Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Am 20. Februar um 20 Uhr stellt sich Thomas Fischer den ganz großen Fragen des Rechts: Was ist Schuld? Gibt es das Böse? Sind Verbrecher mutiger als andere Menschen? Durch das Gespräch, das in Hamburg im Rahmen der Langen Nacht der ZEIT stattfindet, führen die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT, Sabine Rückert, und der Chefredakteur von ZEIT ONLINE, Jochen Wegner. Anmelden können Sie sich hier.

Sehr geehrte Leser!

Die Kolumne der vergangenen Woche hat viele Kommentar-Schreiber dazu veranlasst, mir vorzuwerfen, ich hätte "Relativierungen" vorgenommen oder Straftaten "verharmlost", indem ich sie "relativierte". Deshalb will ich heute ein paar Anmerkungen zum Thema "Relativierungen – oder: Wie wir uns die Welt erklären" nachtragen. Ich knüpfe ans Generalthema meiner Kolumne an, das Strafrecht, und trage Ihnen ein paar allgemeine Erkenntnisse aus der Welt der Kriminologie vor.

Dazu muss einleitend zweierlei klargestellt werden:

Erstens: Kriminologie ist nicht Kriminalistik. Ich weiß, Sie sind jetzt enttäuscht, weil Ihnen seit Jahrzehnten allabendlich im Fernsehen vorgegaukelt wird, sogenannte "Kriminologen" seien damit beschäftigt, Leichen zu sezieren, Spuren zu untersuchen und Mörder zu überführen. Dieser kindliche Traum aus US-amerikanischen TV-Serien ist dummes Zeug. Wir Abendländer geben uns mit Kinderträumen nicht zufrieden. Das hat uns in den vergangenen 300 Jahren die Herrschaft über die Welt eingebracht. Warum diesen Weg aufgeben?

Also: "Kriminalistik" ist die Kunde von der Aufklärung von Straftaten. Die erledigt unser extrem fertiger, frisch geschiedener, vom Leben enttäuschter Hauptkommissar, der Leiter des Dezernats (für Todesermittlungen/Sexualdelikte/Betäubungsmitteldelikte), mithilfe von Rechtsmedizinern, Spurenkundlern, seinem unglaublichen Instinkt, vier drogenabhängigen Vertrauenspersonen und Rin-Tin-Tin, täglich. Dann muss er sich in seiner leergeräumten Wohnung betrinken, weil die Welt schlecht ist und niemand ihn liebt. Zum Glück kommt dann aber sein bester Kumpel – Richie Müller – vorbei, der sich so was schon gedacht hat, und erinnert ihn daran, dass er doch Polizist werden wollte, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Das Ganze endet auf dem Flachdach eines Wolkenkratzers, auf welches die Nichte des Kriminalisten von einem Killer entführt wurde, der eigentlich den Oberbürgermeister erpressen wollte, dessen Schäferhund das uneheliche Kind seiner Gattin und eines Serienmörders … Ich sehe ein, liebe Leser: Die Sache wird unübersichtlich. Am Ende springt der Schäferhund in den Tod, die Nichte geht auf eine internationale Schule in Paris und der deprimierte Kommissar zieht mit der Gattin des Oberbürgermeisters ab. So viel zum Kriminalisten.

Der "Kriminologe" hingegen ist ein Forscher, denn "Kriminologie" ist eine Wissenschaft. Genauer gesagt eine vertrackte Mischung von empirischer und sozialer (also Geistes-)Wissenschaft. Sie befasst sich mit der Definition, der Entstehung und den Reaktionen auf abweichendes Verhalten. Vielen klingt das kompliziert. Ist es aber nicht. Der Name "Kriminologie" weist durch die ausländische (Verzeihung: altgriechische) Endung "…logie" darauf hin, dass es sich um eine "Wissenschaft" handelt (siehe Logos: Wort, Geist, Vernunft), also um ein Wissens- und Interessengebiet, in dem Menschen "wissenschaftlich" handeln und denken. Was aber heißt das? Der berühmte Hamburger Strafrechtler und Philosoph Reinhard Merkel hat am 18. Januar im hr2 sinngemäß gesagt, er wäre auch einer Bürgerwehr dankbar, würde sie ihn nachts in einem Hamburger Park vor einem Überfall beschützen. Das ist möglicherweise richtig. Ich persönlich wäre sogar froh, wenn der Teufel selbst mich beschützen würde, oder zumindest Frauke Petry. Ich wäre aber auch froh, wenn mich jemand vor der Bürgerwehr beschützen würde. Das ist der Unterschied zwischen Betroffenheit und Wissenschaft. Selbst Philosophen können nicht immer alles zugleich.

