Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Münchner Kardinal Reinhard Marx sieht keine Gefahr der Islamisierung Europas. "Ich habe nicht die Angst, dass Deutschland in zehn Jahren islamisch wird, das kann ich nicht erkennen", sagte Marx im Münchner Presseclub. Zwar müssten die Sorgen der Menschen in der Flüchtlingskrise ernst genommen werden. "Wir müssen als Christen aber auch die Sorgen der Muslime ernst nehmen." 

Hinter solchen Vorstellungen einer Islamisierung steckten oft Verschwörungstheorien. Marx bewertete es positiv, dass Religion wieder ein Thema in der Gesellschaft sei. Zugleich richtete er die Bitte an die Diskutanten, sich auf der Basis echter Kenntnisse und in ernster Weise damit zu beschäftigen. 

Die schon jetzt rund 3,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime seien eingeladen worden, bei uns zu arbeiten und unseren Wohlstand zu sichern. Eine Haltung ihnen gegenüber nach dem Motto "Ihre Religion sollen sie aber in der Garage ausüben" lehnt der oberste Repräsentant der Katholischen Kirche in Deutschland ab. Zudem besitze bereits die Hälfte von ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Multireligiosität sei daher längst gesellschaftliche Wirklichkeit.

Der Kardinal warnte vor einer Verschärfung der Tonlage in der Flüchtlingskrise. "Die Leute, die über den Islam reden, sehen nur vermummte Schlächter", sagte er zur Empörung über die Gräueltaten der Terrormiliz IS. Das sei so ähnlich, wie wenn Christen auf die Hexenverbrennungen reduziert würden.

Der Islam müsse sich in Deutschland aber heftigen Debatten stellen. Dies könne in einer offenen Gesellschaft nicht ausbleiben. Zu klären sei, ob und wie man den Koran auch kritisch lesen könne, und wie es um das Verhältnis zur Gewalt bestimmt sei. Leider gebe es an den Münchner Universitäten bisher keine islamische Theologie.

An osteuropäische Länder, die sich weigern, Migranten aufzunehmen, appellierte er, sich nicht abzuschotten. "Weil ich Christ bin, kann ich nicht zum muslimischen Flüchtling sagen: Deine Not kümmert mich nicht", sagte der Kardinal. "Ich kann auch als Christ nicht sagen: Ein Deutscher ist besser als ein Syrer." Die Menschenwürde gelte nicht nur für Europäer.

Marx sprach sich im Interesse der Integration zugleich für eine Begrenzung der Zuwanderung aus. Die Rückführung von Flüchtlingen müsse aber verantwortlich erfolgen.