Was ist erschütternder? Die aktuellen Bilder von Kindern aus Madaja, die bis auf das Skelett abgemagert sind? Oder der Umstand, dass wir Ähnliches schon so oft gesehen haben, wenn wir es denn sehen wollten? Yarmouk, Muadhamiya, Douma, Aleppo. So lauten die Namen von Orten in Syrien, in denen der Hunger als Waffe eingesetzt wird.

Nun also Madaja und Zabadani, Fua und Kefraya. Man muss vier Namen nennen, um diese eine Geschichte zu verstehen. Madaja und Zabadani sind Nachbarstädte, die Ortsgrenzen berühren sich schon fast. Seit Juli vergangenen Jahres sind sie abgeriegelt von der syrischen Armee und der mit ihr verbündeten libanesischen Hisbollah-Miliz. In den vergangenen Wochen häuften sich die Todesfälle durch Hunger und Mangelernährung. Am Donnerstag erklärte die syrische Regierung, Hilfskonvois in die Stadt zu lassen. Damit ist eine Lockerung, keine Aufhebung der Blockade gemeint. Nur haben die 40.000 Bewohner solche Versprechungen in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder gehört. Vorräte sind so gut wie aufgebraucht und allenfalls zu aberwitzigen Preisen zu haben: Das Kilo Mehl kostet 100 Dollar, ein Kilo Reis 200 Dollar – derzeit ein absurder Weltrekord. Ein Bewohner bot vor einigen Tagen in Madaja sein Auto zum Verkauf an. Der Preis, aufgemalt auf einen Zettel hinter der Windschutzscheibe: "zehn Kilo Reis und fünf Kilo Baby-Milchpulver". Angeblich horten Händler Waren, um die Preise hochzutreiben.

Gespräche mit den Belagerten sind über Facebook und Skype möglich, und für diese oft eine surreale, niederschmetternde Erfahrung: Die virtuelle Verbindung mit der Außenwelt funktioniert gut genug, um sie für einen Moment am eigenen Überlebenskampf teilhaben zu lassen – bis dieser wieder vom Radarschirm der internationalen Medien verschwindet. Hier das Protokoll eines Gesprächs mit Amer Bourhan, 50 Jahre alt, Direktor des einzigen Hospitals in Zabadani, geführt am Donnerstagnachmittag. Es ist das dritte oder vierte Interview, das er an diesem Tag ausländischen Medien gibt, obwohl er selbst kaum noch auf den Beinen stehen kann:

"Die einzige Mahlzeit nehmen wir abends zu uns. Wir ernähren uns wie die Tiere, leben von Gras und Baumblättern. Jetzt liegt hier Schnee, also gibt es kein Gras. Die einzigen verfügbaren Blätter kommen von den Olivenbäumen. Davon werden manche akut krank. Bis vor Kurzem haben wir noch Brot aus Tierfutter gebacken, aber seit ein paar Tagen ist das Tierfutter alle.

Wir haben bislang 56 Todesfälle wegen Hunger und Mangelernährung dokumentiert. Viele Leute sind extrem abgemagert und fallen ständig in Ohnmacht. Wir geben ihnen eine Zuckerlösung, damit sie wieder aufwachen. Viele haben Magen- und Darmgeschwüre, weil sie sich von gekochtem Wasser mit Kräutern oder Gewürzen ernähren. Momentan stehen den Menschen hier etwa 0,5 Prozent ihres Kalorienbedarfs zur Verfügung."

Von Madaja/Zabadani bis in die Hauptstadt Damaskus sind es rund 30, zur libanesischen Grenze gut 10 Kilometer. Das sind fatale geografische Details. Denn Zabadani war bis zum Beginn des syrischen Bürgerkriegs eine zentrale Station auf der Achse Iran-Syrien-Libanon. Hier nahm die schiitische Hisbollah-Miliz Waffenlieferungen ihres iranischen Sponsors entgegen – unter dem wohlwollenden Schutz des Assad-Regimes. Um diese Achse aufrechtzuerhalten, haben Teheran und die Hisbollah so massiv im syrischen Bürgerkrieg interveniert.

Dass ausgerechnet Zabadani gleich zu Beginn des Bürgerkriegs 2011 von der Freien Syrischen Armee (FSA) erobert wurde, war folglich nicht nur ein Schock für das Assad-Regime, sondern auch für den Iran und die Hisbollah. Seither wird erbittert um die Stadt gekämpft, von der nicht mehr viel übrig ist. Ein Sammelsurium an Rebellen, darunter FSA-Kämpfer sowie Angehörige der islamistischen Miliz Ahrar al-Scham, haben sich in einigen Vierteln verschanzt. Es sind die letzten Anti-Assad-Stützpunkte entlang der syrisch-libanesischen Grenze. Der größte Teil der Bevölkerung ist nach Madaja geflohen oder wurde von der Hisbollah dorthin vertrieben – also von einem Belagerungsring in den nächsten, aus dem es kein Entkommen gibt. An den Ausfallstraßen lauern Scharfschützen, die Schleichwege sind vermint. Mehrere Dutzend Menschen sollen bei Fluchtversuchen getötet worden sein.