Wissenschaft und Pop

Wir alle kennen herausragende Wissenschaftler: Den Erfinder der gefalteten Zahnbürste, Dr. Best; den Beinahe-Zerstörer Englands, unseren Prof. Wernher von Braun; den Errechner des Schwarzen Lochs, unsern lieben deutschen Professor Einstein; den genialen Erfinder des abgasfreien Dieselmotors, Herrn Piëch, der ja praktisch einer von uns ist; den Vater der Glühbirne, Herrn PD Dr. Daniel Düsentrieb, oder unsere Chefvolkswirtin auf dem stets schwankenden Parkett der Pörse, Anja Kohl: Dreht der Wind von Süd nach Nord, gibt’s an der Pörse Sex und Mord. Tamit zurück ins Studio, liebe Zuschauer!

Wissenschaftler nehmen, wenn die Kamera vorbeikommt, rasch die Brille ab, um uns von Mensch zu Mensch anzublicken. Sie können das, liebe Leser, in der Pharmawerbung gut beobachten, wohingegen der IT-Nerd nicht nur die Brille vergisst, sondern auch den offenen Hosenladen.

Du kannst mich mal!

Marilyn Monroe war nicht kurzsichtig, verliebte sich aber, filmisch gesehen, gern in kurzsichtige verwirrte Professoren, weil der harte Kontrast zwischen überwältigendem Sex und unterbewältigter Intellektualität dem amerikanischen Kinofreund der fünfziger Jahre etwa so pornografisch erschien wie ein von David Lynch verfilmter Kuss zwischen George W. Bush und Condoleezza Rice.

Der deutsche Mann fand das schon immer übertrieben. Er schaut jährlich für eine Milliarde Euro Pornofilme und kauft sich vor Weihnachten, aus fotografisch-technischem oder kulturhistorisch-kritischem Interesse, ein Fotobuch mit den "allerletzten Enthüllungen". Und weil er Marilyn im Grunde seines starken Herzens wahrhaft geliebt hätte. Sie hätte ihn auch geliebt, hätte sie nur geahnt, dass es ihn hier in Stuttgart-Degerloch und Bad Oldesloe gibt, und dass er sie hätte retten können aus dem Sumpf von Verlassenheit, Hoffnung und dunkelhäutiger Begehrlichkeit.

Nun aber mal Schluss mit den Abschweifungen! Sonst werden die Kommentatoren mir wieder knallharte Fragen stellen! Zweiundzwanzig werden schreiben, ich solle mal zur Sache kommen, und einunddreißig, sie seien schwer enttäuscht von der deutschen Justiz. Zwei werden berichten, sie könnten weder lesen noch schreiben, seien aber stolz darauf. Der Kolumnist aber wird sagen: Alles egal! Denn auch Marilyn wird mir schreiben und sich mit mir auf einen Champagner-Cocktail verabreden in der Bar des Adlon. Und ich werde hingehen! 

Aufklärung, Kapitalismus

Buchdruck! Vernunft! Markt! Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit! Ahnen Sie, verehrte Leser, was das unserem deutschen Gott für einen Todesstich versetzt hat? Denn "selbst verschuldete Unmündigkeit" beenden hieß: Du kannst mich mal!

