Flüchtlingskinder an der griechisch-mazedonischen Grenze © Robert Atanasovski/AFP/Getty Images

Mindestens 10.000 unbegleitete Flüchtlinge unter 18 Jahren sind nach Schätzung von Europol in Europa verschwunden. Tausende seien in europäischen Staaten registriert worden, doch dann habe sich ihre Spur verloren, sagte Brian Donald dem Observer. Der Stabschef der EU-Polizeibehörde warnte, einige könnten in die Hände von Kriminellen gelangt sein.

"Nicht alle werden kriminell ausgenutzt, manche könnten inzwischen in der Obhut von Familienmitgliedern sein", sagte Donald. "Aber wir wissen einfach nicht, wo sie sind, was sie tun oder bei wem sie sind." Allein in Italien seien 5.000 Minderjährige verschwunden, 1.000 in Schweden.

Die Organisation Save the Children schätzt, dass ungefähr 26.000 unbegleitete Minderjährige im vergangenen Jahr in Europa angekommen seien. Europol geht laut dem Observer von deutlich höheren Zahlen aus. Nach Schätzung der Polizeibehörde sind 27 Prozent der in Europa ankommenden Flüchtlinge minderjährig. Das wären bei einer Million Flüchtlingen 270.000 Menschen unter 18 Jahren

"Nicht alle von ihnen sind unbegleitet, doch wir haben Hinweise, dass es ein großer Anteil von ihnen ist", sagte Donald. So handele es sich nach seiner Ansicht bei der Zahl von 10.000 verschwundenen unbegleiteten Jugendlichen um eine vorsichtige Schätzung, die Zahlen könnten auch höher sein.

Europol habe Beweise, dass manche Kinder und Jugendliche auf der Flucht sexuell missbraucht worden sein. "Es hat sich eine gesamte kriminelle Infrastruktur gebildet, die vom Migrantenstrom profitiert", sagte Donald. Kriminelle Banden, die bisher als Schleuser aufgetreten seien, wären dazu übergegangen, Flüchtlinge für Sexarbeit und Sklaverei auszunutzen.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zeigte sich besorgt. "Unbegleitete Minderjährige aus Konfliktregionen bilden die mit Abstand gefährdetste Gruppe unter den Flüchtlingen", sagte Mariyana Berket von der OSZE dem Observer. "Sie sind ohne elterliche Fürsorge, sie wurden entweder von ihren Familien geschickt, um als erste nach Europa zu gelangen, oder sie haben ihre Flucht mit anderen Familienmitgliedern begonnen."

Minderjährige Flüchtlinge - "Er hilft mir – und ich helfe ihm" Etwa 60.000 Minderjährige flohen im vergangenen Jahr ohne ihre Eltern nach Deutschland. Auch der 17-jährige Hamud kannte in München niemanden. Bis er Felix traf. Ein Beitrag aus der Webdokumentation “Fremde Freunde”, die mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten 2015 ausgezeichnet wurde. (http://afklab.pageflow.io/fremde-freunde)