Jetzt erwarten alle eine Antwort von Köln. Der Stadt, deren Name bis vor ein paar Tagen für einen optimistischen, etwas verschrobenen Ort stand. Köln schöpfte ihre Kraft immer auch aus der eigenen Selbstverliebtheit. Jetzt steht die Stadt auch international für Respektlosigkeit und Gewalt von Zugezogenen und für eine Polizei, die im Umgang mit diesen Leuten nichts als Fehler macht. Köln hat die Flüchtlinge so offenherzig aufgenommen wie sonst wohl kaum ein vergleichbarer Ort in Deutschland. Köln war schon vorher bunt und fühlte sich damit wohl. Und jetzt?

Einer, der meint, die Täterszene zu kennen, steht zwischen Zigaretten und Zeitschriften in seinem Kiosk etwas nördlich des Hauptbahnhofs. "Die bauen hier schon immer ihre Scheiße", sagt er: "Die", das seien Tunesier, Algerier. An Silvester sei ein Mann aus Marokko vorbeigekommen und habe ihm drei geklaute Handys gezeigt. Die Polizei habe ihn im Bahnhof festgenommen, erzählte der Marokkaner, dann aber wieder laufen gelassen.

Der Kioskbesitzer hilft kurz einer Kundin, ihr Handyguthaben aufzuladen. Er kennt sie mit Namen. Dann redet er weiter: "Die haben zu Hause Scheiße gebaut und Probleme bekommen", sagt er. "Jetzt kommen sie hierher und bauen weiter Scheiße. Schon lange." Ein paar Abschiebungen, meint er, und das Problem wäre erledigt. Dann erzählt der Kioskbesitzer noch, wo er selber herkommt: Er ist ein Jeside aus dem Nordirak, geflohen vor 25 Jahren. Jahrelang habe er in Angst vor einer Abschiebung gelebt.

Es gehört zum Kölner Selbstverständnis, dass zur Gesellschaft dieser Stadt Menschen aus unterschiedlichen Ländern gehören. Es gibt Lieder, die diesen Umstand besingen und zu denen man sich an Karneval in den Armen liegt. Wird das jetzt anders?

Auf dem Breslauer Platz hinter dem Hauptbahnhof steht am Samstag eine Frau mit kurzen weißen Haaren. Gerade jetzt müsse man zeigen, dass man die Stadt nicht den Rechten überlässt, sagt sie. Darum ist sie hier, bei der Demonstration gegen Pegida. "Wir haben eine Tradition mit 'Arsch huh' und so", sagt sie. "Das schützt uns." "Arsch huh" ist ein Bündnis, das seit den 1990er Jahren Konzerte, Demonstrationen und alles Mögliche gegen Fremdenfeindlichkeit organisiert. Auch die Demo auf dem Breslauer Platz wird von "Arsch huh" unterstützt, doch gekommen sind nicht mehr Menschen als zur Pegida-Demo. Das ist unüblich in Köln. Die Organisatorin sagt, dass viele potenzielle Teilnehmer wohl noch im Urlaub seien. Aber sie hält es auch möglich, dass bei vielen gerade die Wut auf die Täter überwiege – und nicht die Wut auf Nazis.

Eigentlich definieren viele Kölner ihre Heimat über Toleranz und Offenheit. Schon immer gab es hier auch Rechtsextreme, so wie die Partei Pro Köln. Um Sympathien in der Mitte der Gesellschaft kämpften sie jedoch jahrelang vergeblich. Die Kölner zogen eine klare Grenze: Wer sich mit den Rechten abgibt, der gehört nicht mehr dazu. Anders als im Osten Deutschlands gelang es im Westen auch Pegida bislang nicht, eine Brücke zwischen rechtem Rand und gesellschaftlicher Mitte zu bauen. Die Alternative für Deutschland (AfD) arbeitet weiter daran.

Erst zu den Feministen, dann zu Pegida

Auf der Treppe zwischen Bahnhofsvorplatz und Kölner Dom steht ein älteres Paar, beide sind Mitglied in der AfD und fühlen sich jetzt bestärkt. Werden nicht auch andere Parteien gegen die Übergriffigen vorgehen? "Blablabla", sagt die Frau und macht eine entsprechende Handbewegung. Von den Demonstrationen, die an diesem Samstag in Köln stattfinden, verspricht sie sich mehr. Darum ist sie eigens aus dem Ruhrgebiet angereist. Später geht es zu Pegida, vorher noch zum Frauen-Flashmob neben dem Dom.

Der Flashmob ist eigentlich von linksfeministischen Gruppen organisiert. Etwa 500 Menschen demonstrieren gegen Gewalt an Frauen, unter anderem mit einem Karnevalsklassiker: "Denn mir sin kölsche Mädcher / Hann Spetzebötzjer an / Mir lossen uns nit dran fummele / Mir lossen keiner dran." Im kölschen Liedgut findet sich auf praktisch alles eine Antwort.

Nachdem sich die Menge aufgelöst hat, stehen noch ein paar Frauen auf der Treppe und streiten. Eine fordert auf ihrem Transparent, über die "Hintergründe" der Taten zu sprechen. Wenn man sie fragt, sagt sie, dass arabische Männer hier nichts zu suchen hätten. Eine andere Demonstrantin bezichtigt sie deswegen des Rassismus. Zwei Frauen aus Wuppertal halten sich mit dieser Frage gar nicht auf. Sie wollen einfach nicht mehr öffentlich als "Fotze" beschimpft werden.