Seither ist nichts, wie es war. Der Islam ist kläglich gescheitert vor Wien und in Spanien, und eintausend andere Erlösungsfantasien ebenso. Die Päpste weinen und schreiben sich die Finger wund, die Propheten murmeln vor sich hin, Präsidien der evangelischen Kirche und andere Großmuftis träumen schwer. In der Ukraine schwenken die Popen Weihrauchfässer, in der Mongolei bereitet man sich auf die Erscheinung des Erlösers vor. Derweil kaut der Altenburger Neonazi einen germanischen Döner, und Shell bohrt eine Rohrleitung durch den  Mittelpunkt der Erde: Take the control of the heart of the sun.

Übrig geblieben ist der grelle Anspruch eines Weltbeherrschungsmonopols: Geld, Ware, Austausch. Wir Krämerseelen haben die Welt erobert und alle Götter zerstört. Selbst der verrückteste Gotteskrieger arbeitet, ob er will oder nicht, heute für RTL oder NBC oder den Ölpreis. Die armen Würste, die als "Märtyrer" verheizt werden, sind niemandem etwas wert. Vor dem Mikro krümmt sich der volksdeutsche Pegidist: Nieder mit dem Kaugummi! Es lebe das Kalbsbries! "Ist ja gut", sagt Schwester Monika, "wir kriegen das schon hin." Das ist, aufs Ganze gesehen, auch schon was.

Wissenschaft und Gefahr

Die Wissenschaft, liebe Leser, hat festgestellt, dass Sie sterben müssen. Ich leider auch. Wir fürchten uns alle sehr davor, denn gerade eben, beim Verfassen des allerneuesten Kommentars und beim Abfeuern unserer letzten unübertrefflichen Analyse, dachten wir doch noch, wir seien unsterblich.

Selbst ein Mensch, der Weltmeister im "Ins-Mikro-Brüllen" werden möchte – sagen wir: der derzeitige Vorsitzende der berühmten Partei "Pro NRW" – pinkelt daher auf Befehl kleinlaut in den Plastikbecher, den ihm der Urologe seines Vertrauens hinstellt. Die aus der Kloschüssel gepulte Stuhlprobe bringt er gleich morgen vorbei. Jawoll, Herr Doktor! Und werde auch niemals nie wieder so viel trinken! Und schwöre, dass ich von alles zurücktrete, wenn ich hier bloß wieder rauskomme. Gesundheit ist doch das Wichtigste, Amen. 

Was für ein Glück für unseren armen Schreihals und für uns! Er glaubt an die Wissenschaft. Wenn er aber an Herrn Röntgen (deutsch) glaubt, dann glaubt er auch an Herrn Kant (deutsch). Und wenn er seinen nächtlichen Reflux nicht dem Teufel zuschreibt, sondern zutreffenderweise dem Übermaß an Schnaps und Rostbratwurst, ist er schon auf mehr als dem halben Weg zu Émile Durkheim (Sohn eines lothringischen Rabbiners, Deutscher honoris causa), Franz von Liszt (na ja: praktisch deutsch), Max Weber (deutsch!) – und überhaupt. Nur die Wissenschaft ist es doch, die uns vom Primitiven unterscheidet und den zitternden Helden am Mikro vielleicht vor dem Darmkrebs bewahrt.

Wissenschaft bedeutet: Versuch, die Erscheinungen des Lebens "systematisch" zu deuten und ins Verhältnis zu setzen. Der Lateiner im Deutschen sagt dazu: "Relativieren" (kommt von relatio: Beziehung/Verhältnis). Der durchschnittliche Deutsche ist größer (meint: vom Erdboden bis zum Scheitel höher) als der durchschnittliche Peruaner. Dies ist, liebe FrauenrechtlerInnen, eine sogenannte "Relativierung". Sie ist nicht "unerträglich" und auch nicht beleidigend: weder für den Engländer noch für den Kongolesen. Es ist halt so: Der durchschnittliche Lachs ist einfach länger als der durchschnittliche Hering. Der Deutsche ist der Hering, der Tuareg der Lachs.

