ZEIT ONLINE: Der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann hat das Vorgehen der Polizisten in Clausnitz, die drei Flüchtlinge gewaltsam aus einem Bus gezogen haben, als "absolut notwendig" und "verhältnismäßig" bezeichnet. Wie sehen Sie das?

Rafael Behr: Es gibt bei Einsätzen einen gewissen Spielraum. Ich finde die Ruppigkeit, die im Video zu sehen ist, grenzwertig. Aber ein klares Missverhalten kann ich auf den Bildern, die ich gesehen habe, nicht feststellen. Ich kenne allerdings eine Reihe Polizisten, die es anders und besser gemacht hätten. Was ich schlimmer finde, ist die Erklärung des Polizeipräsidenten. Die zeugt von grober Instinktlosigkeit.

 ZEIT ONLINE: Uwe Reißmann hat Ermittlungen gegen einzelne Flüchtlinge aus dem Bus angekündigt.

Behr: Das ist eine verheerende Botschaft. Opfer werden zu Tätern gemacht. Natürlich muss man Anzeigen nachgehen. Aber es gibt verschiedene Arten, das zu tun. Als das Mainzer Staatstheater im November eine Demonstration der AfD mit der "Ode an die Freude" störte und eine Anzeige wegen Störung einer Versammlung bekam, hat die dortige Polizei gesagt: Es tut uns leid, aber wir müssen die Anzeige verfolgen. Kurz darauf haben das Polizeiorchester und das Orchester des Staatstheaters gemeinsam ein Benefizkonzert gegeben. So etwas sendet eine ganz andere Botschaft. Was in Clausnitz passiert ist, sendet ein fatales Signal an die Zivilgesellschaft.

ZEIT ONLINE: Im Einsatz waren 28 Polizisten, darunter sechs Bundespolizisten. Wie kommt es, dass sie es nicht geschafft haben, die Platzverweise umzusetzen und sich gegen die 100 Demonstranten durchzusetzen?

Sachsen - Sachsens Innenminister nennt grölende Demonstranten “zutiefst beschämend” Rund 100 Demonstranten haben am Donnerstagabend in Clausnitz versucht, die Ankunft von Flüchtlingen in einer Unterkunft zu verhindern. Das Video auf einer fremdenfeindlichen Facebook-Seite ist inzwischen nicht mehr abrufbar.

Behr: Die Polizisten waren gleichzeitig mit der krakeelenden Menge und mit den Insassen im Bus beschäftigt. Vielleicht war es keine geschlossene Einheit, sondern Polizisten, die sich nicht kannten. Darüber könnte ich nur spekulieren. Im Nachhinein weiß man es immer besser. Sicher haben sie getan, was sie konnten, aber manchmal geht eben nicht alles. Die ausgesprochenen Platzverweise waren bei dieser Unterlegenheit nicht durchzusetzen. Dafür habe ich Verständnis.

ZEIT ONLINE: Ein etwa 10-jähriger Junge wurde im Würgegriff in das Flüchtlingsheim geführt. Ist das nicht eine Überreaktion?

Behr: Das sieht in der Tat sehr unprofessionell aus. Die Menschen in den Bussen haben sich mehr gefürchtet, als die Polizisten geglaubt haben. Die Polizisten wollten die Flüchtlinge unbedingt in die Unterkunft bringen, was prinzipiell richtig war. Aber sie haben darüber alles andere aus den Augen verloren. Zum Beispiel, wie sich ein 10-jähriger Junge fühlt, der geflüchtet ist, und nun von einem Polizisten in den Schwitzkasten genommen wird; der vielleicht andere Erfahrungen mit Polizisten gemacht hat, als ein deutscher 10-Jähriger. Vom Ergebnis her gedacht, haben sie vielleicht alles richtig gemacht. Formaljuristisch wird man ihnen auch nichts anlasten können. Aber es bleibt ein übler Beigeschmack. Die Einsatzkräfte haben sich für mein Dafürhalten empathielos verhalten.

ZEIT ONLINE: Müssten Polizisten stärker sozial geschult werden?

Behr: Ja. Aber man braucht dazu nicht unbedingt interkulturelle Seminare. Es geht um Wirkungsfolgenabschätzung und darum, in einer Situation offen zu bleiben. Viele Polizisten wissen wenig von der Klientel, mit der sie es zu tun haben.