"Mama, ich bin lesbisch." Jugendlichen, die homosexuell sind, fällt ihr Coming-out trotz einer größeren gesellschaftlichen Liberalität nicht leicht. Die meisten befürchten, dass sich Eltern und Freunde von ihnen abwenden. Tatsächlich erlebt die Mehrheit der homosexuellen Jugendlichen nach dem Coming-out abweisende oder gar feindselige Reaktionen von Familienmitgliedern oder Schulkameraden. Das geht aus der Studie "Coming-out – und dann …?" des Deutschen Jugendinstituts (DJI) hervor, die vom Bundesfamilienministerium gefördert wurde.

Eltern nehmen die sexuelle Orientierung ihrer Kinder oft nicht ernst

In die Studie gingen die Ergebnisse einer Online-Befragung von über 5.000 von der heterosexuellen Norm abweichenden Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 27 Jahren ein, neben lesbischen, schwulen und bisexuellen auch von transidenten Jugendlichen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren. Daneben interviewten die Wissenschaftlerinnen Claudia Krell und Kerstin Oldemeier 40 der Teilnehmenden. Bisher würden kaum belastbare Erkenntnisse über das Aufwachsen von lesbischen, schwulen (engl. gay), bisexuellen und Trans- (abgekürzt LGBT) Jugendlichen existieren, schreiben die Forscherinnen. Selbst in großen Jugendstudien werde diese Gruppe kaum berücksichtigt.

Der Coming-out-Studie zufolge berichten fast 64 Prozent der LGBT-Jugendlichen, Eltern und Geschwister würden ihre geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung nicht ernst nehmen (63,5 Prozent) oder sie absichtlich ignorieren (47 Prozent). Beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht wurden von Familienmitgliedern fast 17 Prozent, die Androhung von Gewalt erlebten vier Prozent, körperliche Attacken fast drei Prozent. Allerdings berichten auch viele Jugendliche, ihre Eltern hätten sich nach einer gewissen Zeit an die LGBT-Lebensweise ihres Kindes gewöhnt und akzeptierten diese auch (hier geht es zur gesamten Studie).

Viele sehen feindselige Reaktionen voraus

Ein hoher Anteil von LGBT-Jugendlichen erfuhr nach seinem Coming-out auch in der Schule, Hochschule oder am Arbeitsplatz feindselige Reaktionen. Über die Hälfte wurde dort "beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht". Über ein Drittel fühlte sich ausgeschlossen, fast 13 Prozent wurde körperliche Gewalt angedroht, fast zehn Prozent wurden körperlich angegriffen. Besonders unter den 14- bis 17-Jährigen erfahren viele Diskriminierungen, am häufigsten in Großstädten.

LGBT-Jugendliche sehen feindselige Reaktionen vor ihrem Coming-out durchaus voraus. 74 Prozent erklärten in der Umfrage, sie hätten die Ablehnung von Freunden befürchtet. 70 Prozent rechneten mit der Ablehnung durch Familienmitglieder. Zwei Drittel waren darauf gefasst, "verletzende Bemerkungen oder Blicke" zu erleben. 60 Prozent rechneten mit Problemen in der Schule oder am Arbeitsplatz; 20 Prozent mit körperlicher Gewalt.

Trotzdem gehen die LGBT-Jugendlichen das Risiko des Coming-outs ein. "Viele Jugendliche berichten, dass sich über die Zeit ein enormer Handlungsdruck aufbaut", schreiben die Wissenschaftlerinnen. "Ich wollte mit jemandem über meine Gefühle reden", sagte in der Umfrage über die Hälfte. "Ich wollte mich nicht mehr verstellen müssen", sagte fast die Hälfte.

Überraschend positiv reagieren die besten Freunde

Während viele LGBT-Jugendliche sich nach ihrem Coming-out von ihren Eltern, in der Schule, der Hochschule oder am Arbeitsplatz diskriminiert fühlen, berichten aber auch viele von für sie überraschend guten Reaktionen der besten Freundinnen und Freunde. 40 Prozent machen aber auch hier negative Erfahrungen.