Der Platz vor Dom und Hauptbahnhof in Köln: Ein Schild warnt vor Taschendieben. © Wolfgang Rattay/Reuters

Was wissen wir?

In der Silvesternacht wurden am Kölner Hauptbahnhof Frauen nach eigenen Angaben ausgeraubt und sexuell belästigt. Wochen später melden sich immer noch weitere Opfer. Die Zahl der Anzeigen stieg auf 652, teilte die Staatsanwaltschaft mit. 331-mal sei dabei ein Sexualdelikt angezeigt worden. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer meldeten sich bislang 739 Opfer, die berichteten, angegriffen, bedrängt oder bestohlen worden zu sein. Manche würden gemeinsam eine einzige Anzeige erstatten, weshalb es mehr Geschädigte als Anzeigen gebe. Zum Teil hatten die Frauen erst auf Nachfrage der Beamten angegeben, dass sie auch angefasst worden seien. In zwei Fällen geht es demnach um den Vorwurf der Vergewaltigung.

Der Landespolizei sind bisher 23 Verdächtige namentlich bekannt. Die meisten davon – knapp zehn – sind laut Medienberichten marokkanische Staatsangehörige. Die Bundespolizei identifizierte bisher 32 Verdächtige. Davon sind laut Medien die meisten (22) Staatsbürger Tunesiens, Marokkos und des Iraks.

Laut Polizei sollen 22 Verdächtige Asylbewerber sein. Ermittelt wird gegen sie aber nicht wegen Sexualdelikten. Drei Verdächtige haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Eine eigens eingerichtete Ermittlungsgruppe Neujahr bearbeitet die Fälle.

Der Spiegel berichtete, dass die Polizei in der Silvesternacht gestohlene Handys in Flüchtlingsheimen und deren Umgebung geortet hat.

Am Montag (11. Januar) hatte das Innenministerium über die Vorfälle in der Silvesternacht informiert. Innenminister Ralf Jäger warf der Kölner Polizei darin gravierende Fehler vor. Die Beamten hätten es versäumt, bereitstehende Verstärkung anzufordern. Auch die Art und Weise, wie die Polizei die Öffentlichkeit über die Ermittlungen informierte, sei ein Fehler gewesen, sagte Jäger. Das Innenministerium habe keine Anweisung gegeben, die Herkunft von Tatverdächtigen zu verschweigen. 

Schon in der Silvesternacht waren viele Menschen am Bahnhof vorübergehend in Gewahrsam genommen worden, wie Kölns leitender Polizeidirektor Michael Temme ZEIT ONLINE sagte. Hier ging es laut Polizei um reine Taschendiebstähle. Auf der Hohenzollernbrücke nahm die Polizei in der Silvesternacht zwei Personen aus Nordafrika vorübergehend fest, wie die Behörde drei Tage später mitteilte. Gegen sie wird wegen Diebstahlverdachts ermittelt, nicht wegen Sexualdelikten.

Fünf weitere Männer nahm die Polizei am frühen Sonntagmorgen (3. Januar)an den Gleisen des Bahnhofs wegen Diebstahlverdachts fest. Zwei davon kamen in Untersuchungshaft. Es gebe Hinweise, dass die Beschuldigten kurz vor dem Diebstahl mehrere Frauen bedrängt haben, teilte die Polizei später mit. Polizeidirektor Temme hatte zunächst gesagt, die fünf Festgenommenen hätten nach bisherigen Ermittlungen nichts mit den Übergriffen auf Frauen in der Neujahrsnacht zu tun.

Am Silvesterabend hatten sich auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs etwa 1.000 Menschen versammelt, nach Aussagen der Polizei hauptsächlich junge Männer. Viele seien vom Alkohol enthemmt gewesen und hätten unkontrolliert Feuerwerkskörper abgebrannt. Die Stimmung sei aggressiv gewesen. Aus dieser Menschenmenge heraus seien Frauen umzingelt, angefasst und bestohlen worden. Die Polizei sprach von Sexualdelikten.

Die Bilanz der Silvesternacht lässt sich laut Innenministerium so zusammenfassen: 53 Notrufeinsätze rund um den Kölner Hauptbahnhof, dabei ging es in zwölf Fällen um Sexual-, Diebstahl- und Raubdelikte. Von 71 Personen sei die Identität festgestellt worden. Es gab fünf Festnahmen und elf Ingewahrsamsahmen. Gegen 23.30 Uhr in der Silvesternacht sei die Landesleitstelle der NRW-Polizei von der Kölner Behörde über das Geschehen informiert worden, es sei jedoch keine Verstärkung angefordert worden.

