Mohammad F. (links), Ammar B. und sein Bruder Mohammad B. (rechts). Mamoun H. wollte nicht fotografiert werden. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

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Keine hundert Meter entfernt von der Redaktion von ZEIT ONLINE gibt es seit einigen Wochen eine Flüchtlingsunterkunft. Wir haben dort gefragt, ob sich jemand mit uns über Männer und Frauen und ihr Verhältnis zueinander unterhalten möchte. Schließlich reden nach der Silvesternacht in Köln fast alle über arabische Männer, aber fast niemand mit ihnen.

Vier Männer haben sofort zugesagt. Sie alle stammen aus Syrien und sind seit Kurzem in Deutschland. Sie sind sehr unterschiedlich: Mohammad F. ist 59, Zimmermann, verheiratet, zwölf Kinder. Mamoun H. ist 32, Energieingenieur, alleinstehend. Und die kurdischen Brüder Ammar und Mohammad B. sind 22 und 21, sie würden jetzt studieren, wäre kein Krieg. Begleitet werden sie von Hassan, einem Sicherheitsmann aus der Flüchtlingsunterkunft. Er übersetzt aus dem Arabischen.


ZEIT ONLINE: Wir möchten mit Ihnen über Frauen reden. Haben Sie mitbekommen, was in der Silvesternacht in Köln geschehen ist?

Nur Mamoun H. nickt, die anderen verneinen. Wir berichten, was wir bisher wissen.

ZEIT ONLINE: Mamoun, was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Mamoun H.: Ich war schockiert. Vor allem, weil die Täter offenbar muslimische Araber waren. Die müssen genau so behandelt werden, wie es das deutsche Gesetz vorsieht.

Ammar B.: Harte Strafen, wie bei uns. In Damaskus hat ein Mann mal eine Touristin gegen ihren Willen auf der Straße umarmt und geküsst. Das gab sechs Monate Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Gab es das in Syrien öfter, sexuelle Übergriffe auf Frauen?

Mamoun: Nein, eigentlich nicht. Syrien war vor dem Krieg immer eine sehr respektvolle Gesellschaft.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel „Wer ist der arabische Mann?“

Mohammad F.: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Syrer waren. Die Flüchtlinge wissen doch alle, wie dankbar sie Deutschland sein müssen. Außerdem verbietet der Koran Gewalt gegen Frauen.

ZEIT ONLINE: Die meisten Verdächtigen sind Männer aus muslimischen Ländern und es sollen auch Syrer unter ihnen sein.

Mohammad F.: Natürlich gibt es auch bei uns aggressive Leute. Die interessieren sich aber in Wirklichkeit nicht für Religion, sondern haben einfach einen schlechten Charakter. In meiner Stadt bedrängten solche Leute Frauen, die keinen Nikab tragen. Aber drei Viertel der Einwohner sind nicht so wie die.

Mamoun: Vor dem IS war der Umgang mit den Frauen in meiner Stadt bei Aleppo okay. Aber nun dürfen sie dort überhaupt nichts mehr entscheiden. Sie müssen zu Hause bleiben. Selbst wenn sie dringend einen Arzt brauchen, können sie dort nur hin, wenn ein Mann für sie Auto fährt.

ZEIT ONLINE: Wie war es vor dem IS?

Mamoun: Es gab schon Leute, die die Religion so verstanden, dass eine Frau nichts anderes sein darf als eine Ehefrau. Aber abgesehen von diesen wenigen herrschte Respekt zwischen Männern und Frauen.

ZEIT ONLINE: Und bei Ihnen, Ammar und Mohammad?

Ammar: Bei uns Kurden ist das Problem fast schon eher, dass die Frauen zu hart mit den Männern umspringen (lacht). Die Hälfte der kurdischen Kämpfer sind Frauen. Sie brauchen auch keinen Nikab zu tragen. Frauen haben alle Freiheiten.

