Die Schilderungen sexueller Übergriffe auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht führen zu emotionalen Diskussionen, auch in der Redaktion von ZEIT ONLINE. Vielen Medien wird vorgeworfen, zu zögerlich über die Vorfälle berichtet zu haben, gar eine unliebsame Wahrheit in Zeiten der Flüchtlingskrise vertuschen zu wollen.

Dabei ist bislang nichts über die Täter bekannt. Es gibt Hinweise, dass es sich um organisierten Taschendiebstahl handeln könnte. Es gibt aber auch Zeugenaussagen, die eine gezielte Erniedrigung von Frauen nahelegen. Die Polizei steht am Anfang der Ermittlungen.

Die betroffenen Frauen müssen ernst genommen, die Täter identifiziert werden. Aufgabe der Medien ist es, zu recherchieren und einzuordnen. Deshalb berichtet ZEIT ONLINE mit der gebotenen Umsicht über das, was in Köln passiert ist. In unübersichtlichen Nachrichtenlagen sollten Journalisten keine Spekulationen, Mutmaßungen und Vorverurteilungen verbreiten.

Umso wichtiger ist es, Fakten von vermeintlichen Wahrheiten zu trennen.

Zahlen

Bis Mittwoch sind bei der Polizei Köln 100 Anzeigen eingegangen. Davon bezögen sich drei Viertel auf einen sexuellen Übergriff, sagte ein Polizeisprecher ZEIT ONLINE. Oft hätten Frauen sexuelle Belästigung in Verbindung mit Diebstahl angezeigt, manche aber auch nur einen Diebstahl und manche nur einen sexuellen Übergriff, der von den Zeugen zumeist als "Betatschen" in Intimzonen beschrieben wurde. Die Beweisführung gestalte sich "sehr schwierig", was vor allem an der "Gemengelage" in der Silvesternacht liege.

Inzwischen wurden vier Tatverdächtige ermittelt, aber nicht festgenommen.

Sie sollen laut Polizeiangaben aus einer Menge von rund 1.000 Menschen heraus gehandelt haben. Die Polizei bezeichnet diese Gruppe als Männer mit "nordafrikanischem oder arabischem Aussehen". Die Täter nutzten laut der Polizei die unübersichtliche Menschenansammlung auch zum Schutz. Keinesfalls waren alle 1.000 Anwesenden Täter.

In der Berichterstattung war aber zeitweise der Eindruck erweckt worden, es habe sich um 1.000 Täter gehandelt, die Frauen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt haben sollen. "1.000 Männer haben am Kölner Hbf in der Silvesternacht Frauen sexuell belästigt", twitterte beispielsweise der Stern.

Die Vergewaltigung

Der Polizei liegen am Mittwoch zwei Anzeigen wegen des Verdachts auf Vergewaltigung vor. Die Beamten schätzen diese als sehr glaubwürdig ein. Eine Vergewaltigung im Sinne des Strafgesetzbuches liegt bei jeglicher sexuellen Handlung vor, die das Opfer erniedrigt, weil sie mit "Eindringen in den Körper" verbunden ist, es muss nicht zwingend Geschlechtsverkehr erzwungen worden sein. 

Es gibt also einen sehr schwerwiegenden Verdacht, der aufgeklärt gehört – gesichert ist aber noch nichts. 

Einige Medien haben die Vergewaltigung aber bereits als Fakt dargestellt. Focus Online beispielsweise – aktuell die Nachrichtenseite mit der größten Reichweite in Deutschland – überschrieb einen Artikel mit: "Gruppe von 1.000 Männern war Ausgangspunkt – In Köln kam es zu einer Vergewaltigung." Bei den öffentlich-rechtlichen Medien machte sich Tagesthemen-Kommentatorin Sonia Seymour Mikich mehrere Zeugenaussagen zu eigen: "Die Beschimpfung als Schlampe, die zerrissene Strumpfhose, die Vergewaltigung: Da wird nicht nur der Rechtsstaat brüskiert, sondern meine ganz persönlichen Werte sind bedroht."   

Wer sind diese "Nordafrikaner"?

Die "Nordafrikaner"

Laut Polizei beschrieben die Opfer die Täter als Menschen mit "nordafrikanischem oder arabischem Aussehen", die Beamten machten diese Information öffentlich.

Ob es nötig ist, zu einem so frühen Zeitpunkt der Ermittlungen eine vermeintliche Herkunft der Täter zu benennen, darüber wird gestritten. Laut dem Pressekodex berichten Journalisten über die Herkunft eines Täters nur, wenn diese für die Tat relevant ist. Das wissen wir zum aktuellen Zeitpunkt nicht. Die Polizei argumentiert, es müsse bei der großen Anzahl an Vorfällen möglich sein, zu sagen, wenn die Tätergruppe homogen wirke. Das sei auch wegen der Hoffnung wichtig, dass sich weitere Zeugen melden, die etwas Verdächtiges gesehen haben. Außerdem verweist die Polizei auf bekannte Probleme mit Diebstahlsbanden nordafrikanischer Herkunft im Bereich des Kölner Hautbahnhofs. 

