Polizei vor dem Kölner Hauptbahnhof © Sascha Schuermann/Getty Images

ZEIT ONLINE: In der Silvesternacht gingen bei der Kölner Polizei nur drei Notrufe vom Hauptbahnhof ein. Jetzt zählen die Beamten etwa 75 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe. Warum haben diese Frauen zuerst geschwiegen?

Rainer Bruckert: Meistens ist Scham der Grund. Viele Opfer denken aber auch, sie werden selbst damit fertig. Vor allem junge Mädchen fühlen sich stark genug. Doch aus unserer Erfahrung kommt der Übergriff bei vielen später wieder hoch. Eine weitere Hürde: Sie denken, eine Anzeige bringt nichts. Ermittlungen verlaufen oft im Sande, Täter werden nicht gefasst oder nicht entsprechend verurteilt. Das spricht sich rum. Komischerweise erstatten die Frauen schnell Anzeige, wenn über die sexuellen Belästigungen hinaus auch noch das Handy weg ist.

ZEIT ONLINE: In Köln gab es einige Anzeigen wegen Diebstahls, bei denen später die sexuelle Belästigung noch ergänzt wurde. Wie kommt das?

Bruckert: Das liegt an der Erkenntnis: Ich bin nicht die Einzige, die hier gedemütigt worden ist, das waren noch mehr. Deswegen gehe auch ich jetzt zur Polizei. Das ist ein Effekt, der immer wieder zu beobachten ist. Generell ist der Mut zur Anzeige in den letzten Jahren gestiegen. Das liegt an prominenten Fällen in den Medien, aber auch an Gerichten, die härter und konsequenter ahnden. Trittbrettfahrerinnen kann man dabei nicht ausschließen. Aber das muss man hinnehmen. Erfahrene Beamte erkennen das in der Vernehmung schnell.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn die Ermittlungen in Köln zu nichts führen?

Bruckert: Dann könnte sich der Effekt wieder umkehren. Die Frauen müssen einen Erfolg sehen, sonst wird es künftig keine Anzeigen mehr geben. Das wäre verheerend.

ZEIT ONLINE: Raten Sie in Ihrer Beratung Opfern, zur Polizei zu gehen?

Bruckert: Wir versuchen sie davon zu überzeugen. Eine Anzeige ist auch Prävention: damit man einen Täter aus dem Verkehr zieht. Wir erläutern aber auch, was auf sie zukommen kann. Denn der zweite Überfall erfolgt vor Gericht, wenn der Verteidiger intime Fragen stellt. Aber auch wenn sich die Opfer gegen eine Anzeige entscheiden, helfen wir. Bei ihnen bleibt immer etwas zurück. Das ist ein traumatisches Erlebnis, das steckt man nicht so einfach weg.

ZEIT ONLINE: Wann kann eine Anzeige zur Verurteilung führen?

Bruckert: Das hängt davon ab, ob das Opfer eine detaillierte Beschreibung vom Täter abgeben kann – damit er auch gefasst wird. Das Problem bei Belästigungen die von Gruppen ausgehen, ist die Dynamik. Da passiert so viel auf einmal, dass die Opfer nicht sagen können, wie die Täter aussahen oder von wem genau der Angriff ausging.

ZEIT ONLINE: Könnten die Anzeigen in Köln also aussichtslos sein?

Bruckert: Das zu sagen, ist der falsche Ansatz. Wenn die Täter identifiziert werden, kann die Anzeige schon zu etwas führen. Schwer könnte es tatsächlich werden, wenn die Opfer mit ihrer Aussage allein dastehen und die Täter sich gegenseitig entlasten. Aber ich habe die Hoffnung, dass es anders läuft. Die Leute waren nicht allein unterwegs. Es gibt Zeugen, die dabei gewesen sind und die vielleicht auch Videos mit ihrem Smartphone gemacht haben.

ZEIT ONLINE: Ist Ihnen das, was in Köln passiert ist, aus Ihrer bisherigen Arbeit beim Weißen Ring und als Polizist bekannt?

Bruckert: Die sexuellen Angriffe, die Raube, das sogenannte Antanzen: Das ist ein Phänomen, das wir schon seit zwei, drei Jahren beobachten. So makaber wie es ist: Es musste offenbar erst zu dieser massiven Eskalation kommen, um darauf aufmerksam zu machen. Es ist sehr dünnes Eis, auf das man sich begibt, aber: Das geht in der Masse von Nordafrikanern aus – Tunesier, Algerier, Marokkaner. Das kann ich aus meinen Erfahrungen als Polizist sagen.Aber davon ist niemand erst im Oktober hergekommen, sie sind schon seit ein paar Jahren hier. Das sind junge Männer, bei denen die Integration misslungen ist.

ZEIT ONLINE: Ist die Debatte um Migration, die jetzt vor dem Hintergrund der sexuellen Übergriffe entsteht, also gerechtfertigt?

Bruckert: Man muss aufpassen, dass man keine Munition für die falschen Leute liefert. Das darf aber nicht dazu führen, dass man verschweigt, dass es solche Leute gibt. Es gefällt mir nicht, dass die Polizei das Aussehen der Täter verschweigen soll, damit wir nicht in die Rassismusfalle tappen. Nur weil ein paar Idioten das ausnutzen – das ist nun mal so. Aber was Fakt ist, muss Fakt bleiben. Vor der Debatte darf man keine Angst haben.