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Er hatte sich auf Silvester gefreut, vor allem auf das Feuerwerk. Schon im November hatte er mit seinen Freunden ausgemacht, dass sie nach Köln fahren würden, in die große Stadt mit der großen Kirche und dem großen Fluss. Er wollte gemeinsam mit den Deutschen das neue Jahr feiern. Friedlich, wie er sagt. "Aber diese Idioten haben alles kaputt gemacht, sie waren wie wilde Tiere."

Zehn Tage nach der Silvesternacht sitzt der Syrer Basel Esa auf dem Bett in seiner Flüchtlingsunterkunft in Bergheim, eine halbe Zugstunde westlich von Köln. Der 23-Jährige erzählt von dem, was er in jener Nacht am Kölner Hauptbahnhof sah und hörte: betrunkene Männer, die sich einen Spaß daraus machen, jungen Frauen an den Hintern zu fassen oder ihren Slip herunterzuziehen. Mädchen, die schreien und weinen, weil sie umzingelt werden, als wären sie die Beute einer Jagd. Polizisten, die angesichts der alkoholisierten Menschenmassen schlicht überfordert waren. "Es war ekelerregend", sagt Basel.

Mehr als 500 Anzeigen sind bislang bei der Polizei in Köln eingegangen, täglich werden es mehr. Es gibt Augenzeugenberichte von Opfern und Polizisten, es gibt vertrauliche Ermittlungsberichte, es gibt Bilder und Videoschnipsel, die Hunderte mutmaßlich arabisch- und nordafrikanischstämmige Männer auf dem Bahnhofsvorplatz zeigen.

Basel Esa war in jener Nacht mit seinen Freunden am Hauptbahnhof, das belegen Videos und Bilder, die ZEIT ONLINE einsehen konnte. Nicht alles, was Basel und seine Freunde erzählen, lässt sich durch andere Quellen verifizieren: Zu unübersichtlich und chaotisch ist die Lage noch immer. Die Aussagen sind subjektiv, aber liefern bemerkenswerte Einblicke, wie Flüchtlinge die Taten anderer Flüchtlinge und Migranten in dieser Nacht erlebten – und wieso Basel Esa nun ein hartes Eingreifen des deutschen Staats fordert.

Basel ("Just call me Basel!") stammt aus einer kleinen Stadt im Norden Syriens. Er studierte Ingenieurswissenschaften in Aleppo, als im Frühjahr 2011 der Bürgerkrieg ausbrach. Es war eine Bombe des Assad-Regimes, abgeworfen über seinem Wohnviertel, die zur Entscheidung geführt habe, Syrien zu verlassen, sagt Basel. "Die Häuser waren zerstört, auf der Straße lagen abgetrennte Körperteile. Da konnte ich nicht mehr."

Im Herbst 2013 floh Basel mit seiner Mutter und seiner Tante nach Istanbul. Dort arbeitete er zwei Jahre lang auf einem Basar, verkaufte Gewürze an Touristen, oft fünfzehn Stunden am Tag, für einen Hungerlohn, wie er sagt. Mit dem gesparten Geld bezahlte Basel im Sommer 2015 die Schleuser, die ihn nach Deutschland bringen sollten. Auf einem Plastikboot gelangte er vom türkischen Izmir nach Griechenland, von da aus in einem Laster nach Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Am 12. September, seinem 23. Geburtstag, erreichte Basel schließlich mit dem Zug München. 

In Deutschland hat Basel seitdem in zwei Erstaufnahmeeinrichtungen gelebt, ehe er im November in die Flüchtlingsunterkunft in Bergheim zog. Das Heim liegt etwas abgelegen am Rand der Stadt, auf einem Feld zwischen Gewächshäusern und Starkstrommasten. Die Zimmer der Flüchtlinge befinden sich in durchnummerierten Containern. In Basels Zimmer stehen zwei Betten, es gibt eine Dusche, einen kleinen Schrank und eine Kochnische. An die Wand ist ein Gebet in arabischer Schrift geschrieben.

Zwei Zimmer weiter wohnen Freunde von Basel, Gabriel und Ammar, ebenfalls Syrer. Mit ihnen fuhr Basel am Nachmittag des 31. Dezember mit der Regionalbahn nach Köln, um Silvester zu feiern. Sie sprechen kaum Englisch, Basel muss übersetzen.