ZEIT ONLINE: Die Gewerkschaft der Polizei hat große Zweifel, dass es zu Verurteilungen nach den Übergriffen in Köln kommen wird. Teilen Sie diesen Pessimismus?

Nikolaos Gazeas: Ja. Leider dürfte es in diesem Fall sehr schwer werden, konkrete Taten nachzuweisen. Unsere Rechtsordnung verlangt, dass einem Täter jenseits vernünftiger Zweifel mit den zulässigen Beweismitteln der Strafprozessordnung die vorgeworfene Tat nachgewiesen wird. Dass also ein bestimmter Täter eine bestimmte Frau beklaut oder sexuell genötigt hat. Da fangen die Schwierigkeiten an.

ZEIT ONLINE: Welche Schwierigkeiten?

Gazeas: Schon im Allgemeinen ist ein Tatnachweis schwieriger, wenn Straftaten aus Gruppen heraus begangen werden. Die Umstände in der Silvesternacht waren, wie man annehmen darf, noch weitaus mehr, nämlich sehr chaotisch. Die Zuordnung einzelner Straftaten zu bestimmten Personen wird nach den bisher bekannten Zeugenaussagen und Polizeiberichten vermutlich sehr schwierig sein, weil sie aus einer Masse von Leuten heraus in einer unübersichtlichen Situation begangen wurden.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt doch Zeugen und Überwachungsvideos.

Gazeas: Das ist richtig. Die Aussagen der Opfer und umstehender Zeugen sind das wichtigste Beweismittel. Aber Zeugen sind zugleich das unzuverlässigste Beweismittel, weil das menschliche Erinnerungsvermögen Schwächen hat. Im Kölner Fall wird das noch vertrackter, weil neben Tätern auch einzelne Opfer und Zeugen alkoholisiert gewesen sein dürften. Auch eine Schocksituation kann das Erinnerungsvermögen mindern. Außerdem müssen die Zeugen in der Regel den Tatverdächtigen aus einer Reihe von Fotos zweifelsfrei identifizieren, auf denen ähnlich aussehende Personen zu sehen sind. Das könnte gerade mit Blick auf die schlechten Lichtverhältnisse in der Nacht und den auf den ersten Blick oft ähnlich aussehenden Personen auf der Täterseite zu Verwechslungen führen. Und wenn am Ende Zweifel bleiben, muss das Gericht den Angeklagten freisprechen – und das ist auch richtig so.

ZEIT ONLINE: Klingt, als könnte man sich auf Zeugen nicht verlassen.

Gazeas: Der Zeugenbeweis hat seine Schwächen, was aber nicht heißt, dass es auch Konstellationen geben kann, in denen die Zeugen den Verdächtigen vor Gericht glaubhaft und glaubwürdig identifizieren können. Etwa dann, wenn der Täter ein charakteristisches Merkmal wie eine besonders auffällige Tätowierung oder ein auffälliges Muttermal hat, an das sich das Opfer genau erinnern kann. In der Praxis ist es jedenfalls nicht unüblich, dass das Urteil eines Gerichts letztlich auf der Aussage eines einzigen Zeugen beruht. Das Problem liegt im Fall der Silvesternacht woanders: Man muss den Tatverdächtigen erst einmal finden. Bei der Vielzahl an Zeugenaussagen wird es sicher nicht in jedem Fall Phantombilder geben. Die Ermittler werten daneben aber auch die Videobilder aus, was sehr aufwendig ist. Damit könnte man in eine Öffentlichkeitsfahndung gehen. Ob auf den Bildern aber konkrete Tathandlungen zu sehen sein werden, wie etwa das Greifen in den Intimbereich, steht auf einem ganz anderen Blatt.

ZEIT ONLINE: Ermittelt wird in Köln auch wegen organisierter Kriminalität. Verspricht das einen größeren Erfolg?

Gazeas: Nicht unbedingt. Es zeigt aber, dass die Ermittler auch mögliche Verbindungen zwischen den Straftaten in Köln und denen in anderen Städten prüfen. Das ist sinnvoll.

ZEIT ONLINE: Im Strafgesetzbuch lässt sich kein Paragraph finden, der Busengrapschen oder ähnliche Taten unter Strafe stellt. Ist unser Rechtssystem zu wehrlos gegenüber sexuellen Übergriffen?