Christian Bonke hat zum Gespräch in die Gaststätte Zum Schiffchen im Düsseldorfer Hauptbahnhof gebeten. Bier und Schnitzel zwischen den Gleisen 16 und 17. Bonke ist an diesem Dienstagabend sichtbar angespannt. Er ist 44 Jahre alt, arbeitet im Vertrieb einer größeren Firma, hat zwei Kinder, sieben und elf, und seit heute eine neue Aufgabe: Bonke ist der Pressekoordinator von Düsseldorf passt auf. Das ist eine Facebook-Gruppe mit über 14.000 Mitgliedern, deren Ziel es ist, "unsere Stadt für unsere Damen sicherer zu machen". Unter anderem wollen kleine Gruppen in den Wochenend-Nächten durch Düsseldorf laufen, Opfer schützen, der Polizei helfen. Das zumindest war der Plan, bis zu diesem Dienstagabend.

Nach den Übergriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof zu Silvester formieren sich in der Region viele solcher Gruppen. Das Versagen der Polizei in dieser Nacht ist in den Tagen danach so offensichtlich geworden, dem Staat ist es so eindeutig nicht gelungen, seine Bürgerinnen zu schützen, dass sich nun sehr viele fragen, was sie tun können. Polizisten antworten mit Ermittlungen und neuen Sicherheitskonzepten, Politiker mit neuen Forderungen, ob nun nach anderen Gesetzen, Rücktritten oder gleich einer Wende in der Flüchtlingspolitik. Und Menschen wie Christian Bonke antworten eben im Internet und auf der Straße. Wo auch sonst.

"Bürgerwehren" werden diese Gruppen üblicherweise genannt. In Ostdeutschland haben sie sich vor allem gegen Wohnungseinbrüche gegründet, auch im Westen gibt es bereits einige. Oft, aber nicht immer, sammeln sich dort Rechtsradikale. Die Bundesregierung zählt in einer aktuellen Stellungnahme (PDF) sieben Bürgerwehren "zu denen Anhaltspunkte für eine rechtsextreme Ausrichtung vorliegen". Solche Gruppen zu gründen oder zu übernehmen gehört zur erklärten Strategie der NPD.  

Ausländerfeindliche Schläger finden sich aber nach den Kölner Ereignissen auch ohne NPD-Hilfe zusammen. Am vergangenen Sonntag griffen Unbekannte rund um den Kölner Hauptbahnhof gleich fünf mal gezielt Ausländer an, verletzten mehrere. Nach Aussage der Polizei hatten sie sich dazu vorher im Internet verabredet. Fast 200 Platzverweise sprach die Beamten an dem Abend aus, zum Teil gegen Gruppen aus der Hooligan-, Rocker- oder Türsteher-Szene. "Das sind Taten von Menschen, die meinen, sie müssten das Recht in die eigene Hand nehmen", sagte Michael Temme, der bei der Kölner Polizei für die Gefahrenabwehr zuständig ist. Der Bundesjustizminister Heiko Maas erklärt in einem aktuellen Interview kategorisch: "Es ist nicht die Aufgabe von Bürgerwehren oder anderen selbst ernannten Hobby-Sheriffs, Polizei zu spielen."

Als sich Bonke und die anderen Düsseldorfer am Samstagabend zum ersten Mal für ihre Rundgänge trafen, 50 Personen insgesamt, wurden sie von einem Aufgebot an Polizisten, Journalisten und linken Gegnern begleitet. Nachher sagte eine Polizeisprecherin über Düsseldorf passt auf: "Diese Gruppierung ist für uns vor allem eine zusätzliche Arbeitsbelastung."

Das alles sind die Gründe, warum Christian Bonke so angespannt ist. Er will das alles nicht sein: Keine Arbeitsbelastung für die Polizei, kein Gegner des Justizministers, kein ausländerfeindlicher Schläger. "Ich habe mich noch nie in meinem Leben geprügelt", sagt er. Bonkes Gruppe will auch keine Bürgerwehr sein. Allein das Wort schon! "Das klingt so nach Gewalt, damit wollen wir nichts zu tun haben." Sie haben ein Regelwerk vorbereitet, das jeder Rundgänger unterschreiben soll. Danach sind verboten: Waffen, Gewalt, Alkohol und politische Aussagen.

Was bleibt dann noch?

Bonke hofft: der schöne, harmlose, richtige Kern. Nächtliche Spaziergänger, jederzeit zur Zivilcourage bereit. Kleine Gruppen aus fünf Männern und mindestens einer Frau, die "Opfer schützen, wenn es Opfer gibt". Sollte er einen Angriff auf eine Frau sehen, würde Bonke sich "auch mal verprügeln lassen, damit sie entkommen kann". Und natürlich würde er vorher die Polizei rufen.