Es ist fünf Tage her, auf dem Bahnhofsvorplatz ist inzwischen alles friedlich und man kann sich gar nicht vorstellen, wie das hier in der Kölner Silvesternacht ausgesehen haben soll: Ein enthemmter Mob von mehreren Hundert Männern, aus dem Silvesterraketen fliegen, Dutzende Diebstähle, sexuelle Übergriffe gegen wehrlose Frauen, eine Frau hat eine Vergewaltigung angezeigt. Nach und nach melden sich Augenzeugen zu Wort. Sie berichten davon, dass kaum ein Durchkommen war, weil der Bahnhof so voll war von Polizisten, weinenden Frauen und wie aufgeputscht wirkenden Männern.

Erst nach und nach fügt sich ein Bild von dieser Nacht zusammen. Die Polizei selbst sagt, dass sie gerade erst "bei null" mit den Ermittlungen anfängt. Vieles, was Polizei und Politik zu dieser Nacht zu sagen haben, wirft nur noch mehr Fragen auf.

Es beginnt damit, was das überhaupt für Menschen waren, von denen die Gewalt ausging. 90 Straftaten wurden bislang angezeigt, doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Schon zuvor, etwa gegen 21 Uhr, war der Polizei aufgefallen, dass sich vor dem Bahnhof eine Gruppe von etwa 500 jungen Männern gesammelt hatte, in der es aggressiv zuging, berichtet der Leitende Polizeidirektor Michael Temme.

"Unbeeindruckt von der polizeilichen Anwesenheit"

Gegen 23 Uhr seien es etwa 1.000 Personen gewesen, fast alle laut Temme "nordafrikanischen Aussehens", die völlig enthemmt waren und "unbeeindruckt von der polizeilichen Anwesenheit". Böller flogen, die Polizei fürchtete eine Eskalation. Darum ließ sie kurz vor Mitternacht den Platz räumen, was ihr auch gelang. Die Menge zerstreute sich – so stellt es die Polizei zumindest dar.

Doch gegen ein Uhr wurde deutlich, dass sich die Lage im Bahnhofsgebäude, wohin sich viele der Männer offenbar zurückgezogen hatten, dramatisierte. Die Polizei stellte fest, dass dort nicht nur die – leider üblichen – Taschendiebstähle stattfanden, sondern Frauen gezielt sexuell bedrängt wurden. Daraufhin begannen die Beamten, Frauen ohne Begleitung anzusprechen und zu begleiten. Dutzende Männer wurden kontrolliert, teilweise auch in Gewahrsam genommen. Den Augenzeugenberichten ist zu entnehmen, dass die Polizei die Aggression und angsteinflößende Stimmung dadurch nicht mildern konnte. Seitdem laufen bei den Polizeidienststellen in Köln und im Umland nach und nach Anzeigen ein.

Verhaltensregeln für Frauen

In den Internetforen, in denen die fremdenfeindliche Hetze sowieso immer stattfindet, vermuten viele Flüchtlinge hinter den Taten. In Köln ist die Assoziation eine andere: Seit Jahren treiben Taschendiebbanden hier ihr Unwesen. Der sogenannte Antanz-Trick ist dabei besonders beliebt: Das Opfer wird eng umschlungen, scheinbar aus dem Übermut heraus. Dann wird es aus dem Gleichgewicht gebracht und während es sich abfängt, verschwindet die Geldbörse aus der Hosentasche. Die Masche beobachtet die Polizei nach eigenen Angaben vor allem bei Menschen aus Nordafrika, meist arbeiten zwei oder drei zusammen.

Weil das Problem auf den "Ringen", der Kölner Partymeile, so massiv ist, gibt es eine eigene "Ordnungspartnerschaft Ringe" von Polizei und Stadt. Bis zu 60 Kräfte sind in diesem Rahmen Wochenende für Wochenende unterwegs. Polizeipräsident Wolfgang Albers verweist darauf, dass es dank dieser Kooperation immer wieder Festnahmen und auch Verurteilungen gibt. Beseitigt ist das Problem dennoch nicht. Einige der Verurteilten könnten abgeschoben werden, weil sie keine Deutsche sind. Aber sie haben laut Polizei keinen gültigen Pass.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker versucht nun, wieder Ordnung herzustellen. Es müsse alles geschehen, "damit es solche Vorfälle nie wieder gibt", sagt sie. In vier Wochen ist Weiberfastnacht, dann findet in Köln eine der größten Straßenpartys des Landes statt. Wichtige Punkte sollen dann überwacht werden, wie man es sonst von Demonstrationen kennt: mit verstärkten Polizeikräften und Videoüberwachung von der "Bademeisterposition" aus. Gemeint sind Kameras, die auf Polizeiautos montiert sind und per Teleskoparm in die Höhe gefahren werden. Verdächtige Personen soll der Zutritt zur Innenstadt untersagt werden, was mit Meldeauflagen kontrolliert wird.

Und dann sind da die Verhaltensregeln, mit denen sich Frauen selbst schützen sollen. Die Stadt wolle diese Regeln aktualisieren und verbreiten, sagt Reker. Aber was soll das sein? "Eine Armlänge Distanz halten", rät die Oberbürgermeisterin. Sich nicht von der Gruppe entfernen, nicht spontan mit Fremden mitgehen und bei Gefahr gezielt Personen um Hilfe bitten. Der gute Rat wirkt schräg bis unverschämt wenige Tage, nachdem Frauen zu Dutzenden angetanzt, ausgeraubt und sexuell angegangen wurden.