Wenn es um die Kölner Silvesternacht geht, werden Verschlusssachen schon mal öffentlich gemacht. So groß ist das Aufklärungsbedürfnis in Stadt und Land, dass der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger immer wieder dicke Stapel mit Dokumenten dazu veröffentlicht. Zuletzt verschickte er die "WE-Mitteilungen", also die Mitteilungen über "wichtige Ereignisse", die aus Köln in der Nacht auf den ersten Januar an sein Ministerium gesendet wurden. Einige dieser Mitteilungen waren eigentlich als "VS – Nur für den Dienstgebrauch" gekennzeichnet.

Wie kam es, dass sich in dieser Nacht rund 1.000 Menschen zwischen Bahnhof und Dom versammelten und aus dieser Gruppe heraus mehr als 1.000 Straftaten begangen wurden? Mehrmals haben die Abgeordneten des Landtags nun schon über diese Nacht beraten. Vor der Sitzung des Innenausschusses an diesem Donnerstag fertigte Jägers Ministerium nun einen 34 Seiten starken Bericht an, der Einblick in den Stand der Ermittlungen gibt. Außerdem beantwortet der Minister auf 19 Seiten die Fragen der Landtagsabgeordneten. Beide Berichte liegen ZEIT ONLINE bereits vor. Sie lassen keinen Rückschluss auf Vertuschungsversuche des Ministeriums oder gravierende Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Vorfälle erkennen.

Allerdings zeigen sie auch, dass die Ermittler bisher kaum weiter sind. Dass sie noch keine Klarheit darüber haben, was zu dieser Häufung von Diebstählen, Raubüberfällen und sexuellen Übergriffen geführt hat.

Wie fand sich die Gruppe der Täter zusammen? Das Innenministerium sieht keine gesteuerte Aktion: Es gebe "deutliche Hinweise" darauf, "dass die Straftaten von unterschiedlichen Tätern/Tätergruppen begangen wurden." Ein solcher Hinweis könnte sein, dass die Täter in unterschiedlichen Städten wohnen und aus unterschiedlichen Ländern stammen. Keiner der bislang 30 identifizierten Tatverdächtigen hat einen festen Wohnsitz in Köln: Etwa die Hälfte von ihnen wohnt in anderen Städten in NRW, die andere Hälfte hat keinen festen Wohnsitz. Die Personen sind 16 bis 32 Jahre alt. 13 von ihnen sind Marokkaner, 12 sind Algerier. 15 haben einen Asylantrag gestellt.

Im WDR beschrieb ein Marokkaner, der seit drei Jahren in Köln Taschendiebstähle begeht, die Situation so: Man habe sich mit 70 bis 80 Personen im Stadtteil Kalk getroffen und sei dann zum Hauptbahnhof gefahren. Zumindest ein Teil der Täter scheint also aus der Kölner Taschendiebszene zu stammen. Allerdings führt die Polizei eine umfangreiche Datenbank über diese Szene: Die "Nafri"-Datei enthält laut Innenministerium Daten zu mehr als 21.000 Straftaten und 17.000 Personen Nordafrikanischer Herkunft. In dieser Datei ist aber nur einer der nun Tatverdächtigen verzeichnet. Keiner der Täter ist als "Antänzer" bekannt. Als einer jener Diebe also, die ihren Opfern nahekommen, um sie dann gezielt zu bestehlen. Eine Masche, die besonders in Köln üblich ist.

Der Marokkaner berichtet dem WDR weiter, seine Gruppe habe sich dann am Hauptbahnhof laut auf Arabisch unterhalten, was dazu geführt habe, dass sich immer mehr Arabisch sprechende Menschen angeschlossen hätten. Viele hätten die Gelegenheit zum Klauen genutzt, dann hätten einige "Mädchen begrapscht" und die Sache sei "völlig ausgeartet". Das deckt sich mit der Darstellung des Ministeriums. In dessen Bericht heißt es nüchterner: "Sehr wahrscheinlich" hätten "gruppendynamische Prozesse und Abstimmungen die jeweiligen Einzel- und Folgetaten" beeinflusst.

Eine Auswertung der in diesem Bericht aufgelisteten Strafanzeigen zeigt auch, dass es schon früh in der Nacht sexuelle Übergriffe gab. So wurden allein zwischen 23 und 23.30 Uhr 52 Sexualdelikte begangen. Also beinahe zwei in jeder Minute. Ungefähr um diese Zeit räumte die Polizei den Bahnhofsvorplatz, um eine mögliche Massenpanik um Mitternacht zu verhindern. Nach Mitternacht öffnete die Polizei das Areal wieder. Danach erreichte die Frequenz der Straftaten laut der nun vorliegenden Anzeigen ihren Höhepunkt.

Polizei übt Druck aus

Waren die Taten sexuell motiviert oder ging es eher um Bereicherung? Offenbar ist das von Täter zu Täter unterschiedlich. Hundertfach wurden Frauen sexuell genötigt, ohne dass sie auch beklaut wurden. Und ebenfalls hundertfach wurden Passanten bestohlen, ohne dabei sexuell angegangen worden zu sein.

Wie viele Vergewaltigungen insgesamt angezeigt wurden, sagt der neue Bericht nicht. Aufgeführt ist jeweils der Tatvorwurf "sexuelle Nötigung/Vergewaltigung", teilweise ist vermerkt, dass Taten von einer Gruppe begangen wurde, teilweise werden sie als "überfallartig" und teilweise als "minderschwerer Fall" beschrieben. Oft lässt sich nur schwer voneinander abgrenzen, was eine sexuelle Nötigung und was eine Vergewaltigung ist. Bislang hieß es, zwei Vergewaltigungen seien angezeigt worden.

Razzien in Düsseldorf und Köln-Kalk

Ein Untersuchungsausschuss des Landtags soll sich nun vor allem mit der Frage beschäftigen, ob Ministerium und Polizei abgesehen von den eingestandenen Fehlern richtig gehandelt haben. Ziel ist es, ein solches Szenario nicht noch einmal zuzulassen. Solange so wenig über die Täter bekannt ist, wird das jedoch schwierig.

Die Polizei versucht, Druck auf die Szenen auszuüben, in denen sie weitere Täter vermutet. In der Düsseldorfer Innenstadt sowie in Köln-Kalk gab es bereits Razzien. Neue Erkenntnisse daraus gibt es bislang nicht. Alle 40 in Düsseldorf festgenommenen Männer sind wieder frei, sichergestellt wurden sechs Handys und ein Laptop, vermutlich geklaut. Ob diese aus der Kölner Silvesternacht stammen, sagen die Behörden nicht.

Gleichzeitig ist die Polizei damit beschäftigt, die Sicherheit in den Innenstädten aufrechtzuerhalten. Seit dem 11. Januar gibt es in Köln täglich einen Sondereinsatz mit durchschnittlich 160 eingesetzten Polizisten. Dabei geht es sowohl darum, Diebstähle und sexuelle Übergriffe zu verhindern, als auch die seit Tagen umherziehenden Gruppen von Hooligans, Türstehern und Rockern davon abzuhalten, Gewalt gegen Nordafrikaner anzuwenden. Die Einsätze sollen vorerst bis zum Ende des Karnevals fortgesetzt werden.