Im Intranet der Kölner Polizei findet man eine Seite mit dem Namen "AP Nafri". Das Analyseprojekt Nordafrikanische Straftäter. "Die Klientel verhält sich äußerst aggressiv", werden die Polizisten dort gewarnt, "bei Festnahmen durch Polizeibeamte kommt es regelmäßig zu rücksichtslosen Verhaltensweisen wie unkontrolliertem Schlagen, Treten, Beißen." Dabei bleibe es nicht, es "werden auch Waffen und gefährliche Gegenstände eingesetzt (Einhandmesser, teilweise beidseitig geschliffen, große Pfeffersprayflaschen, Schlagringe, große Glassplitter u.ä.)".

1.947 nordafrikanische Tatverdächtige ermittelte die Kölner Polizei im Jahr 2015. "Dieses Milieu ist sehr groß und wächst kontinuierlich", sagt Kriminalpolizist Thomas Schulte, der in der Szene ermittelt. Es handele sich nicht nur um Trickdiebe oder sogenannte Antänzer – sondern auch um skrupellose Gewalttäter.

Jetzt rückt diese Gruppe ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Weil die Polizei vermutet, dass zumindest einige der Täter aus der Kölner Silvesternacht aus diesem Umfeld stammen. Große Gruppen von jungen Männern zwischen dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof attackierten Frauen, griffen ihnen zwischen die Beine, an die Brüste und an den Hintern. Zuletzt lag die Zahl der Anzeigen bei über 650.
Vor allem junge Marokkaner und Algerier sind unter den Tatverdächtigen. Eine Gruppe von Zuwanderern, von denen bisher selten die Rede war. Dabei sind sie der Polizei schon lange bekannt. Schon seit 2013 kümmert sich bei der Kölner Polizei im "AP Nafri" ein Team aus Spezialisten um das Maghreb-Milieu.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel „Wer ist der arabische Mann?“

"Das sind junge Männer, die weder Geld noch gesellschaftlichen Anschluss haben und häufig auch keine Papiere", sagt Martin Zillinger von der Uni Köln. Der Ethnologe forscht in Marokko und zu marokkanische Migranten in Europa. Viele kämen nach Deutschland, obwohl sie wüssten, dass sie hier wahrscheinlich nicht bleiben können. Sie wüssten aber auch: Bis sie abgeschoben werden sollen, vergehen zwei Jahre, eher drei. Viel Zeit, in der sie als Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis kein Geld verdienen können – zumindest legal. Doch zu Hause in Marokko sitzt die Familie und hofft auf den nächsten Scheck per Western Union.

"Auf ihrem Weg durch Europa versuchen sie, sich irgendwo ein Leben aufzubauen. Aber sie ziehen von Scheitern zu Scheitern. Auf der Suche nach Möglichkeiten, um Geld zu verdienen, werden sie irgendwann kriminell", sagt Martin Zillinger, "Dann verdienen sie ihr Geld auf Straße". Zum Beispiel auf den Kölner Ringen, wo nachts Betrunkene leichte Beute sind, in der Altstadt zwischen schleichenden Touristengruppen. Oder in Einkaufszentren, wo Portemonnaies gezückt werden, Handys achtlos in Hosentaschen verschwinden.

Ein bisschen wie im "Tatort"

Im Behördendeutsch der Polizei verschwinden diese Existenzen hinter Abkürzungen. Nafri, MAR-m-23. Nordafrikanischer Straftäter, Marokkaner, männlich, 23 Jahre alt. Sie sind auf Diebstahl und Raub spezialisiert, trinken viel oder nehmen Drogen. Seit Ende der Nullerjahre sind sie in Köln als Tätergruppe bekannt, erzählt ein ehemaliger leitender Kölner Polizist. "Es handelt sich um Berufskriminelle", sagt er, "die leben davon".

Im Kriminalkommissariat 43 in Rufweite des Kölner Hauptbahnhofs gehen sie jeweils mit mehreren Teams gemeinsam gegen diese Täter vor: Hintergrundermittler, Einsatztrupps auf der Straße, und manchmal ist auch die Bundespolizei dabei, die für die Sicherheit in Bahnhöfen und Flughäfen verantwortlich ist.

Es läuft dann ein bisschen wie im "Tatort": Zivilpolizisten, die in Autos sitzen, zum Zugriff bereit. Ein Kollege, der die Szenerie von einem erhöhten Punkt mit einem Fernglas beobachtet. Und den Beamten im Auto einen Hinweis gibt, ihnen – so heißt es im Polizeijargon – die Täter zuspricht: "drei Verdächtige in dunklen Jacken treten aus Hausvorsprung neben der Kneipe, kreisen Betrunkenen ein."

Täter meist zu dritt unterwegs

Die Polizisten bewegen sich im Einsatz zwischen feinen Linien. Hier das Polizeigesetz NRW, Paragraph 1 – der Auftrag, Straftaten zu verhüten. Da die Ermittlungserfolge – Straftat zulassen, Sekunden später zugreifen, Diebesgut sicherstellen, Handschellen anlegen. Sie müssen richtig einschätzen: Zücken die Täter gleich ein Messer oder schlagen sie das Opfer nieder? Dann greifen sie ein. Sonst warten sie meist ab.
Die Ermittlungen seien beschwerlich und oft unbefriedigend, erzählen Polizisten. Eine Sisyphusarbeit, bei der selbst Erfolge häufig einen bitteren Nachgeschmack haben. Denn nehmen die Beamten einen Täter in flagranti fest, reicht das Vergehen häufig nicht für eine Haftstrafe. So grinsen ihnen beim nächsten Einsatz die Täter zu, die sie noch in der Vorwoche verhaftet haben. Im Intranet der Kölner Polizei heißt es: "Den Angehörigen der Zielgruppe gelingt es immer wieder, durch die oft unwahre Behauptung, "ausländische Jugendliche ohne Ausweispapier zu sein, einen 'Schutzwall' zu errichten."