Wir hantieren ununterbrochen mit dem Begriff "Gefahr"

Wir (Europäer) haben mit der Wissenschaft vor ein paar tausend Jahren angefangen, also ein bisschen später als die Ägypter, Chinesen und Tuareg.Aber immerhin: Etwa ab dem Jahr 1500 haben wir dann richtig Gas gegeben. Damals waren wir – da beißt die Maus keinen Faden ab – global deutlich in der Defensive: Der Araber hatte viel früher angefangen und deutlich mehr Power als der spätmittelalterliche Sachse, und im Fernen Osten grübelte der chinesische Professor schon damals über Dinge nach, die sich mancher Uckermarker selbst heute nicht träumen lässt, solange der Strom aus der Steckdose kommt.

Wissenschaft beschäftigte sich von Anfang an vor allem mit Gefahren: Wie kommt es, dass die Sonne ins Meer versinkt und der Tag erlischt? Warum fällt mir der Stein auf den Kopf und nicht nach oben? Warum stirbt mein Kind und nicht das meines Nachbarn? Wann wird der Feind mich töten?

Auch heute hantieren wir ununterbrochen mit dem Begriff "Gefahr", wissen aber nicht mehr so recht, was darunter zu verstehen ist. Früher war es leichter, weil existenzieller. Jetzt sind wir sehr feingliedrig geworden: Könnte es wohl sein, dass die Einleitung von 1.000 Tonnen Arsen in die Ostsee irgendeine Auswirkung auf die Gesundheit von kleinen Kabeljauen hat, die, wenn sie an Kinder unter zwei Jahren im Alete-Brei "Karotte mit Dorsch" verfüttert wird, eine Gefahr begründet, dass die solchermaßen aufgezogenen Kinder a) blöd oder b) kurzatmig oder c) nicht deutscher Meister werden? Ganz schwierige wissenschaftliche Frage. Stiftung Warentest, übernehmen Sie!

So macht sich ein jeder die Gefahr und die Rettung, die er braucht. Manche sind von Strahlen aus dem All bedroht, manche vom Kapitalismus, manche von der CSU und manche vom Araber. Das Problem, wie das alles auseinanderzusortieren sei, ist durch die Erfindung des verzögerungsfreien Herumschreiens per Internet nicht wirklich einfacher geworden.

Strafrecht und Gefahr

Das Strafrecht befasst sich fast ausschließlich mit Gefahren, mit der "Abschreckung" oder der "Ahndung" von Abweichungen oder der Stabilisierung gesellschaftlicher, heute staatlicher Strukturen. Schon immer gab es "Gefahr" von allen Seiten, und niemand wusste, wo ihr Ursprung war. Krankheit, Flut, Mord, Verdammung – wo endet das Teufelswerk, wo beginnt der Mensch; was ist Natur, was ist Plan, was ist blinde Folge?

Heute wissen wir das eine oder andere: Dass wir, um uns vor Gefahren zu schützen, nicht Priester auf die Vulkane schicken müssen, sondern Geologen, in die Weltmeere nicht gefesselte Jungfrauen, sondern Ozeanografinnen, in die Krankenhäuser Virologen, und in die realen Strukturen unserer Gesellschaft Sozialwissenschaftler. Denn wie sich Normalität und Abweichung, Verdienst und Verbrechen, Aufstieg und Abstieg darstellen, ist nicht "Natur", nicht Schicksal, nicht Biologie, sondern Ergebnis unseres eigenen Handelns und des Handelns unzähliger Generationen vor uns: Geschichte nicht im Sinn von dahergebrabbeltem "Und es begab sich", sondern von jederzeit "gemachtem Schicksal". Vieles aber wissen wir nicht: Wie sollen wir uns selbst verstehen? Wie vermindern wir die Gefahren, die von Menschen ausgehen?

