Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof wird Kritik an der Polizei laut. Hätte sie die Straftaten verhindern können? In einem Polizeibericht schilderte ein Beamter der Bundespolizei, dass er und seine Kollegen die Ereignisse nicht in den Griff bekamen. Hier berichtet ein Bereitschaftspolizist aus Köln anonym, wie er den Einsatz erlebt hat. 

"Als wir am Silvesterabend um 22 Uhr zum Dienst kamen, hieß es, dass vor dem Bahnhof eine Menge von 500 Menschen "ausgelassen feiert". Das war die Formulierung. Wir konnten nicht ahnen, wohin sich diese Nacht noch entwickeln würde. Es wurden immer mehr Männer und die Stimmung wurde immer aggressiver. Böller wurden auf Menschen geschmissen. Wir befürchteten, dass es schwere Schäden geben würde, wenn die Situation um Mitternacht eskaliert.

Darum zogen wir alle Kräfte zusammen und räumten gemeinsam mit den Kollegen von der Bundespolizei den Vorplatz. Die Aufgabe war schwierig. Meter um Meter rückten wir vom Dom aus die große Freitreppe hinunter nach Norden vor. Einige der Männer wehrten sich und zündeten weiter Böller. Wenn wir einen deswegen ansprachen, zündeten sofort vier weitere einen Böller.

Schließlich gelang es uns tatsächlich noch vor Mitternacht, den Platz geleert und damit die Gefahrensituation bereinigt zu haben. "Jetzt haben wir es geschafft", dachten wir. Die Situation schien zunächst ruhig. Bis dahin hatten wir ein sexuelles Delikt aufgenommen – leider nichts Unübliches an einem Silvesterabend.

Gegen 1 Uhr kam dann eine Durchsage. Der Einsatzleiter informierte uns darüber, dass es zu vielen Taschendiebstählen und sexuellen Übergriffen kommt. Damit hatten wir nicht gerechnet. Wo die Täter als nächstes zuschlagen würden, konnten wir nicht wissen. Also wandten wir uns an die Passanten, vor allem Frauen, die schutzbedürftig wirkten. Wir sagten ihnen, dass sie ihre Wertgegenstände eng bei sich tragen sollten, die Handtaschen unter den Jacken verstecken sollten.

"Wir bahnten einen Weg"

Vor dem Bahnhofseingang hatte sich eine Gruppe von 150-200 jungen Männern versammelt. Wer mit dem Zug nach Hause fahren wollte, musste da durch. Also bahnten wir zu einer der Türen einen Weg und sicherten die Gasse gegen die Männer. So viele Passanten wie möglich begleiteten wir vom Vorplatz durch diese Tür und ein Stück weit in den Bahnhof hinein. Dort übergaben wir die Personen wenn möglich an die Kollegen von der Bundespolizei. Wenn die nicht zur Stelle waren, mussten die Leute ihren Weg alleine fortsetzen.

In dieser Zeit haben wir elf Menschen in Gewahrsam genommen und vier festgenommen, von mehr als 70 die Personalien festgestellt. Außerdem gab es über 30 Strafanzeigen, die wir bearbeiten mussten. Zusammen mit der Räumung ist das eine sehr gute Leistung, das Maximum dessen, was man von uns erwarten kann. Ich habe die Medien in den letzten Tagen verfolgt. Was ich erfahre, überrascht mich. Und es schockiert mich, dass während unseres Einsatzes so etwas passieren konnte.

Verstärkung wäre nicht zu bekommen gewesen. Werktags ist von 6 bis 22 Uhr immer eine Hundertschaft in Reserve, an Feiertagen wie Silvester aber nur von 10 bis 18 Uhr. Und um 18 Uhr war ja noch alles ruhig. Darum hätten die Kollegen aus ganz Nordrhein-Westfalen anrücken müssen. Das hätte Stunden gedauert und sie hätten keine Schutzkleidung gehabt. Natürlich hätte man von vornherein mehr Kräfte dahaben können. Aber es gab schon knapp 90 Bereitschaftspolizisten statt der zum Jahreswechsel üblichen 40. Noch mehr wäre übertrieben gewesen.

Was wir erlebt haben, erzeugt in uns ein Gefühl von Wut und Hilflosigkeit. Seit dieser Nacht überlegen ich und meine Kollegen, ob wir irgendwelche Fehler gemacht haben. Die Frage lässt uns kaum los. Aber ich bin heute der festen Überzeugung, dass wir alles, was wir tun konnten, auch gemacht haben."