um die Reste der Blutlachen zu überdecken. 14 Personen sind vor dem Restaurant Le Petit Cambodge und dem Café Le Carillon gestorben.

Wie Alexandre, 23 Jahre alt, geht es vielen, die sich hier versammelt haben. Er starrt vor sich hin, seine Augen sind feucht, er muss schlucken. Andere schütteln den Kopf, viele umarmen sich, einige weinen. "Es fühlt sich so seltsam an", sagt Alexandre. "Ich gehe hier jeden Tag vorbei, war hier oft essen. Und jetzt?"

Alexandre wollte einen ruhigen Abend, die Woche war anstrengend genug. Dann hat er Schüsse gehört, er wohnt die Straße runter, etwa 50 Meter von hier. Er habe erst gar nicht realisiert, dass es wirklich Schüsse wären, sagt er, bis die Sirenen kamen und Freunde anfingen, ihn anzurufen: Sag, bist du okay? Alexandre war okay, aber nur körperlich. Jetzt versucht er zu begreifen, was kaum zu begreifen ist.

Die erste Ausgangssperre seit 1944

Paris ist verängstigt an diesem Samstag. Das spürt jeder, der durch die Stadt geht. Der Eiffelturm steht verwaist an der Seine, niemand darf hinauf. Auch die meisten anderen Sehenswürdigkeiten sind geschlossen. Im Zentrum trifft man kaum Touristen, nur ein paar Verwegene marschieren über die Île de la Cité in Richtung Notre Dame, hastiger als sonst. Sie schauen sich öfter um.

Es herrscht noch immer Ausnahmezustand in der Stadt, außerdem wurde die erste Ausgangssperre seit 1944 verhängt. Die Pariser Metro wird nur eingeschränkt bedient. In die Straßencafés, die auch um diese Jahreszeit für gewöhnlich sehr gut besucht sind, verirrt sich kaum ein Gast. Es ist so wenig Verkehr, dass man ausnahmsweise durch die Stadt kommt, ohne im Stau zu stehen. Und immer wieder Sirenen, ein Geräusch, bei dem man unweigerlich zusammenzuckt.

Vor dem Le Petit Cambodge und dem Le Carillon parken mittlerweile zahlreiche TV-Trucks mit ihren großen Satellitenschüsseln. Immer mehr Fotografen versuchen ihr Bild der Trauer zu schießen. Reporter führen Interviews, meist ebenso ergriffen wie ihre Gesprächspartner. Zwischen die Kerzen und Blumen und Postkarten hat jemand eine Tricolore gelegt.

Anschlag im Neukölln von Paris

Doch es gibt auch eine andere Seite. Gleich gegenüber steht Maxime in einer Schlange. Er möchte Blut spenden. Ein makabrer Zufall will es, dass direkt gegenüber dem Ort, an dem so viel Blut vergossen wurde, eines der größten Krankenhäuser der Stadt steht. In einer Mauer des Hôpital Saint-Louis sind noch die Einschusslöcher zu sehen, davor warten Maxime und etwa 40 andere, um ihr Blut zu geben. "Ist dieser Ort hier nicht unglaublich symbolisch?", fragt er.

Maxime hat vergangene Nacht nur eine Stunde geschlafen, wenn überhaupt. Er war hier am Abend, nur 200 Meter entfernt, in einer anderen Bar. Es hätte genauso gut ihn treffen können, sagt er. Er versteht immer noch nicht ganz, was passiert ist. An diesem Abend lief er, nachdem er von den Toten gehört hatte, zu einem Freund, der Angst hatte. "Ich weiß nicht, ob das die beste Idee war, aber in dem Moment denkt man nicht, man macht einfach", sagt er. Später überlegte er sich, lieber nach Hause zu gehen. Wegen der vielen Polizisten und Soldaten auf den Straßen brauchte er fast eine Stunde.

"Dieser Anschlag ändert alles", sagt Maxime. Schon bei die Anschläge auf Charlie Hebdo zu verarbeiten, fiel ihm schwer. Und jetzt das, mindestens 128 Tote. Viele hier denken, dass sich die Attentäter nicht zufällig diese Gegend ausgesucht haben. Canal St. Martin ist das Hipsterviertel der französischen Hauptstadt. Das Neukölln von Paris. Viele Männer tragen Bärte und enge Hosen, die Frauen schwarze Strumpfhosen unterm Mantel. Le Petit Cambodge und dem Le Carillon waren beliebte Treffpunkte. Rings herum gibt es verspielte Läden. "Die Leute sind nett hier und offen", sagt Alexandre, der auch eine Hornbrille trägt. "Vielleicht ist es genau diese Atmosphäre, die die Attentäter treffen wollten."

"Alle Muslime Frankreichs werden jetzt darunter leiden"

Inzwischen sind Männer in weißen Arbeitsanzügen und mit gelben Warnwesten vorgefahren. Sie sollen sauber machen. Einige von ihnen fegen die Sägespäne beiseite, ein anderer spült den Bürgersteig mit einem Hochdruckreiniger sauber. Um ihre Arbeit zu machen, mussten sie vorher die vielen Blumen sachte zur Seite legen. Ein Anblick, bei dem noch mehr Trauernde schluchzen als zuvor.

In Canal St. Martin fürchten sich die Leute, dass es den Attentätern am Ende gelingen könnte, die Franzosen gegeneinander auszuspielen. Wir gegen die. Gegen die Muslime. Nun würden wieder Leute versuchen, aus diesem Attentat politisches Kapitel zu schlagen. Allen voran die Moslemhasser von Marine Le Pens Front National. "Das ist das Schlimmste, was passieren konnte. Alle Muslime Frankreichs werden jetzt darunter leiden", sagt Maxime. "Nur wegen dieser acht Bastarde."