Da gab es kürzlich einmal wieder ein paar extrem schnelle und extrem unintelligente Vorschläge. 500 heimatlose Marodeure, fern aller Bindungen, Kulturen, Überzeugungen und unserer Moral, haben in Köln 500 Menschen angegriffen, genötigt, erniedrigt, bestohlen und beraubt. Jeder einzelne der mutmaßlichen Täter hat dieses Schicksal vermutlich vielfach selbst erlebt. Das entschuldigt nichts, erklärt aber ein wenig. Die gefühlten Verlierer suchen sich vermeintlich Schwächere, um sich ein kleines bisschen größer zu fühlen. Das ist überall gleich, von Marokko bis Pegidistan. Dies zu wissen, macht freilich nichts, was die einen oder die anderen tun, besser. 

Migrantenkriminalität

Kommen wir zur Sache, also zu der Frage, welchen Einfluss Migranten – also Aus- oder Einwanderer – auf die jeweils heimische Rechtskultur, Sicherheitslage und Kriminalitätswahrnehmung haben:

Wer sind "Ausländer"?

Als sei Didi Thurau, unserem garantiert ungedopten Nichtkriminellen, bei 52 km/h ein Schlauchreifen geplatzt, so heftig haben wir kürzlich erfahren, dass der und die Deutsche über Fragen der Kriminologie mit aller Kraft und Leidenschaft nachdenken und ihre Energie darauf verwenden, redlich und objektiv den Dingen auf den Grund zu gehen.

Der Kolumnist, Blick zurück auf ein Studium der Soziologie und Lehraufträge im Fach Kriminologie, ist begeistert: Wenn es gelänge, einen kleinen Teil der Besorgten und Aufgewühlten für das Fach und seine interessanten Fragestellungen und Ergebnisse zu interessieren, wäre dies ein schöner Effekt eines durch und durch unschönen Ereignisses.

Migrantenkriminalität: Dazu gibt es eine unendliche Fülle von interessanter Literatur. Es gibt natürlich auch eine unendliche Fülle von nicht interessanter Literatur. Das hat mit dem Qualitätsanspruch von Wissenschaft zu tun, nicht aber mit der Sache.

Warum hat A den B ermordet? Warum wurde D von B ausgeraubt, vergewaltigt, genötigt, geschlagen, betrogen? Wie können wir verhindern, dass X, Y oder Z morgen dasselbe tun? Darüber denken intelligente Menschen seit langer Zeit nach. Es wäre ein echtes Wunder, wenn ein Schreihals mit null Ahnung, null Erfahrung und null Bildung innerhalb von wenigen Tagen die Lösung gefunden haben sollte: Der Ausländer ist schuld, Sauron von Mordor oder der Niedergang von Werder Bremen.

Das Phänomen "Ausländerkriminalität" ist nämlich weder auf der Domplatte zu Köln am 31. Dezember 2015 noch überhaupt in Deutschland erfunden worden. Es wird seit ungefähr 150 Jahren diskutiert in vielen Staaten dieser Welt. "Ausländerkriminalität" ist ein vielschichtiges, kompliziertes und interessantes "Phänomen" und Forschungsgebiet.

Zunächst einmal muss man ja erst darauf kommen, sie von "Inländerkriminalität" zu unterscheiden. Warum? Was sind "Ausländer und "Inländer"? Ist Internetkriminalität "ausländisch?" Wer sind "Ausländer"? Japanische Touristen, amerikanische Soldaten, diplomatisches Personal, illegale marokkanische Einwanderer: Darf man die alle gleich behandeln?

Oder: Welche "Ausländer" gibt es bei uns überhaupt? Viele sagen "Ausländer" zu Menschen, die seit Jahrzehnten Deutsche sind, zu Kindern und Kindeskindern von Menschen, die in den 1960er, 1970er Jahren nach Deutschland eingewandert sind. In Versammlungen rechtsradikaler Einfaltspinsel reklamieren "Deutsche", deren Wurzeln irgendwo im Balkan liegen, eine Vorherrschaft gegenüber den Enkeln mutiger Arbeiter, die 1970 aus Anatolien ans Ende ihrer Welt gereist sind, um die amerikanische Automarke Ford in Köln groß zu machen. Da ging es nie um Biologie, sondern immer nur um Macht und Ohnmacht. Wer ist "deutscher": Der studierte Enkel eines 1961 eingewanderten Pizzabäckers, oder der Mecklenburgische "Kamerad" ohne Schulabschluss, aber mit rumänischem Großvater und amerikanischer "Bomberjacke"?

