Es war am späten Dienstagabend in einer hektisch einberufenen Pressekonferenz, als Thomas de Maizière die Antwort verweigerte. Details dazu, warum das Fußballspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden nach einer Terrorwarnung abgesagt wurde, wollte der Bundesinnenminister nicht nennen. Warum? "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern", sagte der Minister.

Bei vielen löste gerade dies neue Verunsicherung aus, bei anderen nur Spott. Was brachte den Innenminister zu einer solchen Aussage?

Einen Tag später, auf der Herbsttagung des Bundeskriminalamts in Mainz, versuchte de Maizière sich zu erklären. Es gehe ihm darum, den Informanten zu schützen, sagte der Innenminister. Und er suggeriert, der Hinweisgeber könnte für die Zukunft abgeschreckt werden, wenn die Sicherheitsbehörden offenlegten, woher sie ihre Information über eine mögliche Gefährdung des Fußballspiels hatten – oder woraus diese Information überhaupt genau bestand.

Vor dem Fußballspiel, so viel ist inzwischen klar, hatte der französische Geheimdienst die Deutschen gewarnt und den Namen eines Irakers übermittelt. Samt der Information, er habe einen Sprengstoffanschlag auf das Stadion geplant, in dem die Nationalmannschaft gegen die Niederlande spielen sollte. Deutsche Sicherheitsbehörden suchten anschließend nach dem Mann und nach Sprengstoff, fanden aber beides nicht. Inzwischen heißt es, dass sie eher an der Qualität des Hinweises zweifeln.

De Maizière hat noch einen anderen Erklärungsansatz dafür, warum er glaubt, dass die Wahrheit die Bürger überfordern würde. Er verweist auf die vielen Informationen, die nach den Terroranschlägen in Paris derzeit auf die deutschen Sicherheitsbehörden einprasseln. Man müsse abwägen, wann man das öffentliche Leben lahmlege. "Die Kriterien dieser Abwägungsentscheidung müssen vertraulich bleiben. Vollständige Offenlegung der Kriterien führt zu Berechenbarkeit unseres Handelns."

Doch jede Information zu verweigern, noch dazu mit dem Hinweis, das würde nur beunruhigen, sorgt nicht für Vertrauen in die Arbeit der Polizei und der Geheimdienste. Im Gegenteil. Eine demokratische Öffentlichkeit basiert auf der Idee, dass sich jeder seine eigene Meinung bilden kann. Doch dafür muss er die Fakten kennen. Vertrauen allein genügt nach diesem Konzept nicht.Schließlich wirkt es eher kontraproduktiv, jegliche Information zur Absage eines Fußballspiels zu verweigern, noch dazu mit dem Hinweis, das würde nur beunruhigen.

Möglicherweise gut gemeint

Natürlich gibt es Dinge, die Sicherheitsbehörden geheim halten müssen. Zumindest während einer laufenden Ermittlung. Normalerweise erklären sie es dann auch so. Wobei diese Begründung sicher auch gelegentlich als Ausrede dient. Möglicherweise mit der gut gemeinten Absicht: Wir wollen nicht, dass sich jemand Sorgen macht. Wir wollen verhindern, dass eine Panik ausbricht.

Seit den Anschlägen in Paris wird der Innenminister immer wieder zur Terrorgefahr in Deutschland befragt. Doch er gibt nur eine vage Antwort, immer wieder: "Die Gefährdungslage ist hoch. Die Lage bleibt ernst."  In Deutschland gibt es, anders als in Belgien oder Frankreich, keine konkreten Sicherheitsstufen. Der Bundesinnenminister kann also die Sicherheitslage nicht "hochstufen". Dennoch macht de Maizière seit Samstag immer wieder klar, dass Deutschland im "Fadenkreuz des internationalen Terrorismus" steht. Der IS, so seine Botschaft, könne auch in Deutschland zuschlagen, die Sicherheitsbehörden seien wachsam. De Maizière unterstrich in seiner Rede vor der Kriminalpolizei, er wisse noch nicht, ob die Anschläge des IS bislang nicht nur "Teil einer koordinierten Anschlagsserie" gewesen seien. Dies sei "sicher nicht der letzte Anschlag" der Terrororganisation in Deutschland gewesen.

Das ist ein besorgniserregendes Szenario, das de Maizière und andere Politiker aber auch immer mit der Bitte verknüpfen, dass niemand in Panik verfallen solle. De Maizières Satz macht die Diskrepanz klar, die zwischen gefühlter Bedrohung und offizieller Sicherheitslage klafft.