Was genau ist passiert?

In schwer zugänglichem Gelände zwischen dem Fluss Mangfall und einem Wald sind am Dienstag, den 9. Februar, wenige Kilometer westlich von Rosenheim zwei Nahverkehrszüge ineinandergefahren. Neun Tote wurden geborgen, zwei Verletzte starben im Krankenhaus.

Mehr als 60 Menschen erlitten leichte Verletzungen, 20 verletzten sich schwer. Die eingleisige Strecke ist durch die Trümmer der Waggons blockiert. Das Aufräumen dauert noch an.

Der eine Zug kam aus Rosenheim, planmäßige Abfahrtszeit war dort 6.37 Uhr. Er sollte um 7.23 Uhr im knapp 50 Kilometer westlich gelegenen Holzkirchen sein, wo viele Pendler in Züge nach München umsteigen. Der andere Zug war um 5.39 Uhr in München gestartet und sollte um 6.49 Uhr in Rosenheim ankommen. Doch etwa um 6.40 Uhr rasten beide Zugköpfe in einer langgezogenen Kurve ineinander – zwischen dem Haltepunkt Bad Aibling Kurpark und der Haltestelle Kolbermoor, einer Station vor Rosenheim. Eigentlich hatten die Züge in Kolbermoor aneinander vorbeifahren sollen.

Das Gleis verläuft am Unglücksort entlang des Flusses Mangfall zwischen einem schmalen Uferweg und einem Waldstück, gelegen auf der Innenseite der Kurve. Die Zugführer hatten deshalb erst sehr spät Sichtkontakt, es gab keine Chance, die Züge per Gefahrenbremsung zu stoppen. Am Unglücksort sind nach Angaben des Streckeninhabers DB Netz 100 Kilometer pro Stunde erlaubt. Entsprechend verheerend war die Wucht des Aufpralls.

Wer sind die Betroffenen?

Zehn der elf Toten sind Männer. In beiden Zügen saßen etwa 100 Fahrgäste. An diesem Morgen waren es überwiegend Pendler, von denen viele nach München wollten. Zum Glück seien keine Schüler in den Zügen gewesen, sagte ein Polizeisprecher – in Bayern sind derzeit Faschingsferien.

Wer oder was hat versagt?

Eine Woche nach dem Unglück haben die Ermittler die Gewissheit, dass das Unglück auf menschliches Versagen zurückzuführen ist. Der diensthabende Fahrdienstleiter habe ein falsches Signal gegeben, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese auf einer Pressekonferenz. Nachdem sich der Mann zunächst auf sein Aussageverweigerungsrecht berufen hatte, habe er sich am Montag ausführlich geäußert. Giese sagte vor Journalisten: "Hätte er sich regelgerecht – also pflichtgemäß – verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß der Züge gekommen." Als er seinen Fehler bemerkte, habe der 39-Jährige noch einen Notruf abgesetzt – allerdings zu spät. Auch ein zweiter Notruf habe die Kollision der Züge nicht verhindern können. Die Ermittler müssen noch aufklären, wer das Unglück wann hätte verhindern können. Gegen den Fahrdienstleiter wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Agenturen dpa und Reuters sowie die Süddeutsche Zeitung hatten bereits kurz nach dem Unglück unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, das Unglück sei auf menschliches Versagen zurückzuführen. Ein Fahrdienstleiter habe die Kollision ausgelöst, indem er das automatische Signalsystem außer Kraft setzte, um einen verspäteten Zug noch "quasi von Hand durchzuwinken", hieß es beim Redaktionsnetzwerk.

Demnach wäre Folgendes abgelaufen: Die Verspätung hatte der Zug in Richtung Rosenheim. Er befand sich also später als vorgesehen auf der Strecke zwischen Bad Aibling/Kurpark und Kolbermoor. Um der entgegenkommenden Bahn auszuweichen, hätte er den Bahnhof Kolbermoor erreichen müssen, der zweigleisig ausgeführt ist. Doch der Gegenzug in Richtung Holzkirchen/München wartete dessen Ankunft in Kolbermoor nicht ab, sondern verließ die Station, bevor der verspätete Zug dort eintraf. Beide Züge kollidierten.

Polizei, Bahnbetreiber und Staatsanwaltschaft wollten sich nach dem Unglück nicht an Spekulationen beteiligen. Erst eine Woche nach dem Unglück – in einer offiziellen Pressekonferenz – bestätigten sie, dass der Fahrdienstleiter für das Unglück verantwortlich ist.

Sind eingleisige Strecken nicht viel zu riskant?

Ein Großteil des deutschen Schienennetzes ist eingleisig, von insgesamt rund 33.200 Kilometern Netz haben etwa 15.000 Kilometer nur ein Gleis – nicht nur Nebenstrecken, sondern auch Hauptstrecken und selbst ICE-Strecken. In Bayern ist die Hälfte der rund 6.000 Streckenkilometer eingleisig. Häufig habe es topografische Gründe, dass keine zwei Gleise verlegt werden, sagte eine Sprecherin von DB Netz, der für die Infrastruktur zuständige Deutsche-Bahn-Sparte.