Relativierungen

Migrantenkriminalität gibt und gab es: in den USA, in Kanada, in Italien, in England, in Spanien, in Deutschland, in Vietnam, in Australien … besser gesagt: in einer sehr großen Anzahl von Staaten dieser Welt. Wer etwas Vernünftiges über Migrantenkriminalität erfahren will, sollte – zum Beispiel – über Folgendes nachdenken:

Welche Taten müssen von vornherein ausscheiden? Ausländertaten, wie illegaler Aufenthalt. Solche Taten können "Inländer" gar nicht begehen. Urkundendelikte: 95 Prozent der Urkundenfälschungen von Ausländern sind Taten, die mit der (mitunter verzweifelten) Erlangung eines Aufenthaltsstatus zu tun haben. Delikte, die von Ausländern im Ausland begangen werden und im Inland bloß wirken: Internetstraftaten insbesondere. Man muss auch die zahlreichen Taten abziehen, die von ausländischen Touristen in Deutschland begangen werden. Dann muss man solche Delikte besonders betrachten, die von international tätigen Verbrecherkartellen in oder mit Auswirkung auf Deutschland begangen werden. Also: Geldwäsche; Zolldelikte; Außenhandelsdelikte; Drogendelikte und dergleichen.

Erst nach all diesen Schritten der Differenzierung also landen wir bei Problemen der Migranten- oder Ausländerkriminalität im engeren Sinn.   

Die Einwanderer machen viele Fehler

Über wen sprechen wir überhaupt? Das ist ein zentrales Thema der Kriminologie. Sind minderjährige männliche Einwandererkinder ohne Ausbildung in Paris vergleichbar mit weiblichen schwarzen Jugendlichen mit High-School-Abschluss in Chicago? Wenn nein – warum nicht? Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen? Was muss getan, was unterlassen werden? Wie viel Mitgefühl darf man haben, wie viel Wut?

Die entscheidende Frage jeder Wissenschaft, daher auch der Sozialwissenschaft, daher auch der Kriminologie, ist die der "Differenzierung", also der Unterscheidung und Relativierung. Es gibt Erscheinungen des Lebens und Erfahrungen des Alltags; es gibt Erklärungen, Theorien, Korrelationen. Hinter jeder Wegkreuzung der Erkenntnis können Denkfehler, Kurzschlüsse und Fehlerquellen liegen.

Beispiel Ausländerkriminalität: Selbst wenn wir eine bestimmte Ethnie als "Ausländer" definiert haben, stellen sich viele Fragen: Wie sind Altersstruktur, Geschlechtsstruktur, Sozialstruktur dieser Ethnie im Vergleich zur Mehrheit? Wie hoch sind die Verzerrungen der Wahrnehmung dadurch, dass "Fremde" – überall und immer – einer wesentlich höheren Aufmerksamkeit und sozialen Kontrolle unterliegen als "Einheimische"? Welche Ungleichzeitigkeiten, Verwirrungen, Überspitzungen werden von ethnischen Minderheiten in die Aufnahmeländer integriert, ohne dass eine "Kultur" dafür verantwortlich gemacht werden kann? Was ist importiert, was ist vorgefunden? 

Aus 50 Jahren Forschung in Deutschland meinen wir, ein paar Erkenntnisse zu haben, die tragfähig sind. Dazu gehört, dass die Desintegration und Kriminalitätsbelastung der zweiten oder dritten Einwanderergeneration deutlich höher ist als die der ersten, die in besonderem Maße auf Anpassung und Integration ausgerichtet ist und dafür sogar dramatische soziale Deklassierungen in Kauf nimmt: Ein kurdischer Ingenieur geht zu Ford ans Band; eine tunesische Lehrerin wird Änderungsschneiderin, ein afghanischer Medizinstudent räumt bei Lidl Regale ein. Diese Menschen tun und ertragen das, weil es ihren Kindern "einmal besser gehen soll".

