Neulich ist wieder irgendwo ein Interview mit Hamed Abdel-Samad erschienen, über das sich eine Menge Leute aufgeregt haben. Ich wurde daraufhin von der Redaktion gefragt, ob ich eine Erwiderung schreiben wolle. Also las ich mir den Text durch – und hatte sofort keine Lust mehr, mich irgendwie näher mit der Sache zu beschäftigen.

Nicht, dass es keinen Grund dazu gäbe: Vieles von dem, was Herr Abdel-Samad zu den Themen Islam und Integration sagt, halte ich, mit Verlaub, für unsinnig, hanebüchen und unterkomplex. Als ich versuchte, mir vorzustellen, was ich in Erwiderung genau darauf schreiben würde, machte sich in mir eine Mischung aus Lustlosigkeit und Widerwillen breit, mich mit seinen pauschalisierenden Behauptungen auseinanderzusetzen. Aber etwas in mir fragte beharrlich, ob es nicht meine verdammte Pflicht sei, ihm entgegenzutreten.

Ein irritierender Zwiespalt

Dieser Zwiespalt irritierte mich, so sehr, dass ich mich zu fragen begann, was ihm eigentlich zugrunde liegt. Und warum es mir – und womöglich auch anderen – schwer fällt, auf Leute wie ihn zu reagieren. Vor allem, ohne persönlich zu werden. Denn nach allem, was ich höre, ist Hamed Abdel-Samad privat ein sehr netter, zurückhaltender Mensch. Der leider, sobald man ihm eine Bühne bietet, zur Rampensau mutiert, die nur noch Freund und Feind, Weiß und Schwarz, Zivilisation und Islam kennt. Sehen Sie, jetzt ist es mir schon passiert.

Also treten wir einen Schritt zurück und konzentrieren uns auf die Inhalte. Aber auch das macht es mir nicht unbedingt leichter. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, zweifle ich manchmal daran, ob man – beziehungsweise: ob ich – Behauptungen wie seine im Rahmen eines Zeitungsartikels überhaupt überzeugend kontern könnte. Ohne dass ein solcher Artikel in ein islamwissenschaftliches Proseminar ausartete, das viele Leser langweilen und daher letztlich nicht überzeugen würde.

Islamkritiker spielen keine positive, aber eine unverzichtbare Rolle

Ja, je mehr ich über diesen Umstand nachsann, umso mehr begann ich mich mit der gleichermaßen vagen wie unbequemen Möglichkeit zu beschäftigen, dass ich – und mit mir der Großteil der westlichen Islamforschung – ja auch einfach komplett falsch liegen könnte mit all dem, was ich zum Islam so denke. Und irgendwann wurde mir klar: Leute wie Abdel-Samad – gemeinhin "Islamkritiker" genannt – spielen eine wichtige Rolle für die Debatte hierzulande. Keine inhaltlich positive, aber eine strukturell unverzichtbare.

Das Problem ist: Wir neigen in Deutschland dazu, alles so lange auszudifferenzieren, bis nichts mehr da ist. Die deutsche Steuererklärung – es gibt nicht einfach Einkommen und Steuern, punkt, sondern Klauseln und Kläuselchen, von A wie Altersvorsorge bis Z wie Zweitwohnungssteuer. Die deutsche Politik: ein unablässiges Drehen an Schrauben und Schräubchen, sodass jemand, wenn er mal eine grundsätzliche Entscheidung trifft, sofort zur Person des Jahres gewählt wird. Der deutsche Mann, die deutsche Frau, die deutsche Kultur: nicht mehr zu erkennen vor lauter Ausdifferenzierung.

Und so verhält es sich auch mit dem Islam. Wir haben ihn so sehr in seine Bestandteile zerlegt, dass manche längst nur noch von "Islam" mit Gänsefüßchen sprechen wollen. Vermutlich ist das eine unweigerliche Folge des Fortgangs der Wissenschaft: Vor hundert Jahren hießen Bücher "Vom Werden und Wesen der islamischen Welt", heute lautet der Titel eines typischen größeren Forschungsprojekts "Muslimische Welten – Welt des Islams? Entwürfe, Praktiken und Krisen des Globalen". Wo einst Ausrufezeichen standen, gibt es heute Fragezeichen und Entwürfe.

In die Publizistik übertragen äußert sich das dann in Formulierungen wie der, dass es "den Islam als solchen gar nicht gibt", was ich bestimmt auch schon einmal verwendet habe. Talentiertere Islamwissenschaftler drücken das geschmeidiger aus, aber in etwa das ist es, was am Ende hängen bleibt. Den Islam gibt es nicht, man muss alles im Kontext betrachten, und im Übrigen waren viele muslimische Gelehrte im Laufe der letzten 1.400 Jahre anderer Meinung. (Wenn Sie mich fragen, ist Anderer-Meinung-Sein eines der wenigen wirklichen Wesensmerkmale islamischer Geistesgeschichte.)