Es nicht das erste Mal, dass Deutschland sich über verwackelte Nachtaufnahmen erschreckt, die von großem Hass gegen Flüchtlinge zeugen. Das gab es auch im Sommer 1992, als Menschen in Rostock-Lichtenhagen versuchten, sich aus einem brennenden Haus zu retten. Ohne Schutz der Polizei, verfolgt von einer grölenden Menge, die "Sieg Heil" rief, beobachtet von Tausenden, die den Mob bejubelten. Drei furchtbare Tage lang.

Lichtenhagen war nicht der einzige Tatort. Andere hießen Mölln, Solingen und Hoyerswerda. Menschen starben damals, weil aus der Furcht vor den Flüchtlingen, die vor den Balkankriegen flohen, bei manchen blinder Hass geworden war.

Doch gleichzeitig tat sich auch etwas in der Zivilgesellschaft. Am 6. Dezember 1992 standen 400.000 Menschen in der Münchner Innenstadt – mit Kerzen in der Hand protestierten sie gegen Ausländerhass. Wenige Tage später ein Rockspektakel gegen Rechts vor der Frankfurter Messehalle (hier ein Videomitschnitt). 150.000 Zuhörer. Die Toten Hosen. Peter Maffay. BAP. Grönemeyer. Ein Riesenchor singt Westernhagens Hymne Freiheit. Welch ein Zeichen.

Man kann darüber diskutieren, was die Demonstrationen am Ende brachten. Union und SPD hielten es jedenfalls für opportun, den Hass des Mobs zu besänftigen, indem sie das Grundrecht auf Asyl radikal einschränkten. Noch als 2014 der Bundestag mit einer Rede Navid Kermanis den 65. Jahrestag des Grundgesetzes beging, nannte der diesen Schritt eine würdelose "Verstümmelung" der Verfassung. Und doch zeigten die Massenkundgebungen, dass Hunderttausende nicht bereit waren, die Brutalisierung der Gesellschaft zu dulden. So etwas kann kein Politiker ignorieren.

Und heute? Noch ist niemand gestorben bei den Angriffen auf Flüchtlingsheime. Trotzdem haben nicht erst Clausnitz und Bautzen gezeigt, dass wieder eine Minderheit der Bevölkerung ernsthaft bereit ist, Hass und Gewalt gegen Flüchtlinge mindestens zu tolerieren.

Wie viele Redaktionen erreichen auch das Team von ZEIT ONLINE jeden Tag Tweets voller Zynismus und Kommentare voller Hass. Gerüchte werden im Netz gestreut und vergiften das politische und gesellschaftliche Klima – je schriller, desto größer ist ihre Reichweite.

Auch außerhalb der pegidaaffinen Milieus haben sich die Debatten über Flüchtlinge spätestens seit der Kölner Silvesternacht verändert. Kaum eine Talkshow mehr ohne Rechtspopulisten, kaum ein Tag, an dem nicht ein Politiker fordert, die Anliegen angeblich nur besorgter Bürger ernst zu nehmen.     

In der EU löst sich gerade die Idee der offenen Grenzen in ideologischem Streit auf. In Rheinland-Pfalz fordert die wahlkämpfende Julia Klöckner in der Hoffnung auf womöglich entscheidende Wählerstimmen neuerdings die Obergrenzen, die ihre Parteichefin nicht will – und sie selbst vor Kurzem auch noch nicht.

Angst, politischer Opportunismus und rassistischer Populismus bestimmen die Diskussionen. Fast vollständig abwesend sind dagegen inzwischen jene, die seit Monaten täglich helfen, den Hass zu bekämpfen und den Flüchtlingen das Leben zu erleichtern.