Ungeklärt ist, woher die Kölner Polizei weiß, dass die Mehrheit der auf dem Platz Anwesenden 1.000 Menschen dieselbe Herkunft hat. Können Zeugen erkennen, ob jemand aus Marokko kommt und nicht aus Südeuropa? Kann man einem Menschen ansehen, ob er Deutscher ist, EU-Bürger oder Flüchtling? Und wer genau fällt in die Gruppe der "Nordafrikaner", von denen auch Innenminister Thomas de Maizière spricht? Woher weiß CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Friedrich, dass es in den Medien "Nachrichtensperren" gebe, sobald es um Vorwürfe gegen Ausländer gehe, obwohl die Staatsbürgerschaft der Täter bisher nicht ermittelt ist?

Auch CDU-Vizechefin Julia Klöckner geht davon aus, dass es sich nicht um deutsche Täter handelt. "Dass es auch Übergriffe auf Frauen von deutschen Männern gibt, ignoriere ich natürlich nicht, aber dieses Massenphänomen wie in Köln hat eine andere Dimension und neue negative Qualität", sagte sie.

Die Polizei fragt die Zeugen nach einer Beschreibung des Aussehens von Tätern. Daher ist es richtig, wenn Zeugen ihren Eindruck wiedergeben. Doch dass damit Politik gemacht wird, bevor ein Täter gefasst ist, ist eine andere Sache.

Die "völlig neue Dimension organisierter Kriminalität"

SPD-Justizminister Heiko Maas war einer der ersten Spitzenpolitiker, der sich zu dem Vorfall äußerte. "Das ist offenbar eine völlig neue Dimension organisierter Kriminalität", sagte er am Dienstagmorgen. Die Tagesschau widmete dem Zitat von Maas online einen eigenen Artikel, Spiegel Online, der Deutschlandfunk, auch ZEIT ONLINE berichteten. Stunden später formulierte Maas vorsichtiger: "Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein", sagte er. "Ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren." 

Tatsächlich gehen die Ermittler der Frage nach, ob die Übergriffe in Köln in einem Zusammenhang zu ähnlichen Berichten aus der Silvesternacht in Hamburg, Bielefeld oder Stuttgart stehen.

In Stuttgart haben sich nach Informationen des SWR bisher zwei Frauen gemeldet, die angaben, sexuell belästigt worden zu sein. In Hamburg wurden 39 sexuelle Übergriffe angezeigt. Die Polizei in Bielefeld wies auf Anfrage von ZEIT ONLINE einen Bericht zurück, laut dem in der Silvesternacht dort mehrere Frauen belästigt und bestohlen worden seien. Einer Frau sei die Handtasche und zwei Männern seien die Handys geklaut worden, sagte ein Polizeisprecher. Sexuelle Übergriffe wie in Köln seien nicht angezeigt worden.

Bislang sind die Ermittler skeptisch, dass sich Täter in verschiedenen Städten zu ähnlichen Aktionen verabredet haben: "Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es da Verbindungen gibt", sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch in Hamburg. Man stehe aber mit den Kölner Kollegen in Kontakt.

Was könnte sonst mit "organisierter Kriminalität" gemeint sein? Die Polizei warnt in vielen Städten seit Langem vor dem Antanztrick: Zwei bis drei Männer, die ihr Opfer stürmisch umarmen oder mit ihm tanzen, um dann unbemerkt das Portemonnaie oder das Telefon aus der Tasche zu ziehen. Auch die Polizei Düsseldorf kennt das Problem. Die Vorfälle in Köln unterschieden sich jedoch davon, sagt ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei. "Der Antanztrick funktioniert meist nur bei männlichen Personen, weil die ihr Portemonnaie in der Gesäßtasche tragen." Beim Antanztrick merkt das Opfer oft erst später, dass es bestohlen wurde, weil alles so harmlos wirkt. Außerdem seien aus Düsseldorf keine Fälle bekannt, in der eine so große Zahl von Tätern gleichzeitig agiert habe.

Justizminister Maas äußert sich inzwischen zwar vorsichtiger, aber immer noch so, als habe er zumindest Gewissheit, dass es sich in Köln um eine verabredete Aktion gehandelt habe: Er wolle sich "damit auseinandersetzen, ob Vorkehrungen getroffen werden können, gegen solche Ansammlungen vorzugehen, die nichts anderes zum Ziel haben, als Sexualdelikte oder Diebstähle zu begehen." In Maas' Haus heißt es allerdings, man bewerte die Informationen mit der nötigen Vorsicht, weil noch vieles unklar sei.

Was wir bislang wissen – und was nicht, können Sie in unserem Übersichtsartikel nachlesen