Wenn es um die öffentliche Aufmerksamkeit für Katastrophen geht, gilt das Gesetz der großen Zahl. Seit Jahren sterben im Mittelmeer Flüchtlinge bei dem Versuch, Europa auf dem Seeweg zu erreichen. Doch erst als im April binnen weniger Tage 1.400 Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken, war die Öffentlichkeit alarmiert und Europas Staatschefs zum Handeln bereit. Auf einem Sondergipfel in Brüssel beschlossen sie die Mission Eunavfor Med, die den Auftrag hat, Schleuser zu bekämpfen, aber auch vor den Küsten Menschen zu retten. Seither ist es um die Bootsflüchtlinge zwischen Libyen und Italien stiller geworden. Bedeutet das, dass weniger Menschen während der Überfahrt nach Europa sterben?

Die Antwort liefert ein Blick auf unsere interaktive Grafik, die sich aus Daten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) speist. Sie zeigt: Auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien sind in diesem Jahr bisher 2738 Menschen ertrunken – deutlich mehr als im Vorjahr. "Die zentrale Mittelmeerroute bleibt in diesem Jahr die gefährlichste von allen", sagt Charles Heller, Forscher am Goldsmiths College in London und einer der Gründer der Organisation Watch the Med, die sich für die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer engagiert. "Das wird gerade komplett vergessen, weil die Medien sich vor allem auf die Balkanflüchtlinge fokussieren."

Wahr ist aber auch: Die schwersten Unglücke ereigneten sich in der ersten Jahreshälfte. Und: Die Tendenz immer weiter steigender Todeszahlen wurde im Sommer durchbrochen. Das ist bemerkenswert, wenn man in Betracht zieht, dass im gleichen Zeitraum deutlich mehr Flüchtlinge versuchten, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben bis Ende November rund 945.000 Menschen das Mittelmeer überquert, allein im Oktober waren es mehr als 200.000. "Die Sterberate ist im Jahresverlauf dramatisch gesunken", sagt Heller.

Syrer und Afghanen wählen die Balkanroute

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist: Vor allem syrische und afghanische Flüchtlinge nutzen vermehrt die sogenannte Balkanroute – und nicht mehr die zentrale Mittelmeerroute nach Europa. Nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex haben bis Ende Oktober rund 140.000 Menschen die Überfahrt zwischen Libyen und Italien gewagt. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum noch 155.000. Gleichzeitig aber hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln der Ägäis ankommen, mehr als verdreizehnfacht.      

Die Balkanroute ist keinesfalls ungefährlich. Aber das Risiko im Mittelmeer zu ertrinken, ist geringer. Zwischen Libyen und Italien liegen mehr als 300 Kilometer auf offener See. Zwischen der Türkei und Griechenland sind es nur wenige Kilometer. Das Gewässer ist ruhiger, die Winde berechenbarer. Zwar ertrinken auch in der Ägäis immer wieder Menschen bei der Überfahrt. Aber die Boote fassen weniger Passagiere und allein schon daher sind die Opferzahlen geringer.

Es wird tatsächlich mehr gerettet

Hinzu kommt: Anders als noch im Frühjahr wird auf der zentralen Mittelmeerroute mehr gerettet – auch vor der libyschen Küste. Nach Angaben der deutschen Marine haben allein die Schiffe der EU-Mission Eunavfor Med seit April mehr als 13.000 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt. 9.600 wurden von deutschen Soldaten auf den Schiffen Schleswig-Holstein und Werra gerettet. Hinzu kommen Tausende Menschen, die von anderen Schiffen – etwa jener von Ärzte ohne Grenzen – vor dem Ertrinken bewahrt wurden.

Das heißt jedoch nicht, dass das Sterben im Mittelmeer aufhören wird. NGOs wie Sea-Watch werfen den Kommandeuren der EU-Mission vor, sich in den vergangenen Monaten wieder stärker auf die Bekämpfung der Schleuser zu konzentrieren und das Retten zu vernachlässigen. Ein Sprecher der deutschen Marine weist das zwar als "Humbug" zurück. Doch tatsächlich wird die Frage sein, wie gut die Retter vorbereitet sein werden, wenn die Zahl der Bootsflüchtlinge zwischen Libyen und Italien im kommenden Frühjahr wieder ansteigen wird. Hagen Kopp, ein Aktivist von Watch the Med sagt: "Bisher war es doch so: Nur wenn die Öffentlichkeit hingeschaut hat und die Medien eskaliert haben, waren die Staaten gezwungen zu handeln."