In Tunesien protestieren seit fast einer Woche Tausende gegen Arbeitslosigkeit und die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes. Es sind die schlimmsten sozialen Unruhen seit Beginn der arabischen Revolution vor fünf Jahren.

Die gewaltsamen Proteste dehnten sich in der Nacht zum Freitag auf weitere Regionen aus. Demonstranten griffen unter anderem in der Hauptstadt Tunis sowie in den Städten Jendouba und Bizerta Polizeiposten an, sagte ein Sprecher des tunesischen Innenministeriums. Polizeiautos seien angezündet worden. Medien berichteten, in einem ärmeren Vorort von Tunis seien Läden, Lager und mindestens eine Bank geplündert worden.

In Kasserine, wo die Aufstände am Wochenende begonnen hatten, setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas gegen die Demonstranten ein. In der Stadt Ferina im Zentrum des Landes wurde ein Polizist bei Zusammenstößen mit Demonstranten getötet.

Die Proteste gegen die schlechte wirtschaftliche Lage und die Arbeitslosigkeit hatten am vergangenen Wochenende in der Stadt Kasserine im Westen Tunesiens begonnen. Auslöser war der Tod des 28-jährigen Arbeitslosen Ridha Yahyaoui am vergangenen Samstag. Er war vor dem Gouverneurssitz auf einen Strommast geklettert, um dagegen zu protestieren, dass sein Name von einer Einstellungsliste für den öffentlichen Dienst gestrichen worden war. Er bekam einen Stromschlag und starb.  

In Tunesien ist eine Stelle im öffentlichen Dienst einer der wenigen Wege, an einen Arbeitsplatz zu kommen. Die Arbeitslosenquote in Tunesien liegt bei mehr als 15 Prozent, bei Akademikern sogar bei 32 Prozent. Die französische Le Monde zitiert einen jungen Tunesier, der sagte, man müsse bis zu 1.500 Euro bezahlen, um in Tunesien einen Job bekommen zu können.

Regierung verspricht neue Arbeitsplätze

Ministerpräsident Habib Essid brach wegen der Auseinandersetzungen seinen Besuch in Frankreich vorzeitig ab. Er hatte Anfang Januar bereits eine größere Kabinettsumbildung angekündigt. Staatschef Béji Caïd Essebsi sagte am Mittwoch, die Regierung habe das Land in einer sehr schwierigen Lage übernommen. Die Bevölkerung müsse ihr Zeit für Verbesserungen lassen.

Für die besonders arme Region Kasserine kündigte die Regierung als Reaktion auf die Proteste eine Reihe von Maßnahmen an. Darunter die Schaffung von 5.000 neuen Stellen und die Bereitstellung von 135 Millionen Dinar (60 Millionen Euro) für den Bau von 1.000 Sozialwohnungen.

In der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid hatten die als "Arabischer Frühling" bekannt gewordenen Aufstände begonnen, nachdem sich dort im Dezember 2010 der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Frust und Verzweiflung selbst angezündet hatte. Tunesien ist das einzige arabische Land, dem seitdem der Übergang in die Demokratie gelungen ist. Doch es fehlen soziale Rechte und Perspektiven, vor allem für die jungen Menschen im Land.