Die ersten betrunkenen Flüchtlinge auf dem Bahnhofsgelände bemerkten sie gegen 18 Uhr, so erzählt es Basel, der als Muslim selbst keinen Alkohol trinkt. Es seien immer mehr Betrunkene im und um den Bahnhof aufgetaucht. "Sie haben flaschenweise Wodka getrunken, Whiskey, Martini", sagt Basel. Die Stimmung sei mit dem Alkoholpegel immer aggressiver geworden, es sei zu Schlägereien gekommen. "Viele dieser Leute hatten keine Erfahrung mit Alkohol, in ihrer Heimat ist das Trinken verboten."

Mit seinem Handy hat Basel ein zweiminütiges Video aufgenommen, das eine Gruppe junger Männer zeigt, die wild tanzen. Sie sind sichtlich betrunken, eine Menschentraube hat sich um sie gebildet, als plötzlich einer der Tänzer seinen Hintern entblößt. Die Menge johlt hörbar. "Diese Leute hatten keinerlei Kontrolle mehr über sich selbst", sagt Basel, als das Video zu Ende ist. Zeit für ein paar Fragen.

Der Syrer Basel Esa kam mit 23 Jahren nach Deutschland. © Lukas Koschnitzke

ZEIT ONLINE: Woher kamen die Leute, die an diesem Abend am Hauptbahnhof waren?

Basel Esa: Es waren vor allem Flüchtlinge dort, aus Algerien, Marokko, Somalia, Afghanistan, dem Irak oder wie wir aus Syrien. Auf dem Bahnhofsvorplatz habe ich mich einmal nach Deutschen umgesehen. Ich habe keinen gefunden.

ZEIT ONLINE: Woran erkennt man – aus einigen Metern Entfernung – die Herkunft dieser Männer?

Esa: Daran wie sie aussehen, wie sie sprechen. Ich höre doch auch, ob jemand britisches oder amerikanisches Englisch spricht.

ZEIT ONLINE: Wer hat die Frauen bedrängt und angefasst?

Esa: Das waren dumme, ungebildete Männer. Sie denken, wenn eine deutsche Frau enge Kleidung trägt, ist sie billig und hat keine Ehre. Ich habe vor allem Algerier und Afghanen gesehen, die auf die Frauen los sind, das war die Mehrheit. Manche haben versucht, im Vorbeigehen ihnen an den Hintern zu greifen, einmal habe ich gesehen, wie eine Gruppe von etwa 15 Männern zwei schreiende Frauen in ihre Mitte gezogen hat.

ZEIT ONLINE: Wieso ist die Situation derart eskaliert?

Esa: Viele Flüchtlinge aus Ländern wie Algerien wissen, dass sie kaum eine Chance haben, hier zu arbeiten, hier zu studieren. Sie werden eh zurückgeschickt. Deswegen denken sie, für sie gelten keine Regeln, sie können tun, was immer sie wollen. Das erzählen sie auch so offen.

Die Bundespolizei hatte bis vergangenen Freitag bislang 32 Tatverdächtige identifiziert, denen vor allem Körperverletzung und Diebstahl vorgeworfen wird. Neben drei Deutschen handelte es sich bei der Mehrheit tatsächlich um Algerier und Marokkaner, allerdings wurden Verdächtige aus fünf weiteren Ländern erfasst – darunter auch Syrien.

Um in keinen Ärger zu geraten, hätten er und seine Freunde das Bahnhofsgelände noch vor Mitternacht verlassen, sagt Basel. Den Jahreswechsel hätten sie in der Kölner Altstadt, in der Nähe des Rheinufers gefeiert. Gegen vier Uhr am Neujahrsmorgen machten sich Basel und seine Freunde auf den Weg zurück ins Wohnheim nach Bergheim. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei den Platz vor dem Bahnhof bereits geräumt.

Im Heim wird viel über die Silvesternacht gesprochen, sagt Basel. "Wir haben Angst, dass plötzlich diese Täter alle Flüchtlinge in Deutschland repräsentieren. Dass die Deutschen nicht mehr freundlich zu uns sind."

Wenn er über die Männer redet, die an Silvester Frauen begrapscht und Handys geklaut haben, klingt Basel plötzlich nicht mehr wie ein Flüchtling, sondern eher wie ein Politiker der AfD. "Ich verstehe nicht, wieso ihr Deutschen diese Verbrecher nicht sofort aus eurem Land schmeißt. Das wäre ein gutes Signal an die anderen", sagt er. Vielleicht, weil es den deutschen Rechtsstaat gerade auszeichnet, dass er jedem eine zweite Chance gibt? "Ich glaube, eure Regeln sind zu lasch", sagt Basel und zuckt mit den Schultern.

Es ertönt der Ruf eines Muezzins: Basels Handywecker, es ist Zeit für das Nachmittagsgebet. Als er eine Viertelstunde später wieder ins Zimmer kommt, setzt er sich mit verschränkten Armen aufs Bett. Er will noch etwas loswerden, eine Art Rede an die Nation:

"Ich möchte mich bei den Deutschen entschuldigen für das, was in Köln passiert ist", sagt er. "Aber bitte, bitte, verschärft eure Regeln. Ich habe sonst Angst, dass es noch mal passiert. Ist im Februar in Köln nicht so ein großes Fest?"

Basel meint den Karneval.