NSU-Prozess: Wohlleben will vom NSU nichts gewusst haben

Der Angeklagte bestreitet die Beschaffung der NSU-Mordwaffe, hatte aber Kontakt zu Beate Zschäpe im Untergrund. Ralf Wohllebens überraschende Aussage zum Nachlesen

Der mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Ralf Wohlleben hat bestritten, die Mordwaffe für den NSU beschafft zu haben. Vor dem Münchner Oberlandesgericht wies der 40-Jährige den Vorwurf der Beihilfe zum Mord zurück. Überraschend verlas er am Vormittag eine schriftlich verfasste Erklärung. Auf Nachfragen des Gerichts wird er am morgigen Donnerstag mündlich eingehen. Die Richter hatten die Befragung verschoben, da auch sie erst kurzfristig von der Aussage des Angeklagten erfahren hatten.

Die Bundesanwaltschaft wirft Wohlleben Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor – weil er die Waffe beschafft haben soll, mit der später neun Menschen erschossen wurden. Wohlleben räumte zwar ein, dass er von seinem damaligen Freund Uwe Böhnhardt in einem persönlichen Gespräch um die Beschaffung einer Waffe gebeten worden sei. "Hier äußerte er den Wunsch, dass ich mich nach einer scharfen Pistole für ihn umhören solle", erklärte Wohlleben. "Er sagte, ich sollte darauf achten, dass es ein deutsches Fabrikat ist."

Böhnhardt habe damals gesagt, er wolle nicht in Haft, sondern sich eher selbst erschießen, sagte Wohlleben. Er habe keine Waffe besorgen und am Suizid von Böhnhardt schuld sein wollen. Schließlich habe Carsten S. von Böhnhardt oder Uwe Mundlos den Auftrag bekommen, eine Waffe zu besorgen. Carsten S. ist einer der fünf Angeklagten im NSU-Prozess.

Wohlleben sitzt wie Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft. Er räumte ein, nach dem Untertauchen von Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe weiter Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Es habe mehrere Telefonate gegeben. In einer Wohnung in Chemnitz habe er sie auch wieder getroffen. Später sei es zu weiteren Treffen gekommen. Wohlleben sagte auch, er habe Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe weiter geholfen, als sie bereits von der Polizei gesucht wurden.

Von der Gewaltbereitschaft seiner damaligen Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe er nichts gewusst, so Wohlleben. Das Verhalten der beiden habe keinen Anlass gegeben, zu vermuten, dass sie schwere Straftaten begehen würden. Vom NSU und dessen zehn Morden habe er bis zum Auffliegen der Terrorgruppe im November 2011 nichts gewusst. "Wie alle anderen" habe er erst aus den Medien davon erfahren, sagte Wohlleben.

Die vollständige Aussage Wohllebens zur Nachlese:

  • 14:53 Uhr
    Tom Sundermann

    Der Gerichtstag ist beendet. Morgen beantwortet Ralf Wohlleben Fragen zu seinem Werdegang, insbesondere in der rechten Szene.

  • 14:52 Uhr
    Tom Sundermann

    Richter Manfred Götzl gibt bekannt: Morgen sollen die Zeugen gehört werden, die geladen sind, dann soll Wohlleben befragt werden. Wohlleben antwortet: Er will maximal noch Fragen zu den persönlichen Verhältnissen beantworten. Zum Anklagevorwurf will er sich im neuen Jahr äußern. Götzl stimmt zu.

  • 14:51 Uhr
    Tom Sundermann

    Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann bittet, zumindest eine Frage an diesem Tag stellen zu dürfen: Es geht um das Passwort für eine verschlüsselte Festplatte, die bei ihm sichergestellt wurde. Die Anwälte würden gerne das Material darauf sehen.

    Wohlleben: "Ich halte das nicht für sinnvoll." Es handle sich bei dem Datenträger um das Backup einer anderen Festplatte, die bereits vorliege.

  • 14:40 Uhr
    Tom Sundermann

    Nun nimmt Beate Zschäpes Altanwalt Wolfgang Heer Stellung zum Antrag seiner Mandantin auf die Entlassung von Heer und seiner Kollegen Wolfgang Stahl und Anja Sturm. Diesen hatte Zschäpes neuer Anwalt Mathias Grasel direkt nach Zschäpes Aussage am vergangenen Mittwoch gestellt.

