Knapp elf Jahre nach dem Mord an der jungen Deutschtürkin Hatun Sürücü in Berlin hat in Istanbul der Prozess gegen zwei ihrer Brüder begonnen und wurde sofort vertagt. Der Richter in Istanbul setzte den nächsten Verhandlungstag auf den 28. April fest.

Den 35 und 36 Jahre alten Männern wird nach Angaben der türkischen Justiz das vorsätzliche Töten einer nahen Verwandten vorgeworfen. Die beiden Angeklagten sollen den jüngsten Bruder mit dem Mord beauftragt haben, um die Familienehre wiederherzustellen. Außerdem werden sie beschuldigt, die Waffe besorgt zu haben.

Die 23-jährige Hatun Sürücü war am 7. Februar 2005 von ihrem kleinen Bruder in Berlin-Tempelhof an einer Bushaltestelle erschossen worden. Er habe den westlichen Lebensstil seiner Schwester verachtet, gab er damals zu Protokoll. Rund ein Jahr später wurde der Täter zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Im Sommer 2014 wurde er nach seiner Strafe in die Türkei abgeschoben.

Die Rolle der beiden älteren Brüder bei dem Mord konnte das Gericht damals nicht klären. Daher sprach es die beiden im Jahr 2006 frei. Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche ein Jahr später auf und verwies den Fall zurück ans Landgericht. Die Brüder waren aber in der Zwischenzeit in die Türkei geflohen und wurden wegen ihrer türkischen Staatsbürgerschaft nicht an Deutschland ausgeliefert. 2013 leitete die türkische Seite ein eigenes Strafverfahren gegen sie ein.

Die beiden Angeklagten wiesen die Vorwürfe in bisherigen Aussagen zurück, wie aus Gerichtsakten hervorgeht. Der Schütze selbst hatte damals ausgesagt, den Mord allein verübt zu haben. Die Tatwaffe wurde nie gefunden.

Eine wichtige Rolle werden beim Prozess in Istanbul die Aussagen der Ex-Freundin des Täters spielen. Der Mörder hatte ihr nach der Tat erzählt, dass er die Tatwaffe von einem der beiden Brüder bekommen habe. Das geht aus der Anklageschrift beim Istanbuler Strafgericht hervor. Der andere Bruder habe den Mord demnach beobachtet. Die damalige Freundin des Täters war bei dessen Verurteilung als glaubwürdig eingestuft worden. Der Fall hatte in Deutschland eine Debatte über sogenannte Ehrenmorde ausgelöst.