"Eine Frau darf natürlich nur mit ihrem Ehemann schlafen"

Ammar B., 22, muslimischer Kurde. Seine Familie stammt aus Kobane, er hat in Damaskus gelebt und dort die Schule abgeschlossen, bevor der Krieg ausbrach. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Seit Köln hat sich in Deutschland das Bild von muslimischen Männern verdüstert: Die Männer entscheiden, die Frauen haben nichts zu sagen, so sieht es kurz gesagt aus. Daraus folgern viele, dass muslimische Männer nicht mit selbstbestimmten Frauen umgehen können.

Ammar: Der Islam soll Männern und Frauen Freiheit geben und sie nicht einschränken. Wir behandeln die Frauen fast genauso, wie sie in Europa behandelt werden.

ZEIT ONLINE: Wieso fast?

Ammar: Eine Frau darf natürlich nur mit ihrem Ehemann schlafen. In Europa haben die jungen Frauen teilweise ja schon mit 15 Sex. Das verstößt gegen unsere Regeln.

ZEIT ONLINE: Wenn Ihre Töchter 18 werden, haben sie in Deutschland genau wie Ihre Söhne das Recht, sich ihre Stadt, ihre Universität selbst auszusuchen, ihren Partner auch. Sind Sie darauf vorbereitet?

Mamoun: Es gibt schon Regeln und Grenzen. Ich würde sie bei der Partnerwahl nicht bevormunden, aber ihnen schon meine Meinung sagen. Vor allem müssten sie heiraten, wenn sie Sex haben wollen. Warum auch nicht, wenn sie sich lieben?

ZEIT ONLINE: Weil in Deutschland jeder Mensch für sich allein entscheidet, ob und wen er heiratet.

Mamoun: Meine Tochter müsste verstehen, dass es, wenn sie Sex außerhalb der Ehe hat, auf die ganze Familie zurückfällt.

ZEIT ONLINE: Mohammad, wie sehen Sie das? Was, wenn eine von ihren Töchtern entscheiden würde, unverheiratet mit einem Mann zusammenzuleben?

Mohammad F.: Nein, keine Chance.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht nach Freiheit. Wenn Ihre Tochter zu den Behörden gehen würde, würden Sie Schwierigkeiten bekommen.

Mohammad F.: Wenn ich ein richtig guter Vater bin, wird sie unsere Religion respektieren. Es ist ja nicht viel, was ich verlange. Als ich vor 40 Jahren geheiratet habe, kannte ich meine Frau vor der Trauung gar nicht.

ZEIT ONLINE: Wie konnten Sie wissen, ob sie die Richtige fürs ganze Leben ist?

Mohammad F.: Meine Schwester und meine Mutter haben sie vorher kennengelernt. Sie haben mir versichert, dass sie sehr nett und sehr schön ist. Nicht zu dünn, nicht zu dick.

Mahmud: Aber heutzutage gibt es das kaum noch.

Mohammad F.: Ja, im Vergleich zu vor zehn Jahren ist das selten geworden. Die jungen Leute sind gebildet, sie haben Internet und Fernsehen. Sie wollen sich heutzutage selbst entscheiden. Es gibt ja auch nicht mehr viele Regeln, die meine Töchter befolgen müssen, aber auf dieser einen bestehe ich: kein Sex ohne Ehe.

"Polizistin wäre ein guter Beruf für meine Tochter"

Mohammad F., 59, stammt aus Daraa, dort arbeitete er als Zimmermann. Er floh mit seiner Frau und elf seiner zwölf Kinder nach Deutschland. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Welche Regeln gibt es noch?

Mohammad F.: Alkohol ist auch verboten.

ZEIT ONLINE: Könnten Ihre Töchter in jedem Job arbeiten, in dem sie wollten?

Mohammad F.: Ja, wenn es ein guter Job ist und nicht gegen Religion und Gesetz verstößt. Also nichts mit Alkohol und Sex.