DB Netz macht im Hinblick auf die Sicherheitstechnik keine Unterschiede zwischen ein- und mehrgleisigen Strecken. Das Netz wird flächendeckend durch das System "punktförmige Zugbeeinflussung" gesichert: Magnete im Gleisbett sind dabei mit den Signalen an der Strecke verkabelt, ein Gerät im Zug wiederum empfängt von den Magneten Signale. Steht ein Hauptsignal auf Rot, erhält der Lokführer ein Signal – er muss dann mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, anderenfalls bremst die Technik im Triebwagen den Zug ab. Laut Verkehrsminister Alexander Dobrindt ist das System in Deutschland Standard.

Nach Angaben der Deutschen Bahn ist dieses System auf der betroffenen Strecke erst vor etwa einer Woche technisch überprüft worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte für Bayern, Klaus-Dieter Josel.

Was zeichnet eine Blackbox auf?

Ähnlich wie Flugzeuge haben auch Eisenbahnzüge einen Fahrtenschreiber, mithilfe dessen der Fahrtverlauf rekonstruiert werden kann. Dazu gehören die gefahrene Wegstrecke, Geschwindigkeit und die Geschwindigkeitsentwicklung – also wann ein Zug beispielsweise beschleunigt oder gebremst hat. Darüber hinaus zeichnen die Geräte die Steueraktivitäten des Lokführers auf und die Eingriffe des automatischen Zugsteuerungssystems.

Die Ermittler des Eisenbahn-Bundesamtes und die Strafvollzugsbehörden werten die Daten auf den Blackboxes aus. In dreiteiligen Meridian-Zügen ist jeweils eine Blackbox installiert. In den Unfall waren ein drei- und ein sechsteiliger Meridian-Zug verwickelt.

Die vollständige Auswertung kann Tage, gar Wochen dauern. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf die Leit- und Sicherungstechnik und die betrieblichen Abläufe, sagte ein Sprecher der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB), die die Daten gemeinsam mit den Strafverfolgungsbehörden auswerten wird, ZEIT ONLINE.  

Bislang konnte bei der Auswertung der Daten kein technischer Fehler gefunden werden. Bahnstrecken sind aus Sicherheitsgründen in Abschnitte unterteilt. Ist ein Zug in einen Abschnitt eingefahren, wird dieser Streckenbereich gesperrt. Nach Überfahren der Grenze zum nächsten Abschnitt gibt ein Stellwerk den verlassenen Bereich wieder frei. Nicht alle Freigaben erfolgen automatisch. Das ist abhängig vom Stellwerkstyp und der dort verbauten Technik. (Mehr Informationen zur Stellwerkstechnik gibt es hier.) Sowohl menschliches als auch technisches Versagen kann Kollisionen verursachen.

Wer betrieb die verunglückten Züge?

Die Bayerische Oberlandbahn GmbH. Sie bedient die Strecke mit Zügen unter der Marke Meridian. Unter diesem Namen fahren Züge von München über Holzkirchen und Rosenheim nach Salzburg und Kufstein. Die Oberlandbahn bedient zudem drei Linien zwischen München sowie Lenggries, Bayrischzell und Tegernsee. Das Unternehmen ist Teil des französischen Verkehrskonzerns Transdev. Der Konzern gehört je zur Hälfte dem staatlichen französischen Finanzinstitut Caisse des Dépôts (CDC) und dem börsennotierten Konzern Veolia Environnement. Produziert hat die Züge der Schweizer Hersteller Stadler Rail.

Wie häufig gibt es Kollisionen auf Gleisen?

Unfälle mit Bahnzügen gibt es fast jährlich. Züge entgleisen, fahren in herabgestürztes Geröll oder in Rinderherden. Kollisionen von Zügen waren in den vergangenen 16 Jahren dagegen seltener: Im August 2014 rammte in Mannheim ein Güterzug einen Eurocity mit 250 Passagieren. Zwei Waggons stürzten dadurch um, 35 Menschen wurden verletzt. Der Lokführer des Güterzugs hatte ein Haltesignal übersehen. Im Januar 2011 starben zehn Menschen, als ein Nahverkehrszug bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt mit einem Güterzug zusammenstieß. Ein Lokführer hatte zwei Haltesignale überfahren. Im Oktober 2009 stießen bei einer Feier zum 125-jährigen Bestehen der historischen Lößnitzgrundbahn in Sachsen zwei der historischen Züge zusammen. 52 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Im Juni 2003 kollidierten bei Schrozberg in Baden-Württemberg zwei Regionalzüge. Sechs Menschen starben.

Zugunglück Oberbayern - Reaktionen auf das Zugunglück Die Zahl der Toten infolge des Zugunglücks in Bad Aibling steigt weiter an. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kam zum Unglücksort und sprach von einer "schweren Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland".