Seit 1989 halten sich drei ehemalige Mitglieder der Rote Armee Fraktion versteckt. Eine lange Zeit: Sie tauchten ab in dem Jahr, als die Mauer fiel, Madonnas Like a Prayer wochenlang die Charts anführte und Steffi Graf und Boris Becker in Wimbledon triumphierten.

Die meisten Deutschen hatten Daniela Klette, inzwischen 57 Jahre alt, Ernst-Volker Staub, 61 Jahre, und Burkhard Garweg, 47 Jahre, längst vergessen, manche jüngeren noch nie etwas von ihnen gehört. Nun wurde bekannt, dass die Untergetauchten versucht haben sollen, in Niedersachsen zwei Geldtransporter zu überfallen. Der zuständige Ermittler Jürgen Hage geht davon aus, dass die drei seit Jahren "irgendwo unauffällig leben, möglicherweise auch in Norddeutschland (...), vielleicht auch mit Hund". Die tagesschau titelte: "Ist die Rentenkasse der RAF leer?"

Ob die Ermittler auf der richtigen Fährte sind, wird sich erst beweisen müssen. Aber die Geschichte der RAF und auch des rechtsextremen NSU zeigt, dass nicht alle vom Bundeskriminalamt gesuchten Terroristen sich ins Ausland absetzen. Viele verschwinden einfach in Deutschland, über Jahre, mitten unter uns. Wie geht das, nicht aufzufallen, in diesem ebenso durchregistrierten wie digitalisierten Land?

WOHNEN

Zu den Anfangszeiten der RAF war das noch relativ einfach. "Verena Becker ist 1971 einfach zu einer Freundin gezogen, sie hat ihre Wohnung abgemeldet, ihre Arbeit beendet und war einfach nicht mehr erreichbar", sagt Butz Peters, Anwalt aus Dresden, der mehrere Bücher über die RAF verfasst hat. Verena Becker wird beschuldigt, 1977 am Mord von Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt gewesen zu sein.

Mit Magrit Schiller hatte die RAF  aber auch eine eigene Wohnungsbeauftragte. "Schiller war eine sympathische, große, blonde Frau, eine strahlende Erscheinung, die jedem Vermieter gleich vertrauenswürdig vorkam", sagt Peters. Schiller mietete Wohnungen unter falschem Namen an und gab sie an die Terroristen weiter. Gern wich die RAF auf Hochhäuser aus, in denen die Nachbarn mehr oder weniger anonym nebeneinander lebten.


Allerdings mussten die Terroristen schon damals auf der Hut sein. Auf der Jagd nach der RAF erfand der damalige BKA-Präsident Horst Herold die Rasterfahndung: 1979 flog so Rolf Heißler auf, der sich in Frankfurt am Main versteckt hielt. Die Polizei hatte alle Mieter der Stadt, die ihre Stromrechnung bar zahlten, einer genauen Identitätsprüfung unterzogen. Diejenigen Barzahler, die offensichtlich auch unter diesem Namen existierten, weil sie beim Einwohnermeldeamt registriert oder Kfz-Halter, Rentner oder Bafög-Bezieher waren, wurden von der Liste gelöscht. "Im Falle Frankfurt fanden sich am Ende (...) nur noch zwei Falschnamen: der eines Rauschgifthändlers und der des gesuchten Terroristen Heißler", erzählte Herold 1989 dem Spiegel.

Die RAF verließ sich fortan lieber auf geliehene Identitäten. Für Chef-Ermittler Herold war die Suche nach Versteckten wegen dieser – so nannte er es – "schützenden Haube eines durch ein bürgerliches Dasein getarntes Umfeld" stets sehr mühsam: Helfer und Helfershelfer überließen den Terroristen ihre Autos, ihre Ausweise und ihre Wohnungen. Manche wussten vielleicht auch nicht, wem sie da halfen, vermutet Buchautor Peters: "Das schwarze Brett an Universitäten war ein beliebter Wohnungsmarkt für die RAF." Besonders gern seien RAF-Mitglieder in Wohnungen eingezogen, die wegen eines Auslandsaufenthaltes ihres Mieters einige Zeit leer standen. Dann traten sie unter dessen Namen auf.

Zwanzig Jahre später gingen auch die Rechtsextremisten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit ganz ähnlichen Methoden vor: 13 Jahre lebten sie – obwohl von der thüringischen und sächsischen Polizei gesucht – unentdeckt in sieben verschiedenen Wohnungen in Chemnitz und Zwickau. Nachdem sie zuerst bei Bekannten Unterschlupf gefunden hatten, mieteten dann Strohmänner Wohnungen für das Trio an.

