Das US-Militär zeigt jedes Jahr an Weihnachten ein Live-Radar von der Route des Weihnachtsmanns. © US Airforce/ Charles Marsh

Es begann mit einem Druckfehler. Zu Weihnachten 1955 schaltete die Kaufhauskette Sears in Colorado Springs, im tiefsten Mittleren Westen der USA, eine Zeitungsanzeige: Die örtliche Filiale warb damit, dass Kinder den Weihnachtsmann direkt anrufen könnten. Doch die abgedruckte Nummer war nicht ganz die richtige. Statt Santa Claus meldete sich am anderen Ende des Telefons: "United States Continental Air Defense Command Center."

Das CONAD (Continental Air Defense Command) war seit September 1954 die Zentrale der US-Luftverteidigung. Weil die Sowjetunion seit fünf Jahren die Atombombe besaß, war dieses Hauptquartier einer der heißesten Schauplätze des Kalten Krieges. Air Force, Army und Navy koordinierten sich hier gegen eine vermutete tödliche Bedrohung: sowjetische Langstreckenbomber, die über das Nordpolarmeer und Kanada in den amerikanischen Luftraum eindringen könnten. Oder es wenigstens antäuschten – eine riskante Taktik, die Russland bis heute immer noch anwendet.

Aber nicht der Weihnachtsmann in der Sears-Filiale antwortete auf den ersten Anruf der neugierigen Kleinen, sondern der wachhabende Offizier des CONAD. Oberst Harry Shoup reagierte schnell und gab die Order: Anstatt eines "Falsch verbunden" würden seine Soldaten den Kleinen sagen, wo genau Santa Claus sich gerade befand – also wie lange sie wohl noch auf ihre Geschenke warten müssten. Schließlich verfügte das Kommando über ein leistungsfähiges Radarnetzwerk, das ein fliegendes Objekt über Hunderte von Kilometern identifizieren konnte. Auf den Überwachungsmonitoren sah schließlich der Lichtpunkt für einen Atombomber nicht anders aus als für einen Rentierschlitten. Eine Idee, die heute ihr 60. Jubiläum feiert, war geboren.

Voll getrackter Weihnachtsmann

Als Kanada sich 1958 an die US-Luftverteidigung ankoppelte, wurde CONAD zum North American Aerospace Defense Command (NORAD). Damit erweiterte sich nicht nur die Vorwarnzeit vor Bombern und Raketen der Sowjets: Die Kanadier schlossen sich auch der jungen Weihnachtstradition des US-Militärs an.

Heute heißt die wohltätige Aktion NORAD tracks Santa. Von drei Uhr morgens Ortszeit am 24. Dezember jeden Jahres an plottet die nordamerikanische Luftverteidigung 24 Stunden lang den Kurs mit, den Santa Claus von seinem Wohnort am Nordpol einschlägt, um Kindern weltweit ihre Geschenke zu bringen. Zum Radar sind Satelliten hinzugekommen, die mit ihren empfindlichen Infrarotsensoren nicht nur Raketenstarts registrieren, sondern auch die rote Nase von Rentier Rudolph wahrnehmen. Selbst Abfangjäger der US Air Force und der Royal Canadian Air Force steigen auf, die angeblich den Weihnachtsmann auf seinem Flug ein Stück weit begleiten.

Soldaten und viele andere Freiwillige bedienen in der Telefonzentrale die Hotline, es gibt eine eigene Website in acht Sprachen, die unter anderem mit Santa-Webcams aktuelle Bilder von Rentiergespann und Geschenkeschlitten liefern – und natürlich auch eine App. Bei so viel Kinderliebe mag jetzt nur noch ein Schelm behaupten, dass die Soldaten sich über jede Abwechslung von ihrer eintönigen militärischen Aufgabe freuen. Immerhin – bis heute bedeutet diese Langeweile, dass der Dritte Weltkrieg nicht ausgebrochen ist. Das ist auch ein Weihnachtsgeschenk.