ZEIT ONLINE: Also könnten sie auch zur Polizei gehen? Oder zur Armee?

Mohammad F.: Damit hätte ich kein Problem. In Syrien gibt es eine Menge Frauen bei den Sicherheitskräften. Das wäre ein sehr guter Beruf für meine Töchter.

ZEIT ONLINE: Und Politikerin?

Mohammad F.: Ja, auch das. Warum nicht?

Angela Merkel. Der Name der Kanzlerin fällt immer wieder. Sie wird von allen vieren verehrt. Ammar nennt sie "Mama Merkel". Niemand kennt einen weiteren deutschen Politikernamen.

ZEIT ONLINE: Wir haben über Frauen gesprochen. Was macht für Sie einen guten Mann aus?

Ammar: Für Männer gelten genau dieselben Regeln wie für Frauen. Kein Alkohol, kein Sex vor der Ehe. Und sie sollten alles für ihre Familie tun.

Mohammad F.: Respekt, Ehrlichkeit, Achtung vor Gesetz und Tradition. Dass er seiner Partnerin ein Spiegel ist. Und egal, ob er arm oder reich ist, er muss seine Situation annehmen und durch harte Arbeit verbessern.

Mamoun: Ein Mann muss vor allem Ziele haben. Niemand mag Männer ohne Ziele, sie leben von dem Geld anderer und akzeptieren die Regeln nicht.

ZEIT ONLINE: Sie betrachten Männer vor allem als Ernährer.

Mohammad F.: Ja, aber in Syrien wird es für Männer immer schwerer, diese Rolle zu erfüllen. Da müssen sie mit 20 erst einmal zur Armee. Wenn sie das überlebt haben, müssen sie eine Wohnung und einen Beruf finden, um eine Familie ernähren zu können. Das ist heute nicht mehr so leicht. Fünf meiner Kinder sind Männer. Ich musste ihnen allen mit Geld helfen.

ZEIT ONLINE: Was machen junge, arbeitslose Männer in Syrien? In Europa sind junge Arbeitslose besonders kriminalitätsanfällig.

Mohammad F.: Wer arbeitslos ist, hilft in der Familie. Viele gehen auch in die Moschee.

ZEIT ONLINE: Keine Cliquen, kein Alkohol?

Mohammad F.: Nein. Meine Heimatstadt hat 10.000 Einwohner, die zu fünf großen Familien gehören. Da kennt jeder jeden. Wenn dort ein Jugendlicher trinkt oder randaliert, erfährt ganz schnell sein Vater davon.

ZEIT ONLINE: Könnte es sein, dass junge Flüchtlinge, die der Kontrolle ihrer Familie entzogen sind, versucht sind, hier die Regeln zu brechen?

Ammar: Das glaube ich nicht. Man vergisst doch nicht einfach seine Erziehung. Wir jedenfalls haben auch ohne unsere Eltern nicht das Rauchen, Trinken oder Randalieren angefangen.

"Ich hatte eine Freundin, in Damaskus"

Mohammad B., 21, muslimischer Kurde, er floh mit seinem Bruder Ammar über die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Mohammad, Sie haben noch gar nichts gesagt. Wo werden Sie Ihre Frau finden?

Mohammad B.: Ich hatte eine Freundin, in Damaskus.

ZEIT ONLINE: Und wie haben Sie sich kennengelernt?

Mohammad B.: Ein Freund von mir hatte eine Freundin. Sie war deren beste Freundin.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie zusammen unternommen?

Mohammad B.: Wir sind zusammen ins Kino gegangen, manchmal auch in Restaurants oder ein Café. Nur kein Sex.

ZEIT ONLINE: Aber küssen, ging das?

Alle lachen, Mohammad lächelt.

Mohammad B.: Ja, klar. Küssen geht.