Die Einwanderer machen dabei – das darf keinesfalls vergessen werden – viele Fehler: Sie fürchten sich; sie halten starr an den Traditionen ihrer Heimat fest; sie flüchten sich in Gewohnheiten aus der alten Kultur; sie reden nur mit sich selbst, und in ihrer Muttersprache. Das alles ist falsch und manchmal auch dumm, aber überaus menschlich und verständlich. Die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts haben sich in den USA oder in Australien kein bisschen anders verhalten: Stille Nacht, Osterhase, erzgebirgische Schnitzerei, Sepplhut, Karl Moik. Noch heute hüpfen bezopfte deutsche Mädels in vierter Generation in Namibia herum, und ihre Großeltern machen ihnen weis, so sei Deutschland. 

Und dann noch etwas, notorisch unterschätzt: Nehmen wir einmal an, liebe Leser, in Deutschland wird alles immer schlechter, wie es uns gewisse "besorgte" Kreise weismachen wollen. Der Rhein wird wieder giftiger, die Straßen unsicherer, der Mann impotenter, die Währung volatiler. Was tun Sie dann? Wann ist die Grenze erreicht, an der Sie ihren Rimowa-Koffer packen und nach Tansania aufbrechen, im Gepäck ein paar Gramm Gold, ein Abitur aus Herzogenaurach und eine Schlagbohrmaschine von Bosch?

Das dauert verdammt lange. Selbst wenn fast gar nichts mehr zu leben und zu fressen da ist, kriecht der besorgte Bürger erfahrungsgemäß noch vor den Palästen der Reichen herum, hält die Hand auf und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, auf dem Viehmarkt von Casablanca oder der Müllkippe von Neu-Delhi oder dem Hafen von Shanghai sein Auskommen zu suchen. Umgekehrt: Was sind das wohl für Menschen, die aus Casablanca und Neu-Delhi und Shanghai hierher kommen?

Es sind eben nicht die Dümmsten, nicht die Feigsten, nicht die Hilflosesten. Es sind Menschen, die genau das tun, wovon der deutsche Reihenhaus-Besitzer träumt, wenn er ein paar Bruce-Willis-Filme gesehen und ein paar Jobs verloren hat: das Schicksal selbst in die Hand nehmen. So haben wir, verehrte "Abendländer gegen Islamisierung", ganz Amerika erobert und die Nordwest-Passage entdeckt und die Tuberkulose besiegt.

In Deutschland gab es schon immer "Pegida"

Statistik

Betrachtet man die Zahlen, die uns die Wissenschaft liefert, stellen sich viele Sachverhalte überraschend anders dar, als uns eine öffentliche Diskussion suggerieren will, die jeden Nonsens für eine billige Schlagzeile in Kauf nimmt, und eine ganz schnelle Lösung für jedes Problem verspricht.

Die Zahlen zeigen zum Beispiel, dass die Kriminalitätsbelastung junger "deutscher" Männer zwischen 18 und 25 nicht nennenswert niedriger ist als die von Ausländern – Einwanderern – derselben Altersgruppe. Dass die allermeisten Opfer von Gewalttaten aus genau derselben sozialen Gruppe kommen wie die Täter. Dass die Erfolge von Resozialisierung verurteilter Straftäter bei Ausländern nicht wesentlich geringer sind als bei Inländern.

Angeblich, so sagt die Legende des sogenannten "gesunden Menschenverstands", ist jede Statistik eine Lüge. Das stimmt natürlich nicht und ist nur eine billige Vertröstung der Menschen, die sich mit Fragen der Statistik nicht auskennen. Tatsächlich ist jede Statistik eine zu beantwortende Frage, eine intellektuelle Herausforderung, eine offene Behauptung. Sie kann richtig sein oder falsch, erhellend oder sinnlos. Eine Statistik, die eine gleichzeitige Zunahme menschlicher Geburten und der Beobachtung von Weißstörchen darstellt, ist nicht "falsch", aber gewiss auch kein Beweis für die Klapperstorch-Theorie! Sie sagt so viel aus wie die Statistik zwischen Mondphasen und Abtreibung. Auch über dieses schöne Thema ist in Deutschland schon promoviert worden.