Ab 2001 trat der Fernfahrer Matthias D. als offizieller Mieter zweier Wohnungen auf, darunter das letzte NSU-Versteck in der Zwickauer Frühlingsstraße. Damit alles seine Richtigkeit hatte, schloss er mit Uwe Mundlos einen Zwischenmietvertrag unter dem Namen eines anderen Unterstützers – so hätten die drei im Verdachtsfall erklären können, wieso der offizielle Bewohner ständig abwesend war. Die Nachbarn bekamen von dem Konstrukt nichts mit: Beate Zschäpe trat vor ihnen unter dem Namen Susann oder Lisa auf, Nachname D. Der Vermieter wurde im NSU-Prozess bisher nicht angeklagt, es fehlen den Ermittlern die Beweise, dass er wusste, wen er da beherbergte.

PASS

Zu Beginn der 1970er Jahre brachen Linksterroristen noch in Amtsstuben ein, um Pässe und Stempel zu erbeuten. Später wurde umdisponiert: "Komplett gefälschte Papiere werden heute nur noch selten verwendet", sagt RAF-Autor Peters: "Zumeist werden Identitäten von Personen verwandt, die den Untergetauchten ähnlich sehen." Das zeigen auch die Erkenntnisse im NSU-Prozess: Mindestens drei Männer liehen Mundlos und Böhnhardt Name und Gesicht für Personalausweise und Reisepässe. Viele fragten lieber gar nicht erst nach, wofür ihre Identität genutzt werden solle.

Auf besonders aufwändige Weise ließ sich Uwe Böhnhardt von Holger G., heute Mitangeklagter im NSU-Prozess, helfen: Im Jahr 2001 ließ sich G. einen Oberlippenbart wachsen und setzte eine Brille auf, um dem untergetauchten Kameraden möglichst ähnlich zu sehen. Mit dem Foto beantragte er einen Reisepass bei der Stadt Hannover, den er dann an den mutmaßlichen Terroristen weitergab.

Holger G. bekam regelmäßig Besuche von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Sie hielten sich über sein Leben auf dem Laufenden. Die Terroristen wollten auf mögliche neugierige Fragen vorbereitet sein: Von einem anderen Helfer notierten sie einen ausführlichen Lebenslauf. In der Brandruine der letzten NSU-Wohnung fand sich sogar eine Geburtsurkunde – und damit die Möglichkeit, weitere Tarnpapiere zu beschaffen.

GELD

Böhnhardt und Mundlos raubten in den 13 Jahren Leben im Untergrund einen Supermarkt und 14 Banken aus. Letztlich führte das auch zur Enttarnung der Terrorzelle: Nach einem Überfall auf eine Eisenacher Sparkasse im November 2011 hatte die Polizei Mundlos und Böhnhardt in ihrem Wohnwagen eingekreist, die beiden begingen Selbstmord.

Vorausgegangen war ein simples Rechenspiel des Gothaer Polizeidirektors Michael Menzel: Er hatte die Raubserie in der Region beobachtet und bemerkt, dass der zeitliche Abstand zwischen den Überfällen mit der zuvor geraubten Beute zusammenhing. So ließ sich kalkulieren, dass die Bankräuber etwa 4000 bis 4500 Euro im Monat ausgaben – war das Geld alle, wurde die nächste Bank gestürmt. Als Mundlos und Böhnhardt in Eisenach zuschlugen, standen alle verfügbaren Einheiten bereit. Später wurden in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung des NSU Geldscheine aus früheren Banküberfällen gefunden - mehrere tausend Euro in bar.

Untergetauchte leben zumeist von Bargeld – ein Girokonto ist zu riskant, vor allem wenn regelmäßig oder nur alle paar Jahre große Einzahlungen eingehen. So zahlte der NSU die Miete in bar, Zeugen erzählten außerdem von einer dicken Geldbörse, aus der Beate Zschäpe stets bezahlte.

Das Bundeskriminalamt hofft nun, dass auch die drei untergetauchten RAF-Mitglieder wegen Geldnot demnächst einen entscheidenden Fehler machen. Die linksextremen Terroristen finanzierten sich von Beginn an mit Überfällen von Supermärkten und Banken. Wie die RAF, bei der es laut Peters "sicher eine Kiste Bargeld im Keller oder anderswo gab", diese bei der Währungsreform im Jahr 2000 von DM in Euro umtauschte, sei ihr Geheimnis.