Im Dezember wurde die Notunterkunft für Flüchtlinge neben der Redaktion eingerichtet, in einem leer stehenden Hotel. Mit der Unterbringung und der Behandlung in Deutschland sind sie sehr glücklich, sagen die Männer. Nur eine Bitte äußern sie: Ob wir nicht etwas zu tun hätten für sie? Die Tage seien sehr langweilig.

ZEIT ONLINE: Ihr erster deutscher Sommer liegt noch vor Ihnen. Haben Sie eine Vorstellung davon, was die Frauen dann so tragen?

Mamoun: Ja, ich hab das schon einmal gesehen. Hab gleich weggeschaut (legt sein Hände wie Scheuklappen an sein Gesicht. Die anderen Männer lachen).

"Ich will wieder normal werden"

Gespräch in der Redaktion von ZEIT ONLINE, von links nach rechts: Übersetzer Hassan, Mohammad F., Redakteurin Frida Thurm, Mohammad B. (vorn), Ammar B., Redakteur Christian Bangel (vorn). Nicht im Bild: Mamoun H. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wie werden Sie damit umgehen, dass viele Frauen Haut zeigen?

Ammar: Ganz einfach: Frauen können tun, was immer sie wollen. Das ist Freiheit, und sie steht im deutschen Gesetz.

ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen auch so, Mohammad?

Mohammad F.: Ja, ich bin dankbar, hier zu sein. Aber in manchen Fragen sind die Europäer wirklich anders als wir.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Mohammad F.: Eine kleine Geschichte: In meiner Heimatstadt Daraa lebten ein paar Russen. An einem Tag setzte sich eine ihrer Frauen an den See, um abzuwaschen. Sie war gekleidet wie eine von uns, vielleicht mochte sie Folklore. Der Unterschied war, dass sie beim Abwaschen ihr Kleid hochzog und ihre Beine zu sehen waren. Ein Mann, der das sah, begriff das offenbar als Aufforderung zum Sex. Er bedrängte sie. Zum Glück wurde er schnell von anderen Männern überwältigt.

ZEIT ONLINE: Was geschah dann?

Mohammad F.: Der Ehemann der Russin kam dazu. Er war natürlich außer sich und schrie den Mann an. Aber mich hat überrascht, was er schrie: "Wenn Du Sex willst, dann musst Du sie fragen. Und wenn sie Ja sagt, gut für Dich. Aber Du kannst sie nicht zwingen." Da dachte ich: Für Europäer ist Sex immer akzeptabel, solange es Konsens gibt. Sogar wenn er die Ehe bricht.

ZEIT ONLINE: Diese Szene beschreibt ziemlich genau die Angst, die viele in Deutschland jetzt mit arabischen Männern verbinden: Sie sehen das nackte Bein einer Frau und wollen sie vergewaltigen.

Mohammad F.: Es ist vollkommen inakzeptabel, Frauen sexuell zu bedrängen. So etwas tun nur Männer, die nicht erzogen wurden.

ZEIT ONLINE: Aber was, wenn es viele davon gibt?

Mohammad F.: Die Deutschen sollten sich keine Sorgen machen: Es gibt in Syrien Internet und Fernsehen, die Menschen wussten schon vor ihrer Flucht sehr genau, was sie in Deutschland erwartet.

Ammar: Die Leute denken an ganz andere Dinge als Sex und Kleidung. Mich interessiert es jedenfalls nicht. Ich habe überhaupt keine Lust auf Frauen. Ich will wieder normal werden. Ich will nicht mehr an die Schüsse und die Bomber denken. Das dauert wahrscheinlich Jahre.

Mamoun: Mir geht es genauso. Ich habe mein Haus verloren, meinen Beruf, mein Auto. Ich kann nicht vergessen, was in Syrien geschehen ist – und wie herzlich wir hier aufgenommen wurden. Jetzt bin ich dankbar für die Chance, hier zu sein.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel "Wer ist der arabische Mann?" Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.