Zuerst wollten sie eine öffentliche Auseinandersetzung vermeiden. Aber nach drei Wochen Notstand wussten sich Peter Hermanns und Dirk Warbelow nicht mehr zu helfen. Der Leiter des Flüchtlingscontainerheims Allende II in Berlin-Köpenick und der Vorsitzende des örtlichen Hilfsvereins haben sich mit einem Hilferuf an die Presse gewandt: Viele Bewohner des Allende II haben seit Wochen kein Geld für Nahrungsmittel bekommen. Die Schlagzeile am nächsten Tag in der Berliner Zeitung: "Flüchtlinge in Berlin müssen hungern."

Hungern ist ein großes Wort, und natürlich ist Berlin kein zweites syrisches Madaja. Aber wenn Flüchtlingen der Zugang zu Nahrung verwehrt wird, weil sie kein Geld bekommen, um sich Brot, Reis und Gemüse zu kaufen, hat das Chaos der Berliner Verwaltung eine neue Schwelle überschritten.

40 bis 50 der 380 Bewohner seiner Einrichtung haben nichts mehr zu essen, sagt Hermanns. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) müsste ihnen monatlich einen Betrag zur Grundsicherung auszahlen. Doch dazu kam es nicht. Den Flüchtlingen bleibt nur, sich Geld von anderen Bewohnern zu leihen oder irgendwie an kostenlose Lebensmittel zu kommen. In einem fremden Land, dessen Strukturen sie täglich neu verwirren, ist das nicht die leichteste Aufgabe.  

In der Verantwortung ist die Berliner Senatsverwaltung unter Sozialsenator Mario Czaja (CDU). Dessen Rücktritt fordern Opposition und Sozialverbände wegen der schlechten Versorgung der Flüchtlinge schon lange. Bisher hält Czaja sich im Amt – obwohl Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ihn Ende des Jahres öffentlich kritisierte und die Regierungskoalition aus SPD und CDU an der Krise zu zerbrechen droht.


Flüchtlinge in Berlin - Ohne Lebensmittelspenden müssten sie hungern Heimbetreiber schlagen Alarm: Flüchtlinge, die sich selbst versorgen, warten seit Wochen auf Geld, deshalb müssten diese hungern. Senator Czaja verspricht Abhilfe.

Seit Montag ruft der Hilfsverein Allende II explizit zu Nahrungsspenden auf. Um "Brot, am besten Fladenbrot, Reis, Obst und Gemüse. Ebenso Wasser und Käse", bittet der Verein auf seiner Homepage. In anderen Heimen ist die Lage ähnlich: Im Flüchtlingswohnheim der Berliner Caritas warten 19 von 113 Bewohnern teilweise seit mehreren Wochen auf ihr Geld. Die Caritas behilft sich übergangsweise mit eigenen Mitteln. "Bei uns muss niemand hungern", sagt Caritas-Sprecherin Christina Kölpin. Aber langfristig sei das keine Lösung.

"Sollen Tafel, Caritas Berlin und andere wieder zum Ausfallbürgen werden für den Staat?" schreibt Caritasdirektorin Ulrike Kostka auf Twitter. Und beschreibt damit treffend das Problem der Berliner Senatsverwaltung: Ohne Hilfsorganisationen, ohne Hunderte freiwillige Helfer, ohne Sach-, Nahrungs- und Geldspenden wäre die Flüchtlingshilfe der Hauptstadt längst kollabiert. Die Lage ist schlimm und nicht die Verwaltung, sondern die Helfer sind es, die ganz Schlimmes verhindern.

In den Notunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen werden ankommende Flüchtlinge nach ihrer Registrierung zunächst drei Monate komplett versorgt. Doch danach ändert sich ihr Status: Sie fallen unter das Asylbewerberleistungsgesetz und erhalten finanzielle Unterstützung zur Grundsicherung, dazu zählt auch das Geld für Lebensmittel.

Um die Berechtigungsbescheinigung für dieses Geld zu bekommen, müssen die Flüchtlinge ein zweites Mal persönlich im Lageso erscheinen. In der Theorie sieht das so aus: Sie bekommen einen Termin, treffen sich in Haus J in der dritten Etage mit einem Sachbearbeiter, schildern ihm ihre persönliche Lage und bekommen dann ihren Leistungsanspruch ausgerechnet. Anschließend gehen sie jeden Monat zur Ausgabestelle im Erdgeschoss und lassen sich den Betrag in Bar auszahlen.

In der Praxis läuft es allerdings anders. Die Angestellten der Leistungsstelle des Lageso sind mit der Anzahl an Anträgen komplett überfordert, viele Flüchtlinge kommen zu ihrem Termin, warten acht Stunden und werden wieder heimgeschickt – ohne Geld und mit neuem Termin.