Vor 30 Jahren stand ich auf einem Hügel in der Eifel und schaute in das erwartungsvolle Gesicht eines Freundes. Der hatte dort ein Stück Wiese gepachtet und sein erstes Windrad aufgestellt. Ich hielt ihn damals für einen Spinner, nett, aber irgendwie verrückt.

Heute weiß ich es natürlich besser. Er war ein Visionär, einer der früher als viele andere spürte, dass er etwas ändern kann und muss. Längst haben die Vordenker und Tüftler von damals nicht nur mich, sondern die Mehrheit der Deutschen davon überzeugt, dass wir etwas gegen den Klimawandel tun und deswegen die Energieversorgung der Menschheit umbauen müssen. Die meisten Bürger wollen gern möglichst bald auf die Atomenergie und auch auf die Verbrennung von Kohle verzichten. Und sie wollen, dass das auch andere Länder bald tun. Kein Wunder also, dass viele über die Klimakonferenz in Paris, die in dieser Woche in die heiße Phase geht und den CO2 Ausstoß weltweiten massiv reduzieren soll, nur müde lächeln können. Denn es ist ja schon jetzt klar: Paris wird das nicht schaffen.

Egal wie sehr die Regierungen noch über Kommata und Passagen streiten, über die Frage, ob im Abschlusstext "Dekarbonisierung" stehen darf oder nicht, egal wie sehr sie ihr Ergebnis und ihre freiwilligen Selbstverpflichtungen zur Reduzierungen von CO2 am kommenden Wochenende schönreden: Ihr selbstgestecktes Ziel werden sie so nicht erreichen. Damit das klappt, müsste schon ein Wunder geschehen und Wunder gibt es auf Weltkonferenzen eher selten. Die Gipfelbeschlüsse aus Paris werden, das weiß man schon jetzt, die Erwärmung der Erdatmosphäre nicht auf zwei Grad beschränken. Das müssten sie jedoch tun und zwar bald, um ein starkes Ansteigen des Meeresspiegels und möglicherweise gar das Schmelzen der Pole zu verhindern.

Den Regierungen fehlt die nötige Kraft, das ist jämmerlich. Und dennoch wäre es falsch, ihr Treffen nur als eine große Party abzutun, die enorme Spesenrechnungen und irren Reisekosten verursacht. Wer das tut, unterschätzt die Kraft von Ideen. Denn genau darin liegt die verborgene Chance von Paris: Diese Konferenz macht Ideen bekannt, sie treibt eine globale Unterhaltung über den Klimawandel voran!

Paris ist nämlich nicht nur eine Regierungskonferenz, sondern auch eine Art globaler Marktplatz, der die Außenpolitik der Gesellschaften befördert. Seit Tagen erinnern in der französischen Hauptstadt viele Menschen aus vielen Ländern andere daran, dass der Klimawandel Folgen für alle haben wird, und darüber wird wiederum seit Tagen weltweit in vielen Medien berichtet. Doch damit nicht genug: Die vielen Aktivisten bieten auch Alternativen, erzählen von einer möglichen anderen Zukunft. Auf unzähligen Veranstaltungen am Rande der Konferenz, organisiert von Nichtregierungsorganisation aller Art, lässt sich lernen, dass Photovoltaikanlagen längst billiger sind als Gaskraftwerke. Wie Energiewenden funktionieren und welche Fehler man dabei vermeiden sollte. Dass es Wohlstand auch ohne immer mehr Luftverschmutzung geben kann.

In Paris passiert heute also das, was in Deutschland schon vor mehreren Jahrzehnten angefangen hat. Angeregt durch die Anti-AKW-Bewegung begann hierzulande bereits in den frühen 80er Jahren die große Unterhaltung über die umweltverträgliche Energieversorgung der Zukunft: Die war nicht konfliktfrei, aber sie sorgte nach und nach für Wissen an vielen Stellen und auch für neue Technologien. Sie ermöglichte so schließlich die Energiewende, den Ausstieg aus der Kernkraft und die wachsende Versorgung des Landes durch Solarstrom und Windenergie.

Oder, um es konkret zu machen: Weil in Deutschland lange über die Gefahren der Atomkraft gestritten hatte, kam mein tüftelnder Freund auf die Idee, nach Alternativen zu suchen und sein Windrad zu bauen. Und damit erleichterte er wiederum gemeinsam mit vielen anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel den schnellen Ausstieg aus der Kernenergie – nachdem der Reaktor in Fukushima explodiert war. Im Grund hat also die Gesellschaft die Politik getrieben und nicht umgekehrt. Genau das kann anderswo auch funktionieren.

Noch ist es leider nicht so weit. Noch wollen Menschen in vielen Ländern der Welt mehr über den Reality Star Kim Kardashian wissen, als über den Klimawandel. Zumindest suchen sie Kardashian im englischsprachigen Google häufiger. Doch auch in Indien, China und anderswo gibt es immer mehr Umweltaktivisten und Politiker, Unternehmer und Tüftler, die die Zerstörung der Erdatmosphäre oder auch nur die Luftverschmutzung in ihrer Nachbarschaft nicht mehr hinnehmen wollen. Solarfabriken werden immer billiger, erleben deswegen einen Boom, und auch bei der Batterietechnik tut sich enorm viel.

Das heißt nicht, dass über Nacht überall Energiewenden passieren werden. Aber es bedeutet, dass weltweit auch künftig Überraschendes möglich sein wird – wenn nur genug Menschen es wollen, an Alternativen basteln und ihre Politiker antreiben.

Paris kann dazu beitragen, dass genau das passiert.