Wenn was passiert, bestimmt nicht hier, dachte man noch. Silvester in München, das kann nur unspektakulär werden: Essen mit Freunden, ein bisschen böllern um Mitternacht, vielleicht danach noch irgendwohin zum Feiern. Es ist kurz nach 23.30 Uhr, wir packen Sektflaschen und Raketen, wollen gehen, als plötzlich die Handys brummen. "Terrorwarnung in München", steht da. Es dauert einen Moment, bis alle verstanden haben. Wie jetzt, Terror? Ausgerechnet in München? 

Auf Twitter informiert die Polizei München, man solle größere Menschenansammlungen meiden. Der Haupt- und der Pasinger Bahnhof seien gesperrt. Wir witzeln über Pasing, das kann ja nur falscher Alarm sein, so weit abgelegen wie das ist. Aber der Strom der Nachrichten reißt nicht ab. "Konkrete Anschlagspläne", heißt es jetzt. Plötzlich Terroristen in der Stadt, wie geht man damit um? Soll man die Eltern anrufen oder würde man sie erst recht aufschrecken? Kriegen die überhaupt Eilmeldungen? 

Die Freunde wollen keine Panik, aber sie werden doch unruhig. C. ruft ihr Patenkind an, das in München unterwegs ist. D. schickt eine Rundnachricht an einige Facebook-Freunde: "Passt auf Euch auf!" E. will eigentlich später noch zu einer Party, bekommt aber schon jetzt einen Anruf von anderen, die sich nicht mehr raustrauen. Er regt sich auf. "Verdammte Terroristen, was soll denn das jetzt?" Manche Böller klingen wie Pistolenschüsse. Immer wieder rast Polizei mit Blaulicht vorbei, aber ist das nicht normal an Silvester? 

Bis Mitternacht hängen alle an ihren Smartphones. Die Polizei informiert fleißig, einige Medien reagieren mit Livetickern. Der vorherrschende Eindruck ist: Man hat Anlass zur Sorge, weiß aber letztlich wenig. Keine gute Kombination. Wir diskutieren: Wie ernst muss man das nehmen? Betrifft uns das überhaupt? Der Hauptbahnhof ist weit weg. Wir sind in Haidhausen, einem ruhigen Stadtteil mit vielen Cafés und Kneipen. Wie in Paris, denkt man kurz. Und C. sagt: "Wenn uns vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass wir an Silvester drinnen sitzen würden und Angst hätten, rauszugehen – wir hätten ihn ausgelacht." 

Am nächsten Morgen scheint alles fast vergessen. 11.30 Uhr: Neujahrsbrunch mit alten Freunden. Die Busfahrt quer durch die Innenstadt dauert knapp eine halbe Stunde. Währenddessen blickt man angestrengt aus dem Fenster in Erwartung von zumindest einer Polizeistreife. Nichts. Wie immer liegen Böllerreste und viel Müll auf den Straßen. Neujahrsspaziergänger grüßen sich mit Kopfnicken. München in der Hand des Terrors? Wohl kaum. 

Beim Frühstück aber landen wir schnell beim Thema. Wir haben uns lange nicht gesehen, hätten viel zu erzählen, aber dann geht es doch nur um die Frage: Wo wart ihr gestern, als die Terrorwarnung kam? Und: Ist es albern, sich jetzt nicht mehr in die U-Bahn zu trauen? Mittlerweile heißt es immerhin von offizieller Seite, die Anschlagspläne kämen vom "Islamischen Staat" (IS).

Die Runde ist unterschiedlicher Meinung. J. findet Angst jetzt fehl am Platz: "Also bitte, Leute – nach einer Terrorwarnung ist doch noch nie was passiert." A. gruselt sich jetzt erst recht. Vielleicht würden die Terroristen ja gezielt erst später zuschlagen? Sie wollte letzte Nacht jedenfalls nicht mehr mit der Bahn nach Hause fahren. Wäre auch gar nicht gegangen, am Hauptbahnhof hätte sie umsteigen müssen. 

Bis in die frühen Morgenstunden hatte die Polizei dort alles abgesperrt. Auch an Neujahr bleibe die Lage ernst, sagt Innenminister de Maizière. Gleichzeitig wird aber deutlich, wie wenig die Behörden offenbar über die Anschlagspläne wissen. Es gibt einige Namen möglicher Attentäter, aber ob die Personen wirklich existieren, ist unklar. Festnahmen gab es bisher nicht. Heißt das, dass gerade womöglich ein Haufen Männer mit Sprengstoffgürteln durch München läuft? Oder war alles nur falscher Alarm?