Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Am 20. Februar um 20 Uhr stellt sich Thomas Fischer den ganz großen Fragen des Rechts: Was ist Schuld? Gibt es das Böse? Sind Verbrecher mutiger als andere Menschen? Durch das Gespräch, das in Hamburg im Rahmen der Langen Nacht der ZEIT stattfindet, führen die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT, Sabine Rückert, und der Chefredakteur von ZEIT ONLINE, Jochen Wegner. Anmelden können Sie sich hier.

Sehr geehrte Leser!

Die Kolumne der vergangenen Woche hat viele Kommentar-Schreiber dazu veranlasst, mir vorzuwerfen, ich hätte "Relativierungen" vorgenommen oder Straftaten "verharmlost", indem ich sie "relativierte". Deshalb will ich heute ein paar Anmerkungen zum Thema "Relativierungen – oder: Wie wir uns die Welt erklären" nachtragen. Ich knüpfe ans Generalthema meiner Kolumne an, das Strafrecht, und trage Ihnen ein paar allgemeine Erkenntnisse aus der Welt der Kriminologie vor.

Dazu muss einleitend zweierlei klargestellt werden:

Erstens: Kriminologie ist nicht Kriminalistik. Ich weiß, Sie sind jetzt enttäuscht, weil Ihnen seit Jahrzehnten allabendlich im Fernsehen vorgegaukelt wird, sogenannte "Kriminologen" seien damit beschäftigt, Leichen zu sezieren, Spuren zu untersuchen und Mörder zu überführen. Dieser kindliche Traum aus US-amerikanischen TV-Serien ist dummes Zeug. Wir Abendländer geben uns mit Kinderträumen nicht zufrieden. Das hat uns in den vergangenen 300 Jahren die Herrschaft über die Welt eingebracht. Warum diesen Weg aufgeben?

Also: "Kriminalistik" ist die Kunde von der Aufklärung von Straftaten. Die erledigt unser extrem fertiger, frisch geschiedener, vom Leben enttäuschter Hauptkommissar, der Leiter des Dezernats (für Todesermittlungen/Sexualdelikte/Betäubungsmitteldelikte), mithilfe von Rechtsmedizinern, Spurenkundlern, seinem unglaublichen Instinkt, vier drogenabhängigen Vertrauenspersonen und Rin-Tin-Tin, täglich. Dann muss er sich in seiner leergeräumten Wohnung betrinken, weil die Welt schlecht ist und niemand ihn liebt. Zum Glück kommt dann aber sein bester Kumpel – Richie Müller – vorbei, der sich so was schon gedacht hat, und erinnert ihn daran, dass er doch Polizist werden wollte, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Das Ganze endet auf dem Flachdach eines Wolkenkratzers, auf welches die Nichte des Kriminalisten von einem Killer entführt wurde, der eigentlich den Oberbürgermeister erpressen wollte, dessen Schäferhund das uneheliche Kind seiner Gattin und eines Serienmörders … Ich sehe ein, liebe Leser: Die Sache wird unübersichtlich. Am Ende springt der Schäferhund in den Tod, die Nichte geht auf eine internationale Schule in Paris und der deprimierte Kommissar zieht mit der Gattin des Oberbürgermeisters ab. So viel zum Kriminalisten.

Der "Kriminologe" hingegen ist ein Forscher, denn "Kriminologie" ist eine Wissenschaft. Genauer gesagt eine vertrackte Mischung von empirischer und sozialer (also Geistes-)Wissenschaft. Sie befasst sich mit der Definition, der Entstehung und den Reaktionen auf abweichendes Verhalten. Vielen klingt das kompliziert. Ist es aber nicht. Der Name "Kriminologie" weist durch die ausländische (Verzeihung: altgriechische) Endung "…logie" darauf hin, dass es sich um eine "Wissenschaft" handelt (siehe Logos: Wort, Geist, Vernunft), also um ein Wissens- und Interessengebiet, in dem Menschen "wissenschaftlich" handeln und denken. Was aber heißt das? Der berühmte Hamburger Strafrechtler und Philosoph Reinhard Merkel hat am 18. Januar im hr2 sinngemäß gesagt, er wäre auch einer Bürgerwehr dankbar, würde sie ihn nachts in einem Hamburger Park vor einem Überfall beschützen. Das ist möglicherweise richtig. Ich persönlich wäre sogar froh, wenn der Teufel selbst mich beschützen würde, oder zumindest Frauke Petry. Ich wäre aber auch froh, wenn mich jemand vor der Bürgerwehr beschützen würde. Das ist der Unterschied zwischen Betroffenheit und Wissenschaft. Selbst Philosophen können nicht immer alles zugleich.

Wissenschaft und Pop

Wir alle kennen herausragende Wissenschaftler: Den Erfinder der gefalteten Zahnbürste, Dr. Best; den Beinahe-Zerstörer Englands, unseren Prof. Wernher von Braun; den Errechner des Schwarzen Lochs, unsern lieben deutschen Professor Einstein; den genialen Erfinder des abgasfreien Dieselmotors, Herrn Piëch, der ja praktisch einer von uns ist; den Vater der Glühbirne, Herrn PD Dr. Daniel Düsentrieb, oder unsere Chefvolkswirtin auf dem stets schwankenden Parkett der Pörse, Anja Kohl: Dreht der Wind von Süd nach Nord, gibt’s an der Pörse Sex und Mord. Tamit zurück ins Studio, liebe Zuschauer!

Wissenschaftler nehmen, wenn die Kamera vorbeikommt, rasch die Brille ab, um uns von Mensch zu Mensch anzublicken. Sie können das, liebe Leser, in der Pharmawerbung gut beobachten, wohingegen der IT-Nerd nicht nur die Brille vergisst, sondern auch den offenen Hosenladen.