In einem internen Bericht schilderte ein Bundespolizist wenige Tage nach Silvester die Lage: "Die Einsatzkräfte konnten nicht allen Ereignissen, Übergriffen, Straftaten usw. Herr werden, dafür waren es einfach zu viele zur gleichen Zeit", zitierten Bild und Spiegel Online am Donnerstag aus dem Papier. Zeitweise sei es nicht möglich gewesen, Strafanzeigen aufzunehmen. Polizisten wurden durch die Menschenmenge mancherorts bewusst daran gehindert, Geschädigten zu helfen oder an Zeugen oder Täter heranzukommen. Als die Polizei den Vorplatz des Doms gegen Mitternacht räumen ließ, hätten Gewalttäter die Beamten mit Feuerwerkskörpern beschossen. Den Maßnahmen der Polizei sei mit einer Respektlosigkeit begegnet worden, "wie ich sie in 29 Dienstjahren noch nicht erlebt habe", bilanziert der Beamte in seinem Bericht, der jedoch weitere Fragen aufwirft.

Bernd Heinen, Inspekteur der NRW-Polizei, distanzierte sich von dem in der Öffentlichkeit kursierenden Bericht des Bundespolizisten, es handele sich um eine "persönliche Einschätzung". Dennoch bilanzierte auch Heinen in dem offiziellen Bericht des Innenministeriums, die Polizei habe "keine Kontrolle über die Lage" gehabt und "konnte quasi vor und unter ihren Augen nicht vermeiden, dass Frauen sexuell geschädigt und bestohlen wurden".

Auf den wenigen Handyvideos, die von den Geschehnissen in der Neujahrsnacht online verfügbar sind, sind viele Menschen in einer Menge zu sehen, darunter junge Männer, aber auch Paare und Gruppen von Frauen. Feuerwerksraketen flogen in die Menge, einige Personen flohen vor dem Feuerwerk auf die Stufen des Doms.

Die Polizei Köln bittet Geschädigte, die sich bisher nicht gemeldet haben, das zu tun. Hinweise nimmt das Kriminalkommissariat 12 unter der Rufnummer 0221/229-0 oder per E-Mail an poststelle.koeln@polizei.nrw.de entgegen.

Was wissen wir nicht?

Unklar ist, ob sie sich die Täter kannten und zu den Taten verabredeten oder es eine spontane Aktion war. Am Wochenende nach den Vorfällen sagte ein Ermittler laut Kölner Stadtanzeiger, viele Verdächtige seien polizeibekannt und kennen sich untereinander. "Die bisherigen Hinweise gehen deutlich in Richtung polizeibekannte Intensivtäter, mit Flüchtlingen haben die nichts zu tun", sagte er.

Der ranghöchste Kriminalbeamte des Landes, Dieter Schürmann, sagte, die Polizei habe bisher keine Kenntnisse, dass die Übergriffe geplant und abgesprochen waren. "Dass es bundesweit (...) zu vergleichbaren Straftaten gekommen ist, lässt eher darauf schließen, dass die Delikte nicht zeitlich oder hierarchisch organisatorisch vorgeplant wurden", sagte er am Montag (11. Januar) in einer Sondersitzung des Landtags.

In einem Bericht des Polizisten, aus dem mehrere Medien zitieren, heißt es außerdem, Menschen hätten vor den Augen von Polizisten Aufenthaltstitel zerrissen. Die Zeitung Die Welt schreibt zudem, dass bei Identitätsfeststellungen am Hauptbahnhof in der Nacht zu Silvester viele der Überprüften einen Aufenthaltstitel des Bundesamtes für Migration vorgezeigt hätten. Bei den meisten davon habe es sich um Syrer gehandelt. Ob diese auch etwas mit den dort verübten Straftaten zu tun hatten, lässt sich daraus nicht schließen. Was es mit den vorgezeigten Dokumenten auf sich hat, hat ZEIT ONLINE recherchiert.

Auch die Zahl der Täter ist unklar. Die Größe der Tätergruppen variierte laut Zeugenaussagen von zwei oder drei bis zu 20 Personen, sagte die Polizei. Auf dem Bahnhofsvorplatz waren laut der Behörde am 1. Januar etwa 1.000 Feiernde. Die Taten wurden laut der Gewerkschaft der Polizei "aus einer mehr als 1.000 Personen umfassenden, stark alkoholisierten Menschenmenge" heraus begangen. Das heißt nicht, dass alle diese Menschen tatverdächtig sind. Wie viele mutmaßliche Täter in der Menge waren, ist unbekannt, sagte der Polizeipräsident am 5. Januar.

Haben die Übergriffe eine neue Dimension?

