Am Anfang waren es Pflastersteine und Böller, inzwischen aber fliegen sogar Handgranaten. Die Angriffe auf Flüchtlinge werden immer gewalttätiger. Fast jeden Tag werden inzwischen Asylbewerberheime in Deutschland attackiert. Mal werfen Gewalttäter Molotowcocktails, mal werden Wohnungen angezündet oder geflutet. Flüchtlinge werden mit Maschinenpistolen bedroht, mit Pistolen und Zwillen beschossen oder es werden Sprengkörper vor ihren Unterkünften abgelegt. Doch immer noch sind Ermittler und Justiz erschreckend hilflos, bleiben die Täter viel zu oft unbehelligt.

Der jüngste Fall ereignete sich im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen. Die Doppelstadt liegt am Rande des Schwarzwalds, ein beschaulicher Ort, mittelalterliche Häuser in rotem Buntsandstein prägen das Zentrum. Zehn Minuten vom Ortkern entfernt ziehen sich an der Dattenbergstraße ehemalige Kasernengebäude entlang. Früher waren hier französische Soldaten stationiert. Heute gehören die Häuser zu einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge.

In der Nacht zum Freitag hört ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der die Unterkunft rund um die Uhr bewacht, gegen 1:15 Uhr ein verdächtiges Geräusch. Als er das Gelände kontrolliert, findet er auf der geteerten Fläche eines Innenhofes eine Handgranate. Irgendjemand muss sie über den Zaun bis hierher geworfen haben. Sofort ruft der Mann die Polizei. Die Beamten riegeln den Hof ab, 20 Bewohner der Unterkunft müssen die umliegenden Häuser verlassen. Ein Entschärfer des Landeskriminalamts kann die Granate gegen fünf Uhr morgens kontrolliert sprengen. Niemand wird verletzt.

Kein Hinweis auf die Täter

Wie gefährlich die Situation war, kann die Polizei noch nicht genau sagen. Sicher ist, dass die Granate mit Sprengstoff gefüllt war. Ob sie auch explosionsfähig war, ist noch unklar. Berichte, der Sicherheitssplint sei gezogen gewesen, kann ein Polizeisprecher nicht bestätigen.

Noch weniger kann die Polizei bislang zu den Hintergründen der Tat sagen. Sie hat keinerlei Hinweise auf mögliche Täter. Zeugen wurden bisher nicht gefunden; die Polizei ruft nun alle Bürger auf, sich zu melden, wenn sie verdächtige Personen oder Fahrzeuge bemerkt haben. Die Kriminalpolizei in Rottweil hat eine Sonderkommission Container gebildet.

Der Anschlag von Villingen ist nur ein weiterer in einer langen Reihe von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Recherchen von ZEIT ONLINE und der ZEIT hatten im vergangenen Jahr ergeben, dass zwischen dem 1. Januar und 30. November mindestens 222 Gewalttaten gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte verübt wurden, darunter 93 Brandanschläge, 93 Sachbeschädigungen, acht Wasserschäden und 28 tätliche Angriffe. Auch im Dezember ließen die Attacken nicht nach, im Gegenteil: Es wurden 48 Gewalttaten verübt, so viele wie in keinem Monat zuvor.

Erschreckend auch: Nur in vier Fällen haben Gerichte bisher Täter verurteilt, in weniger als 20 Fällen wurde Anklage erhoben. Und in weniger als einem Viertel der Fälle konnte die Polizei überhaupt einen Tatverdächtigen ermitteln.

Das Bundeskriminalamt warnt mittlerweile vor einer neuen "Dynamik der rechtsextremen Straftaten". Man brauche jetzt schnelle Ermittlungsergebnisse und Urteile, sagt der BKA-Präsident Holger Münch noch vor wenigen Tagen. Geschehe das nicht, könnten sich schlimmstenfalls terroristische Strukturen bilden.