Es war nur ein kurzer Augenblick, der alles verändert hat. Denn Shilan* war bereit, einen Mann zu heiraten, obwohl sie seit ihrem 15. Lebensjahr sicher ist, lesbisch zu sein. Immer wieder sei sie ihren Eltern zuliebe mit Männern ausgegangen, erzählt sie. Bis "die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe" ihren Kleiderladen in Algier betrat. Djamila* und Shilan wurden ein Paar – ein heimliches. Denn in Algerien kann man "wegen homosexueller Handlungen" ins Gefängnis kommen.

"Zusammen sein – das ist nicht wie hier", sagt Shilan. Im Rubicon, einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule in Köln, erzählt sie in einem Gemisch aus Französisch, Deutsch und Arabisch ihre Geschichte. Djamila wohnte bei ihrer Großmutter. Immer wenn diese die Wohnung verließ, schlich sich Shilan aus dem Laden zu ihrer Freundin, für eine halbe Stunde, länger nicht. Das wäre zu auffällig gewesen. Shilan, die heute Sweatshirt und Turnschuhe anzieht, trug in Algerien weiter den Hidschab, lebte bei ihren Eltern, ordnete sich unter. Nur mit Männern ging sie seit der Begegnung mit Djamila nicht mehr aus. Das konnte sie nicht mehr.

Rund zwei Jahre ging das gut, bis eine Nachbarin die beiden beobachtet hat, als sie sich in Shilans Geschäft umarmten. Sie verriet es der Familie, die schon Verdacht schöpfte. Als Shilan nach Hause kam, schlug ihr Bruder sie. Die Eltern hinderten ihn nicht daran, sie standen hinter ihm. Er drohte, Shilan umzubringen. Sie war überzeugt davon, dass er es ernst meinte und floh. "Ich hatte keine Wahl", sagt die 28-Jährige heute. Wie viele Menschen nach Deutschland geflohen sind, weil sie wie Shilan aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt werden, darüber gibt es nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) keine Zahlen.

Aber Gema Rodríguez Díaz, eine der Organisatorinnen der Gruppe baraka für homosexuelle Migranten und Flüchtlinge und Leiterin der Integrationsarbeit im Rubicon, sagt: "Jede Woche erreichen uns neue Flüchtlinge mit schlimmen Geschichten." Bei baraka sei die Zahl der Hilfesuchenden 2014 und 2015 in die Höhe geschnellt.

"Ich habe von heute auf morgen alles hinter mir gelassen", sagt Shilan. "Meine Liebe, mein Leben, meine Familie, mein Heimatland, meinen Beruf." Sie hob ihr Erspartes ab, 6.000 Euro für ein Visum und einen Flug nach Spanien. Aber dort traute sie sich nicht zu bleiben: "Ich habe sehr viel Familie dort", sagt Shilan, deren Augen nervös durch den Raum wandern. Die Angst trieb sie weiter nach Paris. Hier wollte sie gerne bleiben, schließlich spricht sie Französisch. "Doch auch dort leben mehrere Onkel und Cousins", sagt sie, wippt mit dem Fuß und rutscht auf dem Sofa hin und her. Sie alle hätten wissen können, was sie getan hat. Und noch schlimmer: Sie könnten zu Ende bringen, was ihr Bruder geplant hatte. Von Paris fuhr sie mit dem Zug weiter nach Deutschland und landete schließlich in Köln in einem Flüchtlingsheim.

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Die ersten Monate im Flüchtlingsheim waren eine Katastrophe

Das war vor einem Jahr und drei Monaten. Shilan wartet immer noch darauf, ob ihr Asylantrag bewilligt wird, und darauf, einen Job annehmen zu können. "Ich bin eine commerciale", sagt Shilan auf Französisch, eine Unternehmerin. In Algerien konnte sie mit ihrem Vater zusammen zwei Bekleidungsgeschäfte führen – solange sie den Hidschab trug. "Ich muss arbeiten", sagt sie, "ich kann nicht stillsitzen, auch jetzt nicht." Auf Krücken ist sie hergekommen, sie wurde nach einem Unfall beim Fußballspielen am Knie operiert und müsste eigentlich noch im Krankenhaus sein.

Die ersten Monate im Flüchtlingsheim beschreibt Shilan als Katastrophe. Sie wohnte mit mehreren Frauen auf engstem Raum. In vielen Herkunftsländern wie in Syrien, Afghanistan oder Ghana werden Homosexuelle verfolgt, in anderen zumindest geächtet. Eine alleinstehende muslimische Frau, die aus einem arabischen Land geflüchtet ist, die keinen Hidschab trägt, ihr Haar dafür aber sehr kurz, und die in ihrer Freizeit Fußball spielt? Shilan fiel auf und wurde beschimpft. Sie stockt immer wieder, es fällt ihr schwer, über diese Zeit zu sprechen.