    Heer gibt bekannt: Der Antrag kommt ihm und seinen zwei Kollegen zupass – schließlich hatten sie selbst bereits ihre Entpflichtung beantragt. Dennoch will Heer den Antrag nicht in der jetzigen Form stehen lassen – wegen des "unsachlichen Verhaltens" von Grasel. Dieser habe sich der "Verbreitung von Unwahrheiten" schuldig gemacht und "herabsetzende Äußerungen" verbreitet.

    In Grasels Antrag heißt es: Die drei Altverteidiger hätten Zschäpe gegen ihren Willen das Schweigen im Prozess verordnet. Heer legt daher nun dar, dass die drei Altanwälte immer wieder ihre Kooperation angeboten hätten. Informationen aus dem Fundus der Verteidiger habe Grasel jedoch abgelehnt. Der Vorwurf "bewusst schädigenden Verhaltens" treffe für das Anwaltstrio nicht zu, sie hätten den neuen Verteidiger auch nicht boykottiert.

    Zschäpe ist seit Monaten mit Heer, Stahl und Sturm zerstritten. Sie spricht kein Wort mehr mit ihnen, seit Grasel ihr neuer Pflichtverteidiger ist. Ihr fünfter Verteidiger, Grasels Kanzleikollege Hermann Borchert, soll ihr beim Verfassen der Aussage geholfen haben.

  • 14:38 Uhr
    Tom Sundermann

    Das Gericht ist wieder zusammengetreten. Richter Manfred Götzl verkündet: Die Befragung kann heute nicht mehr stattfinden – offenbar mangels Vorbereitungszeit. Wann es dazu kommt, wird in Kürze verkündet.

  • 14:25 Uhr
    Sybille Klormann

    Erste Reaktionen auf die Aussage Wohllebens: Uli Grötsch, der SPD-Obmann im neuen NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags, nennt die Aussage eine "Unverschämtheit" und einen "Schlag ins Gesicht der Angehörigen der Opfer".

    Nebenklägervertreter kritisieren, dass sich nach Zschäpe auch Wohlleben als Opfer stilisiere. "Das Mantra, dass man nicht gegen Ausländer sei, nur gegen eine ausländerfreundliche Politik, ist durch die Praxis der Neonazis in Deutschland mehr als widerlegt. Wenn Wohlleben meint, dass er damit durchkommt, stellt sich die Frage, warum er diese Erklärung nicht am Beginn der Verhandlung abgegeben hat", schreibt Rechtsanwalt Peer Stolle in einer Presseerklärung.

  • 13:43 Uhr
    Tom Sundermann

    Zwischenfazit in der Mittagspause: Für Journalisten kam die Wohlleben-Aussage am Vormittag überraschend – weniger hingegen für eine Riege mitgereister Skinheads im Publikum und seine Frau, die heute an seiner Seite sitzt.

    Wenig überraschend ist der Inhalt: Wohlleben war aktives Mitglied der rechten Szene Thüringens und half dem NSU im Untergrund – dennoch will er strafbare Unterstützungshandlungen für den NSU knapp umschifft haben.

    Vieles in Wohllebens Aussage erinnert an die Einlassung Beate Zschäpes. Gewichtiger Unterschied: Wo Zschäpe reichlich Erklärungen parat hatte für ihre Verstrickung in die Verbrechen, beschränkt sich Wohlleben auf eine schlichte Verneinung. Dafür greift er Carsten S. und Holger G. als Lügner an.

    In seiner Erklärung nennt Wohlleben – anders als Zschäpe – viele Namen, er spricht über die Szene. Gleichzeitig macht er deutlich, dass er der nationalen Sache nach wie vor verschrieben ist. Die Unterstützer auf der Besuchertribüne zeigen, dass ihm das abgenommen wird.

  • 13:25 Uhr
    Tom Sundermann

    Damit endet die verlesene Aussage von Wohlleben. Im Anschluss wird sich der Angeklagte Fragen stellen, die Richter Götzl vermutlich in der Mittagspause vorbereiten wird. Die Sitzung pausiert bis 14:25 Uhr.

