Blinde Menschen sind auf Unterstützung angewiesen – auf der Flucht noch mehr als im Alltag. © TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

Zum ersten Mal fällt mir Mohammed Bennani* an der Essensausgabe auf. Mohammed ist blind. Der junge Mann tastet sich an einem Gitter entlang. Die anderen Flüchtlinge drücken von hinten. Die meisten nehmen keine Rücksicht auf ihn.

Ich bin überrascht, einen blinden Mann in einer Unterkunft wie dem Ferry-Dusika-Stadion in Wien zu sehen. Es ist wohl eine der am wenigsten geeigneten Unterkünfte, die man in Wien finden kann, um einen blinden Mann unterzubringen: Hunderte Männer liegen auf dem kalten Boden der Eingangshalle auf Isomatten. Überall verstreut sind Matten, Decken, Schuhe, Ladekabel. Kein Ort, an dem man mit einem Blindenstock den Weg finden könnte. Zwischendrin stehen Bierbänke. Es gibt kaum freie Flächen im Eingangsbereich des Radstadions. Die Halle mit der Radrennbahn selbst wird nicht genutzt. Zu den Tribünen führen freistehende Treppen. Ideal, um sich als blinder Mensch böse den Kopf zu stoßen. "Ich hatte dort ein paar Unfälle", wird mir Mohammed ein paar Tage später sagen.

Als mir Mohammed das zweite Mal auffällt, fülle ich gerade Reis auf Plastikteller. An diesem Tag hat ein anderer Helfer Mohammed zuerst in die Schlange gelassen. Erst wenn Mohammed sein Essen hat, darf der Rest essen. Also muss es da wohl schon Ärger gegeben haben, oder er wurde aus der Schlange gedrängt, denke ich mir und fasse den Entschluss, ihn später zu suchen, um ihn zu fragen, wie er überhaupt im Dusika-Stadion zurechtkommt.

"Ich habe Angst hier"

Die Stimmung ist aufgeladen. Eine Gruppe Iraner protestiert gegen die Unterkunftsbedingungen. Auch gestritten wurde heute schon. Rasierklingen kamen zum Einsatz, erzählen mir andere Helfer. Ich finde Mohammed in dem Chaos des Stadions erst einmal nicht und frage einen der Sicherheitsleute. Als wir ihn treffen, stelle ich mich kurz vor und frage ihn, ob er zurechtkommt. Kommt er nicht. Das ist nach zwei Sekunden klar. "Ich habe Angst hier", ist das Erste, was er zu mir sagt. "Ich fühle mich hier nicht mehr sicher." Andere hätten ihm alles abgenommen: Sein Geld, sein Handyladegerät und auch auf das Essen muss er aufpassen, sonst klauen sie ihm auch das. 

"Ich kann hier niemandem vertrauen", sagt er. Erst dann wird mir klar, dass Mohammed alleine unterwegs ist. Er spricht fließend Englisch, kommt aus Marokko und ist vollblind. Später wird er mir erzählen, dass die Polizei in seinem Heimatland mit aller Härte gegen blinde Menschen vorgeht, wenn diese für ihr Recht auf Gleichberechtigung protestieren. Nicht einmal ein Bankkonto habe er in Marokko eröffnen dürfen. Immer wieder seien er und seine blinden Freunde auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte einzutreten. Immer wieder wurde er von der Polizei drangsaliert und mit Stöcken geschlagen, erzählt er mir. Bis er im September genug Geld zusammen hatte, um das Land zu verlassen.

Ich schlafe eine Nacht darüber, dann poste ich auf Facebook, dass ich dringend eine Unterkunft für einen blinden Flüchtling suche, kontaktiere die großen Hilfsorganisationen. Schließlich fahre ich ins Dusika-Stadion und hole Mohammed einfach ab. Das Sofa meines Wohnzimmers halte ich für eine bessere Alternative als einen blinden, allein reisenden Mann in solchen Umständen zu lassen.

Ein paar Tage später schaue ich mir seine Papiere an und stelle mit Erstaunen fest, dass auf keinem einzigen Dokument vermerkt ist, dass er ein blinder Flüchtling ist. Nur bei "Sprachkenntnissen" hat der befragende Polizeibeamte vermerkt: "Englisch (Blindensprache)". Wir werden in den kommenden Tagen oft darüber lachen. Vermutlich hat der Mann blind und gehörlos verwechselt und ihm Kenntnisse der Gebärdensprache unterstellt. Eine Blindensprache gibt es nicht und die Blindenschrift, die Mohammed beherrscht, ist keine Sprache.