Eine Woche nach den Überfällen in Köln sind neue, politisch brisante Berichte und Zeugenaussagen aus der Silvesternacht öffentlich geworden – und sie werfen möglicherweise ein schlechtes Licht auf die Kölner Polizeiführung. Sie muss sich des Vorwurfs erwehren, falsch informiert zu haben. So sagte ein Bereitschaftspolizist, der in der Nacht Dienst hatte, gegenüber ZEIT ONLINE, es seien seiner Einschätzung nach etwa 70 Menschen kontrolliert worden. "Kaum eine der kontrollierten Personen konnte sich auf Deutsch verständigen. Die Mehrheit dieser 70 konnte sich nur mit einem Papier vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ausweisen. Darunter waren viele Nordafrikaner beziehungsweise Araber, auch Syrer", sagte der Polizist.

Wie belastbar diese Beobachtungen sind, ist noch unklar. Auch sind solche Papiere der Aussagekraft eines Ausweises nicht gleichzusetzen. Der Bereitschaftspolizist sagte weiter, die Beamten hätten in der Nacht viele Menschen kontrolliert, ohne dass dabei eine Straftat beobachtet wurde.

Die Namen seien von den Beamten an die Einsatzleitstelle weitergegeben worden. "Dort wird überprüft, ob gegen die entsprechende Person etwas vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, und wir keinen konkreten Verdacht einer Straftat haben, müssen wir die Person laufen lassen." Auf der Einsatzleitstelle werde der Name aus datenschutzrechtlichen Gründen wieder gelöscht.

In der Silvesternacht hatten sich am Kölner Hauptbahnhof nach Angaben der Polizei aus einer Menge von rund 1.000 Männern kleinere Gruppen herausgelöst, die Frauen umzingelt, begrapscht und bestohlen haben sollen. Noch am Neujahrsmorgen hatte sie die Stimmung in der Kölner Innenstadt zu Silvester als "friedlich" bezeichnet und erst am 2. Januar über die Übergriffe am Bahnhof informiert.

Während die Kölner Polizei weiter beteuerte, erst nach Mitternacht von den sexuellen Übergriffen auf Frauen erfahren zu haben, stellt der interne Bericht eines Bundespolizisten, aus dem zuerst die Bild-Zeitung und der Spiegel zitierten, die Geschehnisse anders dar: Er und seine Kollegen seien bereits vor 22.45 Uhr von "vielen aufgewühlten Passanten" über "Schlägereien, Diebstähle, sexuelle Übergriffe" informiert worden. Die Frauen hätten einen Spießrutenlauf erlebt "durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann". Auffällig sei die "sehr hohe Anzahl an Migranten innerhalb der polizeilichen Maßnahmen" gewesen.

Zeitweise sei es nicht möglich gewesen, Strafanzeigen aufzunehmen, heißt es in dem Bericht weiter. Polizisten wurden durch die Menschenmenge mancherorts bewusst daran gehindert, Geschädigten zu helfen oder an Zeugen oder Täter heranzukommen. Als die Polizei den Vorplatz des Domes gegen Mitternacht räumen ließ, hätten Gewalttäter die Beamten mit Feuerwerkskörpern beschossen. Den Maßnahmen der Polizei sei mit einer Respektlosigkeit begegnet worden, "wie ich sie in 29 Dienstjahren noch nicht erlebt habe", bilanziert der Beamte in seinem Bericht.

Kölns Polizei wollte sich zunächst nicht zu dem Bericht des Bundespolizisten äußern. Doch der Druck auf die Polizeiführung wird größer: Auch die Welt am Sonntag berichtet, mehrere Kölner Polizisten hätten der Darstellung der Polizeispitze widersprochen. Demnach seien durchaus etwa Hundert Menschen kontrolliert und viele von ihnen auch vorübergehend festgenommen worden. Davon sei nur eine kleine Minderheit Nordafrikaner gewesen, die meisten dagegen Syrer. Dies habe sich aus vorgelegten Dokumenten ergeben. Auch im Kölner Stadt-Anzeiger heißt es unter Berufung auf eigene Recherchen, es seien in Mitteilungen der Polizei Angaben zur Herkunft kontrollierter Männer verschwiegen worden.

Schon jetzt werden Rücktrittsforderungen gegen den Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers laut. Der beteuerte in einem Interview mit der Kölnischen Rundschau, er habe "im Verlauf des Neujahrsmorgens Kenntnis" von dem Einsatz erhalten. Es habe sich in der Silvesternacht eine Lage entwickelt, die "überraschend und so nicht vorhersehbar" gewesen sei. Außerdem seien die meisten Vorfälle für die Beamten wegen der Dunkelheit und des Gedränges nicht zu erkennen gewesen. So sagte Albers auch am 5. Januar, die Polizei habe noch keine Erkenntnisse über die Täter.

Merkel spricht von widerwärtigen Taten

Angesichts der massiven Übergriffe wird der Ruf nach Konsequenzen für Polizeispitze und Politik aber lauter. Kanzlerin Angela Merkel will eine verstärkte Debatte über die Grundlagen des kulturellen Zusammenlebens in Deutschland – zugleich sei zu prüfen, ob bisher bei der Ausweisung straffälliger Ausländer genug getan worden sei. "Was in der Silvesternacht passiert ist, das ist völlig inakzeptabel. Es sind widerwärtige, kriminelle Taten, (...) die Deutschland nicht hinnehmen wird." Wenn sich Frauen ausgeliefert fühlten, sei das auch für sie persönlich unerträglich.

Bei der Suche nach den Schuldigen kommt die Polizei derweil nur langsam voran: Es seien inzwischen 16 Verdächtige ausfindig gemacht worden. Die meisten seien noch nicht namentlich bekannt, aber auf Bild- oder Videoaufnahmen klar erkennbar, sagte ein Polizeisprecher. Einige Verdächtige – alle nordafrikanischer Herkunft – seien vorübergehend festgenommen worden, jedoch vor allem wegen Diebstählen, teils außerhalb von Köln.

Bis zum Donnerstagmittag wurden 121 Strafanzeigen gestellt. Bei etwa drei Viertel der angezeigten Taten hätten die Opfer angegeben, sexuell bedrängt worden zu sein. In 50 dieser Fälle seien die Frauen zudem bestohlen worden. Bislang wurden zwei Vergewaltigungen angezeigt. Auch in Hamburg gab es in der Silvesternacht Übergriffe – Hinweise auf einen Zusammenhang mit Köln sind bisher nicht bekannt. Die Zahl der Anzeigen bei der Hamburger Polizei stieg inzwischen auf 70.