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Keine hundert Meter entfernt von der Redaktion von ZEIT ONLINE gibt es seit einigen Wochen eine Flüchtlingsunterkunft. Wir haben dort gefragt, ob sich jemand mit uns über Männer und Frauen und ihr Verhältnis zueinander unterhalten möchte. Schließlich reden nach der Silvesternacht in Köln fast alle über arabische Männer, aber fast niemand mit ihnen.

Vier Männer haben sofort zugesagt. Sie alle stammen aus Syrien und sind seit Kurzem in Deutschland. Sie sind sehr unterschiedlich: Mohammad F. ist 59, Zimmermann, verheiratet, zwölf Kinder. Mamoun H. ist 32, Energieingenieur, alleinstehend. Und die kurdischen Brüder Ammar und Mohammad B. sind 22 und 21, sie würden jetzt studieren, wäre kein Krieg. Begleitet werden sie von Hassan, einem Sicherheitsmann aus der Flüchtlingsunterkunft. Er übersetzt aus dem Arabischen.


ZEIT ONLINE: Wir möchten mit Ihnen über Frauen reden. Haben Sie mitbekommen, was in der Silvesternacht in Köln geschehen ist?

Nur Mamoun H. nickt, die anderen verneinen. Wir berichten, was wir bisher wissen.

ZEIT ONLINE: Mamoun, was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Mamoun H.: Ich war schockiert. Vor allem, weil die Täter offenbar muslimische Araber waren. Die müssen genau so behandelt werden, wie es das deutsche Gesetz vorsieht.

Ammar B.: Harte Strafen, wie bei uns. In Damaskus hat ein Mann mal eine Touristin gegen ihren Willen auf der Straße umarmt und geküsst. Das gab sechs Monate Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Gab es das in Syrien öfter, sexuelle Übergriffe auf Frauen?

Mamoun: Nein, eigentlich nicht. Syrien war vor dem Krieg immer eine sehr respektvolle Gesellschaft.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel „Wer ist der arabische Mann?“

Mohammad F.: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Syrer waren. Die Flüchtlinge wissen doch alle, wie dankbar sie Deutschland sein müssen. Außerdem verbietet der Koran Gewalt gegen Frauen.

ZEIT ONLINE: Die meisten Verdächtigen sind Männer aus muslimischen Ländern und es sollen auch Syrer unter ihnen sein.

Mohammad F.: Natürlich gibt es auch bei uns aggressive Leute. Die interessieren sich aber in Wirklichkeit nicht für Religion, sondern haben einfach einen schlechten Charakter. In meiner Stadt bedrängten solche Leute Frauen, die keinen Nikab tragen. Aber drei Viertel der Einwohner sind nicht so wie die.

Mamoun: Vor dem IS war der Umgang mit den Frauen in meiner Stadt bei Aleppo okay. Aber nun dürfen sie dort überhaupt nichts mehr entscheiden. Sie müssen zu Hause bleiben. Selbst wenn sie dringend einen Arzt brauchen, können sie dort nur hin, wenn ein Mann für sie Auto fährt.

ZEIT ONLINE: Wie war es vor dem IS?

Mamoun: Es gab schon Leute, die die Religion so verstanden, dass eine Frau nichts anderes sein darf als eine Ehefrau. Aber abgesehen von diesen wenigen herrschte Respekt zwischen Männern und Frauen.

ZEIT ONLINE: Und bei Ihnen, Ammar und Mohammad?

Ammar: Bei uns Kurden ist das Problem fast schon eher, dass die Frauen zu hart mit den Männern umspringen (lacht). Die Hälfte der kurdischen Kämpfer sind Frauen. Sie brauchen auch keinen Nikab zu tragen. Frauen haben alle Freiheiten.