In der Werkstatt des Projekts "Arrivo" in Berlin wird Geflüchteten Einblick in Handwerksberufe gegeben. ©  Sean Gallup/Getty Images

Seit dem vergangenen Sommer wird in unserem Land über geflohene Menschen geredet, gestritten und befunden wie seit Jahrzehnten nicht mehr. "Der Flüchtling" ist in Fernseh- und Zeitungsberichten, in den Worten von Politikern und Agitatoren zum Präfix geronnen: Flüchtlingsfrage, Flüchtlingsstrom, Flüchtlingsplage, Flüchtlingskrise.

Doch die Wirklichkeit beginnt jenseits dieser Schlagwörter. Die Wirklichkeit der Menschen, die nach Europa gekommen sind und noch kommen werden, die vor Krieg, Armut und Tod fliehen und auf der Flucht ihr Leben riskieren. Aber auch die Wirklichkeit all derer, die sich europaweit engagieren.

Globalisierung war die längste Zeit getrieben von technischen Errungenschaften und wirtschaftlichen Interessen. Menschen von weit außerhalb unserer Komfortzone waren bis zum vergangenen Sommer meist bloßer Gegenstand von Fernsehnachrichten und folgenloser Facebook-Diskussionen. Heute stehen diese Menschen und ihre Schicksale leibhaftig vor uns: Sie sind aus Fakten, Strategien und Analysen hervorgetreten – in das hiesige Leben, in diese Gesellschaft, oft direkt in unseren Alltag.

Politik, ihre positiven Folgen, aber auch ihr Versagen werden durch die zahlreichen Aufgaben, vor die die Neuankommenden uns stellen, geradezu körperlich erfahrbar. Jetzt und hier und für uns alle. Darauf reagieren Teile unserer Gesellschaft, wie sie es in den fetten Jahren gelernt haben: Sie versuchen sich abzugrenzen, sie pochen auf ihre Rechte und ihre Sorgen. Ihre Bedrohungsszenarien und Verlustängste trüben einen klaren Blick auf die Menschen, die zu uns kommen. Dabei kann von Mangel keine Rede sein. Deutschlands Wirtschaft brummt wie lange nicht. 

Doch egal, ob wir schimpfen, handeln oder wegschauen, ob wir hier leben oder gerade erst hier ankommen – wir alle formen, Mensch für Mensch, ein neues Miteinander, eine neue Gesellschaftsordnung. Für oder gegeneinander. Wir haben es in der Hand.

Die vielen freiwilligen Helfer, darunter auch zahlreiche engagierte Profis, sind in den vergangenen sechs Monaten vorangegangen. Jetzt sind wir alle gefragt, mit Ideen, Projekten und politischem Druck auf die neuen Gegebenheiten zu reagieren und die Zukunft aktiv mitzugestalten. Wir werden um ein neues Miteinander ringen, uns dabei irren und verlaufen, aber jeder Fortschritt muss Fehltritte und Rückschläge aushalten.

Wir wollen diesen Fortschritt mitgestalten. Gemeinsam mit weiteren Unverzagten ein Vorgehen mit den und für die Menschen entwickeln, die es hierher geschafft haben. Das ist dringend nötig, um zu zeigen, wie viele wir sind. Man hört, liest und sieht zumeist jene, die am lautesten schreien und viel Zeit und Sitzfleisch für reale wie mediale Stammtische haben. Hunderttausende andere aber investieren diese Lebenszeit in handfeste und, nicht selten, aufreibende Unterstützung. Ihre Motive sind so vielfältig wie die gewählte Form der Unterstützung. Wir respektieren diese Menschen, wir möchten sie ermutigen und uns mit ihnen austauschen.

Wir machen das ist ein Bündnis von Neuankommenden und Einheimischen. Es steht dafür ein, die Rechte und Bedürfnisse der geflohenen Menschen zu berücksichtigen und diese Rechte dauerhaft in einen gemeinsamen Alltag zu führen. Diese Bereitschaft endet nicht, wenn wir mit Problemen konfrontiert werden. 

Damit das Zusammenleben gelingt, müssen die eigentlichen Probleme erkannt und benannt werden: Sind es wirklich vornehmlich die neuangekommenen Menschen, die sich nicht an Regeln und Gesetze halten und wenn ja, welche Rolle spielen in diesem Kontext ihr Rechtsstatus und ihre Lebensbedingungen? Ist es wirklich die schiere Zahl der Menschen oder sind es die Verfahren, denen sie unterworfen werden, die das System zum Kollabieren bringen? Kollabiert es wirklich?