Ein undatiertes Polizeifoto von Salah Abdeslam © Belgian Federal Police via AP/dpa

Am 15. November, um kurz nach neun Uhr morgens, veröffentlicht die französische Polizei auf Twitter das Foto des Mannes, der von diesem Moment an von Tausenden Polizisten gejagt werden wird. Es zeigt Salah Abdeslam. 26 Jahre alt, 1,75 Meter groß, geboren in Brüssel. Die Ermittler halten ihn für einen der Logistiker der Attentate von Paris, vielleicht sogar für einen Selbstmordattentäter, der während der Attacken davor zurückschreckte, den Sprengstoffgürtel zu zünden. Genau weiß das bis heute niemand, denn Abdeslam ist auf der Flucht, mehr als zehn Tage nach den Anschlägen. Und trotz einer der größten Fahndungen in der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Wie kann es sein, dass der meistgesuchte Terrorist Europas einfach abtaucht, obwohl allein in Belgien rund 1.000 Polizisten nach ihm suchen? Und was verrät die Biografie Abdeslams über die Probleme der Ermittler, islamistische Gefährder zu erkennen und zu überwachen?

Nach allem, was die Ermittler wissen, ähnelte der Lebenslauf Abdeslams dem seiner Komplizen an entscheidenden Stellen: Wie die meisten anderen Attentäter wuchs er in den neunziger Jahren als Kind von Einwanderern im Brüsseler Stadtviertel Molenbeek auf. Wie die anderen Attentäter hatte er zum Zeitpunkt der Angriffe einen europäischen Pass: einen französischen. Sein Vater wurde in Oran in Algerien geboren, vor der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich. Seine französische Staatsbürgerschaft reichte der Vater nach der Emigration nach Marokko und später nach Belgien an seine vier Söhne und seine Tochter weiter.

Suche nach einem Lebenssinn

Der Vater arbeitete in Brüssel als Straßenbahnfahrer, die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen, unweit des Rathauses von Molenbeek. Eine "moderne Familie", sagen manche, keine Radikalen. Die Mutter als Hausfrau daheim, der Vater auf Arbeit, der ältere Bruder Mohamed bei der Stadtverwaltung. Der junge Salah ging zur Schule, fand Freunde im Viertel, darunter auch den späteren Planer der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud. Er fand eine Stelle als Mechaniker bei den Brüsseler Verkehrsbetrieben, verlor diese aber 2011 wieder, weil er zu oft fehlte. Er rutschte in die Arbeitslosigkeit, kiffte viel und beging erste Straftaten. So zumindest haben es Bekannte aus dem Viertel beschrieben, als französische Reporter sie fragten.

Offenbar suchte Abdeslam in dieser Zeit nach einem Lebenssinn. Er fragte bei der Stadtverwaltung nach Jobs – vergeblich. Und er eröffnete gemeinsam mit seinem Bruder Brahim, der sich später in Paris auf der Terrasse des Comptoir Voltaire in die Luft sprengen wird, ein Café in Molenbeek. Das Café galt als Kiffertreffpunkt für junge Männer mit maghrebinischen Wurzeln. Die Stadtverwaltung ließ es wenige Tage vor den Anschlägen schließen, weil dort mit Drogen gehandelt wurde.

Glaubt man den Ermittlern, hatte Abdeslam wenige Monate vor den Anschlägen begonnen, sich zu radikalisieren. Auch sein Bruder Mohamed will sechs Monate vor den Anschlägen "leichte Veränderungen" bemerkt haben. So berichtet er es in mehreren Interviews, die er unter anderem dem französischen Staatsfernsehen gab. Sein Bruder habe aufgehört, Alkohol zu trinken und sei öfter in die Moschee gegangen. Misstrauisch habe ihn das nicht gemacht. Er habe geglaubt, Salah nehme seine Religion einfach etwas ernster.