So wie die Pegida-Bewegung uns etwas sagt über die psychische Verfasstheit Deutschlands im Jahr 2016, auch wenn die allermeisten Bürger dieses Landes sich zu Recht dagegen verwahren als rassistisch beschrieben zu werden, so erzählen uns auch die Ereignisse der Silvesternacht in Köln etwas über die psychische Verfasstheit junger Männer aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum, ohne dass wir damit allgemeingültige Aussagen treffen über den arabischen, den nordafrikanischen Mann oder den muslimischen Mann.

Nehmen wir die Übergriffe in Köln als Symptom, müssen wir nach dem Konflikt fragen, der durch das Symptom angezeigt wird. Damit gelangen wir zum Thema Sexualität und zu einer repressiven Kultur, die Männer und Frauen ihres sexuellen Selbstbestimmungsrechts beraubt. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist zwar unabhängig von Kultur und Lebensstil immer ein Instrument der Machtdemonstration. Aber es lohnt trotzdem, einen Blick darauf zu werfen, wie Sexualität in der Herkunftskultur der mutmaßlich meisten Täter gelebt wird.

Während Sex in der westlichen Welt als weitgehend enttabuisiert gilt und sogar dazu dient, Autos, Bier und Zeitschriften zu verkaufen, ist er im arabischen Raum mit vielfältigen Verboten belegt und eben deshalb ein omnipräsentes Thema. Tabuisierung geht in der Regel mit hoher Erregung einher. Dies führt dazu, dass der Alltag in diesen Ländern eine enorme sexuelle Aufladung erfährt. Kleinste Gesten, Begegnungen, Blicke, ein Stück nackte Haut, die Haare einer Frau – alles kann sexuell ausgelegt werden.

Nur so wird verständlich, warum ein Händedruck zwischen einem Mann und einer Frau ein Tabu sein kann. Für die meisten Menschen ist ein Händedruck ein Händedruck. Wer aber ständig damit beschäftigt ist, sexuelle Impulse abzuwehren, für den kann schon ein Händedruck eine gefährliche Verführung werden. Entsprechend existieren bewusste und unbewusste Verhaltenscodes in arabischen Ländern, die das Verhältnis zwischen Frauen und Männern regeln. So blickt man einem Fremden des anderen Geschlechts nicht direkt ins Gesicht oder lächelt ihn gar dabei an. Ein Mann und eine Frau halten sich auch nicht alleine in einem Raum auf, wenn sie einander fremd sind. Diese Regeln gelten also nicht nur für Frauen. Um die Tugendhaftigkeit eines Mannes zu rühmen, wird beispielsweise in der Türkei hervorgehoben, dass er keiner fremden Frau ins Gesicht schaue. Verdeckende Kleidung oder ein Kopftuch signalisieren Distanzierung und sexuelle Unverfügbarkeit.

Was passiert aber mit einer dermaßen desintegrierten Sexualität? Wenn Frauen und Männer sich nicht unbefangen begegnen können und ihre sexuellen Bedürfnisse keinen Raum finden? Die Sexualität ist eine machtvolle seelische Energie und lässt sich nicht von religiösen oder sozialen Regeln einfach ausschalten. Sie will sich entweder ausdrücken oder muss abgewehrt werden. Das Kopftuch dient jungen Frauen übrigens häufig dazu, ihre andrängenden sexuellen Wünsche in einem symbolischen Akt zu bannen. Eine andere Möglichkeit, mit Sexualität umzugehen, ist die Spaltung in Gut und Böse.

Spaltung in moralisch gute und schlechte Frauen

Während innerhalb des Familienverbandes sehr viele Regeln den Umgang zwischen den Geschlechtern und Generationen regulieren, kommt es im öffentlichen Raum immer wieder zu Übergriffen und verbalen Belästigungen. Derselbe junge Mann, der in Syrien, Ägypten oder in der Türkei die Ehre seiner weiblichen Verwandten mit allen Mitteln zu schützen bereit ist, belästigt auf der Straße andere junge Frauen. Eine Frau, die sich alleine im öffentlichen Raum bewegt, scheint in den Augen vieler dieser Männer herauszufallen aus dem Schutzraum Familie und verliert somit ihren Anspruch, unbelästigt ihres Weges gehen zu dürfen.