Der DDR-Wendepolitiker und Stasispitzel Wolfgang Schnur ist tot. Der 71-Jährige starb am Samstag in einem Krankenhaus in Wien, wie ein Sprecher des beauftragten Wiener Bestattungsunternehmens sagte.

In der Wendezeit 1989 wurde der gelernte Maurer und Diplom-Jurist als Gründer der Oppositionsbewegung Demokratischer Aufbruch bekannt, die im März 1990 innerhalb der Allianz für Deutschland zur Volkskammerwahl antrat. Die Bewegung ging später in der CDU auf. Gegründet hatte Schnur den Aufbruch mit Bürgerrechtlern wie dem späteren Minister Rainer Eppelmann und dem Theologen Friedrich Schorlemmer. Pressesprecherin war zeitweise Angela Merkel. Schnur und Eppelmann saßen für den Demokratischen Aufbruch auch am Runden Tisch, der 1989/1990 den politischen Umbruch in der DDR vorantrieb.

Kurz vor der Volkskammerwahl im März 1990 wurde Schnur durch einen Bericht des Spiegel als langjähriger Stasispitzel enttarnt. Noch vor der Wahl trat er von allen Ämtern zurück. Der DDR-Geheimdienst hatte ihn im Alter von 20 Jahren angesprochen, Schnur arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte für das Ministerium für Staatssicherheit. In der Wendezeit informierte er die Stasi über die Gründung und alle weiteren Schritte des Demokratischen Aufbruchs. Für seine Spitzeltätigkeit erhielt er sogar Auszeichnungen, die letzte im Wendemonat Oktober 1989. 

Nach seinem Examen war Schnur zunächst als Rechtsanwalt in Binz auf Rügen tätig gewesen. Später kam er nach Rostock, wo er 1978 das in der DDR äußerst seltene Privileg genoss, die Zulassung für eine eigene Kanzlei zu erhalten. Er war auch in der Evangelischen Kirche aktiv, zeitweise sogar Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche der Union (EKU). In dieser Zeit erwarb er das Vertrauen der systemkritischen Friedens- und Umweltaktivisten der DDR. Als Rechtsanwalt verteidigte er viele Oppositionelle und Künstler, die in ihrem Engagement für Umweltschutz und Menschenrechte in Konflikt mit dem Regime geraten waren. Unter seinen Mandanten waren die Liedermacher Stephan Krawczyk und Freya Klier, die Bürgerrechtler Bärbel Bohley und Vera Wollenberger.

Auf Wunsch des Ministeriums verlegte er seine Kanzlei nach Berlin – und wohnte seither in einer idyllisch gelegenen Villa am Ostberliner Müggelsee. Im Auftrag der Stasi drängte Schnur Regimekritiker zur Ausreise nach Westdeutschland. Später wurde bekannt, dass er mit den Grundstücken und Immobilien ausreisewilliger DDR-Bürger dubiose Geschäfte machte.

Nach der Wende ließ er sich – trotz Empörung vieler durch das DDR-Regime Geschädigten – in Berlin erneut als Anwalt nieder. Erst durch eine Gesetzesänderung konnte die Berliner Justizverwaltung ihm die Zulassung wegen Mandantenverrats wieder entziehen. Mit entscheidend war, dass selbst nach DDR-Recht der Verrat von Berufsgeheimnissen unter Strafe stand. 1996 hatte er eine Bewährungsstrafe erhalten wegen "politischer Verdächtigung" von Mandanten, die er in der DDR verteidigt hatte. Mit seiner Revision scheiterte Schnur vor dem Bundesgerichtshof. Eine moralische Schuld hatte er aber eingeräumt. Seine Stasimitarbeit sei der Preis gewesen für seine guten Taten, verteidigter er sich 2015 in der ZEIT im Gespräch mit seinem früheren Mandanten Alexander Kobylinski: Umfassende Berichte aus kirchlichen Gremien als Gegenleistung für positive Regelungen für seine Mandanten.

In den 90er Jahren verdiente er seinen Lebensunterhalt als Rechtsberater und Kaufmann. Vor einem Jahr hatte Schnur offenbart, dass er an Krebs leidet. Sein Leichnam soll noch am Mittwoch nach Berlin gebracht werden.