Daraus ist nun nicht zu folgern, es löse sich das Problem der Migrantenkriminalität unter dem Vergrößerungsglas der Empirie einfach in nichts auf. Es gibt zum Beispiel einen mit jeder Migrationsbewegung einhergehenden Import spezifischer Kriminalität, teilweise als bloße Randerscheinung, weil die Migranten (als Täter) ihre Opfer (als Migranten) gleich mitbringen, teilweise durch importierte Strukturen, die an die sozialen Gegebenheiten des Aufnahmelands angepasst werden. Klassisches Beispiel: die italo-amerikanische Mafia. Die Mafia hatte sich in Sizilien und später ganz Süditalien als Ordnungsmacht der Latifundien-Eigentümer gegen die Kleinbauern entwickelt, in vielerlei Hinsicht aber als allgemeiner Faktor einer Parallelverwaltung etabliert: Sie beging niemals wahllos Verbrechen, wie es die Filmkultur suggeriert, sondern gewährte Schutz, soziale Hierarchie, Orientierung. Ihre Strukturen waren perfekt geeignet, die in den USA ankommenden, dort unterprivilegierten und ausgegrenzten italienischen Einwanderer zu organisieren. Ganz ähnliche, jeweils spezifische Strukturen bauten auch andere eingewanderte Ethnien auf, um sich Räume der Entfaltung zu erkämpfen und zu sichern: Iren, Chinesen, Mexikaner, Deutsche.  

Zu guter Letzt

Zur Frage, wie es sich mit der Kriminalität junger entwurzelter Männer in fremden Kulturen verhält, gibt es eine wirklich sehr breite wissenschaftliche Literatur. Sie umfasst die Gefährten des Odysseus, die Mordgesellen des Herrn Hernán Cortéz, die verlorenen Existenzen der deutschen Sonderkommandos in Russland. Und viele mehr.

Sie kennt auch die "Fremden im Innern", die "Outlaws" und Verrückten: "Teds" und "Mods", "Halbstarke", "Rockerclubs", "Gammler" und "Punker" und zahllose andere Erscheinungsformen einer ziellos-desorientierten, subjektiv hoffnungslosen, bildungsschwachen und ausgegrenzten männlichen Jugend. In Deutschland gab es auch schon immer "Pegida": unsere "besorgten" Bürger gegen italienische Mopeds, spanische Schmalzlocken, türkische Neudeutsche. Schauen Sie sich, liebe Leserinnen jenseits der 50 oder 70, Muttis und Omis, ein paar Aufzeichnungen aus ihren Jugendtagen an: Als Sie mit wehendem Petticoat und brennendem Herzen vor dem Dorfkino auf und ab gingen und auf den schönen Jungen aus Oklahoma oder Neapel warteten: My friend Jack eats sugar lumps (The Smoke).

Und für die verehrten Bildungsbürger unter den besorgten Bürgern empfehle ich eine schöne deutsche Operette: West Side Story. Sie ist 65 Jahre alt. Ihr Schöpfer war ein Jude aus der Ukraine. Kein hergelaufener Krakeeler aus Großdeutschland könnte ihm jemals das Wasser reichen.

Bleiben Sie bitte ruhig und freundlich.

Hinweis: In der ursprünglichen Version des Textes hieß es, Reinhard Merkel habe im hr2 gesagt, er wäre froh, wenn ihn eine Bürgerwehr nachts in einem Hamburger Park vor einem Überfall  beschütze. Tatsächlich ist das Zitat so nicht gefallen, wenngleich die Moderatorin der Sendung es ihm so in den Mund legte. Wir haben den Passus präzisiert.