  • 13:23 Uhr
    Tom Sundermann

    "Ich bin nicht schuldig im Sinne der Anklage. Es war mir unvorstellbar, dass die beiden zu solchen Taten imstande sein können. Ich kann es kaum glauben und habe kein Verständnis dafür. Nur aus Freundschaft habe ich sie bei der Flucht unterstützt – ich hätte es besser nicht getan. Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl."

  • 13:17 Uhr
    Tom Sundermann

    Die Aussage von Carsten S. zeige, dass dieser "mich um jeden Preis belasten will". Er habe entweder "falsche Belastungstendenzen mir gegenüber oder er erinnert sich völlig falsch". Seine Verteidiger steuerten seine Aussage so, dass die Anklage möglichst weit bestätigt und S. selbst dabei entlastet wird.

    Wohlleben bekräftigt erneut, dass er die NSU-Taten nicht gebilligt habe: "Meine ablehnende Haltung gegenüber Gewalt erfasst erst recht die Begehung von Morden." Vom NSU will Wohlleben erst ab dem 4. November 2011, dem Tag des Auffliegens der Gruppe, aus den Medien erfahren haben.

    S. hört intensiv zu und schreibt mit. Beate Zschäpe scheint entspannt – sie hält entweder die Arme verschränkt oder streckt sie aus.

  • 13:10 Uhr
    Tom Sundermann

    Wohlleben weist die Aussage von Holger G. zurück, er habe auch diesen beauftragt, eine Waffe an Mundlos und Böhnhardt zu überbringen. "Ich habe den Verdacht, dass G. durch die Lüge verschleiern will, von wem er die Waffe wirklich erhalten hat."

    Es habe keine Diskussionen über Bewaffnung gegeben. "Über scharfe Waffen und Sprengstoff wurde nie geredet."

  • 13:04 Uhr
    Tom Sundermann

    Carsten S. besorgte schließlich die Pistole. Er habe von Wohlleben keinen Auftrag gehabt, ihm die Waffe zu zeigen. Dazu kam es trotzdem – in einem toten Winkel von Wohllebens Wohnung, weil er sich überwacht fühlte. Er schraubte den zur Waffe gehörigen Schalldämpfer auf – angeblich aus reinem Interesse. S. brachte die Waffe schließlich zum Trio nach Chemnitz – angeblich ebenfalls ohne Wohllebens Auftrag.

    Wohlleben hält sich ziemlich gut an Zschäpes Vorlage bei der Aussage vor Gericht: Alles passt genau so, dass man zwar rechtsextrem engagiert war, sich jedoch nicht juristisch schuldig gemacht hat. So will Wohlleben vieles um die Causa Waffenkauf vergessen haben – eines aber nicht: Dass sich Uwe Böhnhardt beschwert habe, die Waffe funktioniere nicht.

  • 12:59 Uhr
    Tom Sundermann

    Wohlleben ist "stark verwundert" darüber, wie viel der Mitangeklagte Carsten S. in seiner Aussage vergessen habe. Er selbst habe Böhnhardts Wunsch abgelehnt, eine Waffe zu besorgen. Das Trio habe dann S. gefragt. Der fragte ihn, Wohlleben, woher er eine Waffe bekommen könnte. Wohlleben verwies ihn an den Inhaber eines Szeneladens in Jena. "Ich dachte nicht, dass er dort eine Waffe bekommen werde", sagt Wohlleben. Er habe kein Geld für den Waffenkauf gegeben. S. hatte ausgesagt, Wohlleben habe 2.500 DM für den Kauf zugeschossen.

  • 12:50 Uhr
    Tom Sundermann

    Wohlleben widmet sich den Anklagevorwürfen. Er habe dem NSU-Trio nicht maßgeblich geholfen. So sei er nicht bei "der Organisierung ihres Lebens im Untergrund behilflich" gewesen.

    Er habe zwar sein Auto an sie verliehen, doch dies sei nicht derart schwerwiegend gewesen. Er sei in der Unterstützerriege keine "Zentralfigur" gewesen.

