Die erste Urszene. Im Kindergarten, östliches Ruhrgebiet, letztes Jahr der 80er oder erstes der 90er: Wir sind zwischen vier und sechs Jahre alt, es ist Sport- und Bewegungsstunde. Die Kindergärtnerin leitet eines der üblichen Fangenspiele an. Die Gruppe der Zu-Fangenden schreitet durch den Raum auf die Gruppe der Fänger zu und spricht dabei einen Reim. Ist das letzte Wort verklungen, stoßen sich die Fänger von der Wand ab und die Zu-Fangenden fliehen vor ihnen zurück zur rettenden "eigenen" Wand. Wer abgeschlagen wird, wechselt das Team, bis nur noch einer übrig ist. Der Reim: "Wir kommen aus dem Morgenland. Das Morgenland ist abgebrannt. Wir sehen aus wie Mohren, ha’m soooolche langen Ohren!" Untermalt mit einer entsprechenden Geste. Irgendein Kind fragt irgendwann: "Was ist eigentlich ein Mohr?" Die Kindergärtnerin antwortet: "Na, so jemand wie Mohamed halt."

Mohamed tat in diesem Moment, was er immer tat, auch wenn zum Beispiel erläutert wurde, warum er kein Türchen am Adventskalender aufmachen dürfe, weil: "Der glaubt ja gar nicht an das Jesus-Kind." Er schaute aus großen dunklen Augen in die Runde, für mehr reichte sein Deutsch auch nicht. Irgendwas muss mir daran schon damals so schräg vorgekommen sein, dass ich mich bis heute erinnere. Woran ich mich allerdings auch erinnere: Diese Szene führte nicht dazu, dass meine biodeutschen Kindergartenfreunde und ich dadurch Nähe zu den meist marokkanischen Einwandererkindern entwickelten, die ebenfalls unseren Kindergarten besuchten. In unserer Gruppe war das nur Mohamed. In der Nachbargruppe aber waren es gleich fünf Jungs um den dicken Zuhair, den die Kindergärtnerinnen trotz andauernder Proteste ("Ich heiße Ssuheirr!") nur "Zuher" nannten. Wir nannten sie nur "die Marokks" und prügelten uns mit ihnen. Zumindest so lange, bis wir einsahen, dass wir immer verloren.

In Neukölln bin ich ganz dicht dran

Man redet viel über die Rolle von Einwandererfamilien aus muslimisch geprägten Ländern und die Rolle des Islams in unserer Gesellschaft. Auch ich tue das, und ich vertrete linke Positionen: Refugees welcome! Keine Vorverurteilung ganzer religiöser Gruppen. Die meisten Probleme mit Migrationsfolgen sind zuerst soziale Probleme dieser Gesellschaft. Einwände, ich hätte ja als weißer Mann und erwachsener Akademiker wenig Berührungspunkte mit den Schattenseiten der Einwanderung von Machokultur und moralischer Rigidität, tue ich mit dem Verweis auf meinen Wohnort ab. Der Bezirk Neukölln hat mich eins gelehrt: Je dichter man rangeht, umso detailreicher wird ein Bild.

Und doch bin ich zuletzt unsicher geworden. Unsicher, was meine reflexhafte Abwehrhaltung angeht, wenn begangenes Unrecht in einen Zusammenhang mit religiös-kultureller Identität gestellt wird. Woher kommt diese Angst, mit jeder Anerkenntnis von Differenz, sobald sie Herkunft, Kultur und Religion betrifft, Rassismus zu befördern? Von Menschen, die sich sonst jedes Detail eines Menschen ansehen und in Zusammenhang bringen mit dem, was er tut? Meine linken Freundinnen und Freunde würden nun sagen: weil genau das, das Erstellen dieses Zusammenhangs, Rassismus ist.

Die zweite Urszene. In der Mannschaftskabine, östliches Ruhrgebiet, ich bin 13 oder 14. Zuhair und seine Jungs haben mein Leben zwischenzeitlich verlassen, andere Wohngegenden, andere Schulen. Jetzt sind sie aber wieder da, beim Fußball. Wir verstehen uns gut, einmal hauen mich die "Marokks" sogar raus, als ich von einem Mitspieler namens Bierende (Sic!) schikaniert werde. Als ich das einzige Tor meiner Vereinskarriere mache, das auch noch zum einzigen Punktgewinn unserer Mannschaft in dieser Saison führt, ist Zuhair der Erste, der jubelnd auf mir liegt. Aua!