Eingang des Restaurants Le Carillon in Paris © Christian Hartman/Reuters

Nun sitzen viele Hundert Menschen in den Wartezimmern von Krankenhäusern, auf Polizeistationen oder daheim an den Küchentischen und können es nicht begreifen: Warum und wozu ist mein Mann, mein Vater, meine Tochter, meine Schwester, mein Freund in dieser Nacht gestorben? Warum haben Männer, mit denen sie nie etwas zu tun hatten, denen sie nichts getan haben, warum haben diese Männer Menschen niedergeschossen, die wir lieben?

In Wahrheit gibt es darauf keine Antwort. Trotzdem wollen wir diese Angehörigen in Worte hüllen, sie trösten, und auch uns selbst. Doch in dem Moment, in dem die Politiker, die Kommentatoren, die Augenzeugen und die Terrorexperten zu sprechen beginnen, merkt jeder sofort: Das haben sie alles schon einmal gesagt. Am 7. Januar dieses Jahres war das, als islamistische Terroristen Redakteure der Satirezeitschrift Charlie Hebdo erschossen hatten.

Die Wiederholung lässt alle Worte matt erscheinen. Zudem ist es jetzt noch schlimmer: Noch viel mehr Tote, noch namenloser und barbarischer die Taten, abstrakter auch, weil es nicht einmal mehr in der Propaganda der Terroristen um die "Beleidigung des Propheten" gehen kann. Es ist nur noch Töten sans phrase.

Dass wir kürzlich alles schon einmal gesagt und alles schon einmal gehört haben, zeigt mit erschreckender Deutlichkeit: Franzosen, Europäer und Amerikaner sind dieses Jahr in ihrem Kampf gegen den Terrorismus keinen Schritt weitergekommen. Im Gegenteil. Das fängt schon bei den Sicherheitsbehörden und den Geheimdiensten an. Wie, um Himmels Willen, kann es nach Charlie Hebdo passieren, dass ein so komplexer, logistisch ausgefeilter, simultan an mehreren Orten verübter Anschlag mit Sprengstoffgürteln, Schnellfeuergewehren und Granaten nicht vorher aufgeflogen ist?

Das sind wichtige, brennende Fragen, denen sich Politik und Polizei in den nächsten Tagen stellen müssen. Und doch verfehlen sie den Kern der Beunruhigung, die von diesem zweiten Pariser Attentat des Jahres ausgeht. Ganz offenkundig driftet die ganze südliche Nachbarschaft der EU immer weiter ins Chaos und es entsteht mehr und mehr Hass. Und alles, was der Westen dagegen bisher unternommen hat, hat die Sache nur noch schlimmer gemacht.

Europa kann sich dem Chaos in Nahost nicht entziehen

Das, was im arabischen Raum geschieht, betrifft uns nun doppelt – auf friedliche Weise durch den ungeheuren Zulauf von Flüchtlingen, die vor genau dem islamistischen Terrorismus fliehen, der nun wieder Paris heimgesucht hat; und eben unfriedlich, barbarisch durch den Terror.

Dieser Anschlag trifft auf eine europäische Gesellschaft, die zu begreifen beginnt, dass sie sich die Folgen von Diktatur, Chaos und Hass im Mittleren Osten nicht mehr vom Leib halten kann und die zugleich fast völlig ratlos ist, was dagegen zu tun sein könnte. Alles wurde probiert, nichts hat wirklich funktioniert.

Verzweifeln muss man darum nicht, darf es auch gar nicht, aber man muss radikal neu denken. Wenigstens die grobe Richtung scheint klar: Wir müssen den Islamismus bekämpfen und uns mit den Muslimen versöhnen. Denn das ist das einzige, was wir noch nicht ausprobiert haben: die Araber und Perser so zu behandeln, als seien sie Menschen wie Du und ich, wie Nachbarn. In den letzten 100, 50, 20, zehn und zwei Jahren haben Europäer und Amerikaner den Mittleren Osten misshandelt, ausgebeutet und verachtet. Nie stand die Frage im Zentrum, was können wir tun, damit es den Menschen dort unten besser geht. Immer ging es zu allererst um die Frage, wie man Öl rausholt und Terrorismus nicht rauskommen lässt.

Europa muss sich mit gutwilligen Muslimen verbünden

Nun schaffen die Flüchtlinge eine neue Interessenlage für die Europäer, weil immer mehr von ihnen zu uns kommen werden, wenn es dort unten nicht bald besser wird. Erstmals haben die Europäer ein materielles, handfestes Interesse daran, dass die arabische Welt vorankommt. Das eröffnet Räume für neues Denken, bietet die Chance, dass wir nicht immer und immer wieder dieselben Worte wiederholen müssen, während wir zu Gefangenen unserer eigenen Methoden werden.

Dazu müssen die Europäer sich mit den gutwilligen, fliehenden, dort unten um ihre Rechte kämpfenden Muslimen gegen jene verbünden, die Hass säen, gegen die Terroristen vom IS und gegen die herrschenden Islamisten in Saudi-Arabien, gegen den Massenmörder von Damaskus und gegen die brutale Diktatur in Ägypten. Das klingt schwierig, ist es auch. Doch haben wir ja schon damit begonnen: Der größte Feind des islamistischen Terrorismus ist die Willkommenskultur.