Nach Angaben des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) handele es sich bei den Vorfällen um eine längst bekannte Masche, das sogenannte Antanzen, im Arabischen auch "Taharrush Gamea" genannt. Der BDK-Vorsitzende André Schulz sagte im Handelsblatt: "Das sogenannte Antanzen durch Täter, die oftmals aus Nordafrika oder dem Balkan stammen, ist der Bandenkriminalität zuzuordnen und kein neues kriminalistisches Phänomen." Ziel der Täter sei es, die Opfer zu überrumpeln, abzulenken und ihnen Wertsachen zu entwenden. Diese Täter begingen nicht nur Trick- und Taschendiebstähle, sondern auch Raubdelikte, Kfz- und Wohnungseinbrüche.

In den Sozialen Medien wurde nach den Vorfällen der Vergleich zum Münchner Oktoberfest gezogen, bei dem es auch zu vielen sexuellen Übergriffen und Diebstählen kommt. Allerdings ist die Zahl wesentlich kleiner als in Köln: 2015 zählte die Münchner Polizei insgesamt 20 angezeigte Sexualdelikte beim zweiwöchigen Oktoberfest. Im Vorjahr waren es zwölf. Vergleichbare Vorfälle wie in Köln habe es auch in den Vorjahren auf der Wiesn nicht gegeben, sagte ein Sprecher der Münchner Polizei: "In der Dynamik und Größe wie in Köln ist uns das unbekannt."

Beim vergangenen Oktoberfest kam es außerdem zu 339 Taschendiebstählen, im Jahr 2014 waren es 404. Laut Polizei werden Diebstähle zunehmend von Tätergruppen begangen, die sich arbeitsteilig organisieren.

So viele Anzeigen in so kurzer Zeit – in dieser Hinsicht scheinen die Vorfälle von Köln offenbar tatsächlich eine neue Größenordnung zu haben.

Haben Polizei oder Medien etwas vertuscht?

Der Vorwurf, Medien hätten die Öffentlichkeit nicht oder zu spät informiert, stimmt so nicht. Im Polizeibericht am Neujahrsmorgen war zwar schon von der Räumung des Platzes die Rede, dort wurde die Einsatzlage aber als "entspannt" bezeichnet. Der damalige Kölner Polizeipräsident Albers kritisierte diese erste polizeiliche Einschätzung der Lage im Nachhinein auf einer Pressekonferenz am Dienstag. "Diese erste Auskunft war falsch." Von den sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen habe die Polizei dann erst durch die Anzeigen der Opfer im Laufe des 1. Januar erfahren. Allerdings legen Ermittlungsberichte und Aussagen von Polizisten nahe, dass der Behörde die sexuellen Übergriffe schon in der Silvesternacht bekannt waren. 

Am Neujahrstag richtete die Polizei dann eine Sonderkommission ein. Am 2. Januar teilte sie mit, dass bei verschiedenen Vorfällen in der Silvesternacht Frauen Opfer von Übergriffen wurden. Sie benannte auch das laut Zeugen "nordafrikanische Aussehen" der Tatverdächtigen. Damit ging die Polizei bereits zwei Tage nach dem Vorfall auf die Herkunft der Täter ein – ein Punkt, der angeblich verschwiegen worden sei.

RP Online berichtete am Nachmittag des 1. Januar um 14.49 Uhr über die Räumung des Bahnhofsvorplatzes kurz vor Mitternacht. Demnach wollte die Polizei eine Massenpanik durch das Zünden von Böllern verhindern. Andere Kölner Medien wie die Kölnische Rundschau und der Express berichteten am Neujahrstag über sexuelle Übergriffe. Auch Focus Online berichtete.

Am 2. Januar zogen der Kölner Stadtanzeiger, die Süddeutsche Zeitung sowie RTL nach und berichteten von sexuellen Belästigungen und Diebstählen in Köln während der Silvesternacht. Weitere überregionale Medien stiegen größtenteils nach einer Pressekonferenz der Kölner Polizei am 4. Januar in die Berichterstattung ein, als die Vielzahl der Fälle bekannt wurde.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker kritisierte die Polizei wegen der schleppenden Kommunikation in den Tagen nach den Übergriffen. "Es ist doch sehr deutlich, dass sie auch nach Tagen einen anderen Informationsstand hatte, als er bei der Polizei zu diesem Zeitpunkt vorhanden war", sagte Rekers Sprecher Gregor Timmer. Es lasse Fragen zur Strategie der Polizei zu, wenn nun zunehmend Details der Einsätze an die Öffentlichkeit gelängen. "Es könnte da politische oder auch taktische Motive geben." Auch NRW-Innenminister Ralf Jäger warf der Kölner Polizei vor, falsch reagiert zu haben. Polizeipräsident Wolfgang Albers ist wegen des Polizeieinsatzes bereits in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden.

Köln - Krisensitzung nach Übergriffen in der Silvesternacht