  • 12:48 Uhr
    Tom Sundermann

    Schließlich überlegte das Trio, vor seinen Verfolgern ins Ausland zu fliehen. Ihnen wurde das Geld knapp. Wohlleben nahm 500 Euro von Tino Brandt entgegen und leitete sie weiter. "Aus Geldgeschichten habe ich mich immer rausgehalten." Aus der Flucht ins Ausland wurde letztlich nichts – womöglich scheiterte der Plan an Zschäpes Widerstand.

    Es gab ein letztes Treffen in einem Park in Zwickau. Das Thema war Tino Brandt, der kurz zuvor als V-Mann enttarnt worden war. Das Trio ging davon aus, dass Ermittler wüssten, wo sie sich aufhalten.

  • 12:41 Uhr
    Tom Sundermann

    Es geht um das rassistische Pogromly-Spiel, das der NSU produzierte. Dies habe er einmal gespielt, es habe ihm jedoch nicht gefallen.

    Bei einem Treffen mit dem Trio ging es später darum, dass sich Uwe Böhnhardt der Polizei mithilfe eiens Anwalts stellt. Dazu kam es später nicht. Böhnhardt verlangte stattdessen eine scharfe Waffe, "möglichst deutschen Fabrikats". Er wolle nicht mehr in Haft gehen, sich eher selbst töten. Geld dafür, sagte Böhnhardt, könnte doch Tino Brandt zur Verfügung stellen.

    Die Gespräche mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt übernahm dann irgendwann der heutige Mitangeklagte Carsten S. Er soll später die Waffe besorgt und dem Trio überbracht haben.

  • 12:35 Uhr
    Tom Sundermann

    Nach dem Untertauchen von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt am 26. Januar 1998 wurde ein Netz aus Telefonzellen aufgebaut, durch das kommuniziert wurde. Er habe anfangs nicht nur mit Mundlos und Böhnhardt telefoniert, sondern auch mit einer unbekannten männlichen Person.

    Entkommen war das Trio mit Wohllebens Auto, das er ihnen geliehen hatte. Er holte es später an einem vereinbarten Ort ab – es war ziemlich lädiert. Umfangreich schildert Wohlleben, wie der Pkw repariert wurde. Mit demselben Auto fuhr er zu einem geheimen Treffen mit dem Trio.

  • 12:28 Uhr
    Tom Sundermann

    Das Verhalten von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe nie Anlass gegeben zu vermuten, dass die beiden mal schwere Straftaten begehen könnten, zumal gegen Ausländer.

    "In unseren Kreisen ging man davon aus, dass die Szene mit Spitzeln durchsetzt ist." Daher habe man auch nie über die Taten des späteren NSU vor 1998 gesprochen, etwa die in Jena verteilten Bombenattrappen. Diese zählt Wohlleben anscheinend nicht zu schweren Straftaten: "Nach meiner Auffassung handelt es sich um Provokationen." Er habe die Uwes nicht für fähig gehalten, Morde und Anschläge zu begehen.

  • 12:24 Uhr
    Tom Sundermann

    Es geht jetzt um den Puppentorso, den Böhnhardt 1997 zusammen mit einer Bombenattrappe an einer Autobahnbrücke aufgehängt hatte. Wohlleben war daran beteiligt: Er hörte den Polizeifunk ab und stand Schmiere. Von der Bombenattrappe war ihm angeblich nichts bekannt. Der Zweck sei gewesen, Journalisten zu zwingen, über die rechte Szene zu berichten.

    Wohlleben verliest seine Aussage übrigens, sie ist nicht frei gesprochen. Zu hören ist, dass die Anwälte daran mitgewirkt haben – zu merken an Phrasen wie "das erinnere ich".

  • 12:16 Uhr
    Tom Sundermann

    1991 bis 1993 lernte Wohlleben an einer Tischtennisplatte in Jena-Lobeda-Ost Uwe Böhnhardt kennen. Später kam Holger G. zu seinem Bekanntenkreis dazu.

    Beate Zschäpe und Uwe Mundlos lernte er möglicherweise Mitte der 1990er Jahre in einer Dorfdisco kennen.

    Wohlleben nennt reichlich Namen aus der Szene – ganz anders als Zschäpe, die einzelne Personen so gut wie möglich aussparte.

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