Wenn die jungen Männer "arbeiten" gehen, sind sie meist zu dritt, erklären Beamte. Einer sichert, ein zweiter lenkt das Opfer ab, legt einen Arm um dessen Schultern oder stellt ihm ein Bein, ein Dritter zieht das Handy aus der Tasche. Wehrt das Opfer sich, kassiert es Schläge oder spürt eine Klinge am Hals.
Sexuelle Übergriffe einer großen Gruppe kannte man von diesen Tätern bislang nicht. Dass aber einzelne nordafrikanischen Banden schon nach diesem Muster vorgingen, stehe in einem sogenannten Beobachtungs- und Feststellungsbericht einer Zivilstreife vom 11.11.2014, berichtet ein Polizist. Dort wird beschrieben, wie die jungen Täter gezielt Frauen umzingeln und begrapschen, ehe sie in der karnevalesken Masse verschwinden.

Kaum Chancen auf Asyl

Eine Untersuchung des Kölner Kriminalkommissariat 41 ergab: Von den mehr als 800 Maghrebinern, die zwischen Oktober 2014 und November 2015 bei der Kölner Polizei als Flüchtlinge registriert wurden, weil sie in deren Gebiet untergebracht waren, begingen 40 Prozent Straftaten, vor allem Raub und Diebstahl. Bei Syrern lag die Quote dagegen bei unter einem Prozent, bei Irakern bei 2 Prozent. Diese Ergebnisse sind allerdings nicht repräsentativ.

Nicht die Herkunft selbst ist entscheidend. Sondern, was sie auf dem Amt wert ist. Weniger als 4 Prozent der Asylanträge von Marokkanern werden bewilligt, knapp zwei Prozent der Algerier. Viele lassen sich deshalb gar nicht erst registrieren, sondern halten sich von beginn an illegal im Land auf. Integration gehört meist gar nicht erst nicht zu ihrem Plan. Ihre Devise lautet: Ein möglichst gutes Leben leben, nicht zu oft erwischen lassen, und wenn das Glück aufgebraucht ist, geht es woanders hin. "Sie haben Probleme, sich einzuordnen, leben teils schon seit Jahren als Vagabunden. Auch in der großen, gut integrierten nordafrikanischen Community bekommen sie daher Probleme und finden keinen Platz", sagt der Ethnologe Martin Zillinger. "Stattdessen landen sie in kriminellen Strukturen". Fängt das eine Netz sie nicht auf, verfangen sie sich im anderen.

Spontane Verabredungen zu Beutezügen

Die polizeilichen Ermittlungen des AP Nafri aus den letzten Jahren haben bislang noch kein Netzwerk im Sinne einer mafiösen Organisation entdeckt. "Wir schließen allerdings nicht aus, dass es eine solche Struktur gibt", sagt der Kriminalpolizist Thomas Schulte. Die Ereignisse von Silvester hat diese Frage nun noch dringender gemacht. Bislang weisen die Erkenntnisse des AP Nafri nur darauf hin, dass es sich um lose verbundene Gruppen handelt, die sich über ganz Nordrhein-Westfalen verteilen und über das Internet miteinander kommunizieren. "Was wir wissen, ist, dass sie sich zum Beispiel in ihren Flüchtlingsunterkünften treffen und spontan zu Beutezügen verabreden", sagt Thomas Schulte. Dabei beschränken sie sich nicht auf einen Ort. Regelmäßig nehmen Polizisten Tatverdächtige fest, die aus Mettmann, Gelsenkirchen oder Wuppertal nach Köln gefahren kommen und gestohlene Handys als ihre Pendlerpauschale verstehen.

Das macht die Ermittlungen schwierig. Es gibt keinen konkreten Ort, auf den sich die Polizei jetzt konzentrieren könnte. "Die meisten der 135 Beamten aus der Ermittlungsgruppe Neujahr hocken vor dem Rechner und bekommen viereckige Augen", erzählt ein erfahrener Polizist aus der ehemaligen Führungsriege der Kölner Polizei. Verpixelte Videos müssen gesichtet, soziale Netzwerke durchforstet, Handys geortet werden. Andere Ermittler vernehmen Zeugen, vergleichen Aussagen, legen Fotos von Verdächtigen vor. Auf der Straße ermitteln, mit Hausdurchsuchungen und Handschellenanlegen – das ist nach den diffusen Ereignissen der Silvesternacht die absolute Ausnahme.

Sollten Polizei und Staatsanwaltschaft Tatverdächtige überführen können und diese zu Haftstrafen von mindestens einem Jahr verurteilt werden, könnten viele von ihnen abgeschoben werden. Zumindest in der Theorie. Denn schon jetzt leben laut Innenministerium 8.000 ausreisepflichtige Nordafrikaner – nicht nur aus dem Maghreb – in Deutschland, viele von ihnen ohne Papiere. Die erforderlichen Ersatzdokumente für eine Abschiebung stellen indes weder Marokko noch Algerien aus.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel "Wer ist der arabische Mann?" Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.